Nachhaltig leben ohne Verzicht – geht das?

 Nachhaltigkeit muss nicht kompliziert sein: Apfel statt Ananas, mal auf die Öffis umsteigen oder cleverer putzen. Kleine Alltagshacks statt Askese helfen nicht nur dabei, CO einzusparen, sondern schonen auch den Geldbeutel – und machen gesünder und glücklicher.

Illustrationen: Gemma Portella
Illustrationen: Gemma Portella
Silke Amthor Redaktion

Morgens im Supermarkt: Kühlregale voll mit Milch- und Milchersatzprodukten, jede zweite Packung glänzt durch „Bio“, „Regional“, „Fairtrade“ oder „klimapositiv“. Einfach mal was Neues ausprobieren? Kokos statt Kuh? Und dabei gleich ein wenig die Welt retten? Oder damit lieber bis morgen warten? Und dann landet doch wieder die H-Milch im Einkaufswagen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Routine liegt uns oft mehr als Revolution. Auch beim Versuch, ein bisschen umweltbewusster zu leben. 

Den Klimaschutz halten 54 Prozent aller Befragten laut einer Studie des Umweltbundesamtes für sehr wichtig. Doch der Optimismus, die Folgen des Klimawandels auch bewältigen zu können, schwindet. Nur ein knappes Drittel aller Deutschen ist davon überzeugt, dass wir das Ruder noch herumreißen können. Und überhaupt: Hat Deutschland nicht gerade dringendere Probleme – von Krieg und Inflation bis zu kaputtgesparten Schulen und Krankenhäusern? Bei der jährlichen Umfrage des Versicherers R+V zu den größten Ängsten der Deutschen machten sich 2024 noch 42 Prozent Sorgen um die Schieflage unseres Planeten, 2025 waren es nur noch 36 Prozent der Befragten.
 

KANN MEIN HAFERDRINK DIE WELT RETTEN?


Hinzu kommt ein Imageproblem. Nachhaltigkeit – das klingt für viele nach teurem Bio-Bußgang, moralischem Zeigefinger und Verzicht auf das gewohnte „gute“ Leben. Doch worauf würden wir dabei eigentlich verzichten? Auf Billig-Fleisch aus Massentierhaltung voller Antibiotika? Putzmittel, die Hustenreiz verursachen? Fadenscheinige 3-Euro-Shirts voller Schadstoffe aus prekärer Produktion? Die gute Nachricht: „Nachhaltigkeit ist kein Askese-Programm“, so Professor Doris Fuchs, Wissenschaftliche Direktorin des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS). „Es geht nicht darum, im Jute-Sack zu leben und Löwenzahn zu essen – es sei denn, Sie mögen Löwenzahn“, sagt die Potsdamer Expertin. 

Aber kann ich als Einzelner überhaupt etwas bewirken, während Donald Trump das Pariser Klimaabkommen aufkündigt und die Industrie CO₂ in die Welt pustet, als gäbe es kein Morgen? Ja, wir können, denn nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) entfielen 2023 rund ein Drittel aller Emissionen in Deutschland auf private Haushalte. Fleisch und Flüge gehören zu den größten Treibern. Auch wie wir wohnen, wirkt sich auf den CO₂ Verbrauch aus. Ein Quadratmeter mehr Wohnfläche bedeutet im Schnitt rund 22 Kilogramm mehr Emissionen pro Jahr. Der Griff zur Hafermilch rettet nicht die Welt – aber verschiebt die Bilanz ein Stück zum Positiven. Und wer in der Kantine die Veggie-Bowl bestellt oder den Nachwuchs mit dem E-Lastenbike zur Kita bringt, findet vielleicht Nachahmer. Leise soziale Ansteckung statt moralischem Großprojekt also. Doch Doris Fuchs warnt zugleich: „Verantwortung für Klima und Umwelt darf nicht nur dem Einzelnen zugeschoben werden, während Regierungen und Konzerne weiter im ,Business as usual‘ verharren.“
 

KLIMAKILLER BUTTER


Unsere Ernährung macht laut Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) ein Drittel des privaten ökologischen Fußabdrucks aus. Rund 80 Prozent davon hängen an tierischen Lebensmitteln. Für ihre Produktion braucht man viel Wasser und Energie, aber auch große Flächen für Futter. Zudem entstehen dabei große Mengen an Treibhausgasen wie Methan oder Lachgas – beide deutlich klimaschädlicher als CO. Wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, für den lohnt es sich, den Teller mal neu zu „denken“: pflanzliche Gerichte als Basis, Tierisches als Topping, Linsencurry mit ein paar Bio-Hähnchenstreifen, Ratatouille mit einigen Sardinen. Das trägt schon dazu bei, den persönlichen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Weniger Fleisch tut auch unserem Körper gut. „Wer möglichst oft das vegetarische oder vegane Essen in der Kantine oder im Restaurant wählt, kann auch typischen Wohlstandskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht vorbeugen“, so Doris Fuchs. Auch wenn sie harmlos wirken: Butter, Sahne oder Käse sind echte Klimakiller. Je fetter ein Produkt, umso mehr Milch braucht es – und umso größer der CO. Wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, für den lohnt es sich, den Teller mal neu zu „denken“: pflanzliche Gerichte als Basis, Tierisches als Topping, Linsencurry mit ein paar Bio-Hähnchenstreifen, Ratatouille mit einigen Sardinen. Das trägt schon dazu bei, den persönlichen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Weniger Fleisch tut auch unserem Körper gut. „Wer möglichst oft das vegetarische oder vegane Essen in der Kantine oder im Restaurant wählt, kann auch typischen Wohlstandskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht vorbeugen“, so Doris Fuchs. Auch wenn sie harmlos wirken: Butter, Sahne oder Käse sind echte Klimakiller. Je fetter ein Produkt, umso mehr Milch braucht es – und umso größer der COFußabdruck. Ob Bio oder nicht spielt dabei keine große Rolle. Man muss sich die Butter nicht gleich vom Brot nehmen lassen, aber wie wäre es, beim Kuchenbacken mal auf pflanzliche Margarine zusetzen? Während für ein Kilo Butter laut ifeu rund neun bis elf Kilo CO₂ in der Atmosphäre landen, sind es für Margarine nur zwei bis drei Kilo.
 

ZU VIELE LEBENSMITTEL FÜR DIE TONNE

 

Lebensmittelverschwendung ist einer der unsichtbaren Klimafresser. Was aufwendig angebaut, verpackt und transportiert wurde, landet einfach auf dem Müll. Laut World Wildlife Found (WWF) trifft dieses Schicksal jedes dritte Lebensmittel in Deutschland – über 18 Millionen Tonnen pro Jahr. Was hilft? Meal Prep etwa, das Zubereiten von größeren Portionen aus frischen Zutaten, die man nach und nach essen kann. Gleiches gilt für Kräuter oder Gemüse mit Welk-Potential: kleinschneiden – und ab in den Froster. Bei Produkten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, gilt: riechen und gucken statt panisch wegwerfen. Und dazu im Supermarkt mal unperfekte Möhren retten oder einzelne Bananen adoptieren. Klingt vielleicht albern, verhindert aber, dass genau diese am Abend im Müllcontainer landen. Saisonales heimisches Obst und Gemüse bessert die persönliche Klimabilanz ebenfalls auf. Ein Kilo regionaler Äpfel belastet laut ifeu-Institut die Umwelt mit 0,3 Kilo CO, eine Flug-Ananas aus Costa Rica mit 15,1 Kilo. 

Illustrationen: Gemma Portella
Illustrationen: Gemma Portella

 

„VIER GEWINNT“ IM HAUSHALT


Nachhaltigkeit zuhause bedeutet nicht mehr Arbeit – man spart oft sogar Zeit und Geld. Also: LED-Lampen einbauen, Waschen bei 30 Grad und den Geschirrspüler erst anmachen, wenn er wirklich voll ist. Oft steht im Putzregal eine Armee von Antikalk-Superhelden, Desinfektionsmutanten und Fett-Vernichtern. Ihre Mission: fiese Mächte vernichten, die unter Klodeckeln oder Dunstabzugshauben lauern. Braucht kein Mensch, sagt die Verbraucherzentrale. Drei bis vier umweltfreundliche Putzmittel reichen aus: ein neutraler Allzweckreiniger für Fettschmutz, ein Scheuerpulver für robuste Oberflächen, Zitronensäure- oder Essigreiniger gegen Kalk sowie ein Spülmittel oder Tabs für das Geschirr. Laut dem Naturschutzbund NABU spülen private Haushalte in Deutschland jährlich rund 565.000 Tonnen Chemikalien aus Wasch- und Reinigungsmitteln in den Abfluss, ein Drittel davon ist giftig für Wasserorganismen. Besonders schädlich: Backofen-Sprays, Rohrreiniger und WC-Duftsteine.

Auch im Bad geht’s minimalistischer. Feste Shampoos, Conditioner, Duschstücke, Zahnpasta-Tabs sowie DIY-Peelings aus Zucker und Honig wirken der Flut an Kunststoffmüll und Mikroplastik entgegen. Dabei helfen auch ganz natürliche Allrounder wie Mandel- oder Jojobaöl, die sich als Make-up-Entferner, Hautpflege, sowie Kur für trockene Haarspitzen eignen. Und große Müllmengen durch Einwegprodukte wie Wattepads, Tampons und Binden lassen sich durch waschbare Abschminkpads aus Baumwolle, Periodenunterwäsche oder wiederverwendbare Menstruationstassen aus Silikon deutlich reduzieren.
 

MOBILITÄT UND URLAUB – WENIGER STRESS, MEHR ME-TIME


Mal das Auto stehen lassen und für die Fahrt zum Bäcker oder ins Büro aufs Rad steigen, das hilft der Umwelt – und dem eigenen Herz-Kreislauf-System. Statt Stau und nerviger Parkplatzsuche den Kopfhörer auf, den Podcast oder das Hörbuch an – so geht Me-Time auch im ÖPNV. Und wie wäre es, wenn der Urlaub mal nicht mit Schlangen an der Sicherheitskontrolle, Sardinenfeeling in der Economy Class und Jetlag beginnt? Nachtzüge bringen uns buchstäblich im Schlaf nach Paris, Prag, Budapest oder Zürich. Klimafreundliche Micro-Adventures gehen noch schneller, etwa eine Kajaktour auf der Lahn, eine Wanderung durch die Sächsische Schweiz oder eine Fahrradtour durchs Umland.

Fazit: Nachhaltiger leben bedeutet nicht Verzicht, sondern kann ein echter Gewinn sein – an Zeit, Ruhe, Genuss, Geld und Lebensfreude. Und manchmal fängt das kleine Abenteuer schon damit an, im Kühlregal einfach mal zu einer anderen Packung zu greifen … 
 

CO2-FUSSABDRUCK – WAS IST DAS EIGENTLICH?


Der CO2-Fußabdruck ist ein unsichtbarer Stempel, den wir auf der Erde hinterlassen. Er zeigt an, wieviel an klimaschädlichen Treibhausgasen eine Privatperson, ein Unternehmen, ein Produkt oder eine Aktivität in die Luft abgibt. Etwa durchs Autofahren, die Produktion eines Möbelstücks oder eine Reise. Über zahlreiche Online-CO2-Rechner kann man sich seine individuelle Klimabilanz erstellen lassen.
 

WENIGER IST MEHR


13 Prozent des privaten Fußabdrucks gehen auf das Konsum-Konto. So wird das Minus geringer:
• Leihen statt Kaufen: Dinge, die man selten braucht wie Gartengeräte, spezielle Werkzeuge oder Dachboxen fürs Auto kann man über Nachbarschafts-Apps oder Kleinanzeigen-Portale leihen. Bibliotheken bieten eine Riesenauswahl von Büchern, aber auch digitalen Medien für eine geringe Mitgliedsgebühr an.
• Reparatur statt Neukauf: Toaster kaputt? Nicht gleich zum Wertstoffhof damit! Wer technisch nicht so begabt ist, findet in Repair-Cafés mit Ehrenamtlichen Hilfe für fast jedes Problem.
• Qualität statt Quantität: Hochwertige Produkte sind oft langlebiger und reduzieren so das Müllaufkommen.
• Digitaler Minimalismus: Internetkäufe tätigt man oft in Sekundenschnelle. Ab sofort: 24 Stunden im Warenkorb lassen – und dann erst entscheiden.

Erster Artikel