Ideen für die Wiederverwertung

Seit zehn Jahren zeichnet der britische Green Alley Award Ideen für die Kreislaufwirtschaft aus. Es geht dabei sehr viel um Plastik. 

Illustration: Cristina Franco Roda
Illustration: Cristina Franco Roda
Mirko Heinemann Redaktion

Die süditalienische Hafenstadt Bari an der Adria mag den meisten für seinen Fährhafen mit Verbindung nach Griechenland bekannt sein. Sie verfügt aber auch über eine Technische Universität, aus der zahlreiche Innovationen hervorgehen. Eine davon ist das Start-up AraBat, gegründet von Absolventen dieses Polytechnikums. AraBat hat eine Technologie entwickelt, die das Recycling von Altbatterien und die Rückgewinnung von Rohstoffen stark vereinfacht. Es werden biomassebasierte Verfahren eingesetzt, die Nebenprodukte und Abfälle aus der Obst- und Gemüseverarbeitung nutzen. Materialien wie Lithium, Kobalt und Nickel können zurückgewonnen und in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden, anstatt sie in Deponien zu entsorgen. 

Das Start-up wurde in diesem Jahr für den renommierten Green Alley Award nominiert. Europas ältester Preis für innovative Start-ups im Bereich der Kreislaufwirtschaft wurde 2014 ins Leben gerufen, um Ideen für den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft sichtbar zu machen und in tragfähige Geschäftsmodelle zu überführen. Die Industrie ist auf der Suche nach innovativen Lösungen.
 
Vor allem Plastik ist ein riesiges Problem: 2021 wurden laut Branchenverband Plastics Europe weltweit rund 390 Millionen Tonnen Plastik produziert. Davon wurden nur etwa 9 Prozent wiederverwertet. Millionen Tonnen Plastik landen in Ozeanen, Deponien und der Umwelt. In Deutschland, wo etwa 6,6 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle anfielen, davon 3,1 Millionen Tonnen Verpackungen, liegt die Recyclingquote bei rund 47 Prozent für Verpackungen und 31 Prozent für andere Kunststoffprodukte. 

»Die Industrie ist auf der Suche nach innovativen Lösungen für die Kreislaufwirtschaft.«

Bisher wird vor allem mechanisch wiederverwertet, vor allem sortenreine Kunststoffabfälle wie PET-Flaschen oder Haushaltsverpackungen. Daraus werden minderwertige Produkte wie Einkaufstüten oder Blumentöpfe hergestellt. Mehr als zwei Millionen Tonnen pro Jahr werden so wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt. Das chemische Recycling geht einen Schritt weiter. Hier werden die Kunststoffmoleküle in ihre Grundbausteine zerlegt und anschließend zu neuen Kunststoffen aufgebaut. Dadurch lassen sich auch stark verschmutzte oder gemischte Kunststoffabfälle verwerten. Leider sind chemische Verfahren recht energieintensiv. Innovative Ansätze sind das biologische Recycling von PET mit Enzymen oder Mikroorganismen und die Herstellung von biologisch abbaubaren Kunststoffen, die sich leicht kompostieren lassen.
 

Kunststoffe sind das beherrschende Thema 

Hier setzt der Green Alley Award an. Neben AraBat waren in diesem Jahr fünf weitere innovative Unternehmen für den Wettbewerb nominiert – fast alle beschäftigen sich mit Kunststoffen. „Mit Innovationen wie den präsentierten Start-ups können wir den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft beschleunigen“, erklärte Staatssekretär Dr. Severin Fischer. „Der Green Alley Award ist ein wichtiger Schritt, um diese Vorreiter sichtbar zu machen und ihre Ideen zu fördern.“ 

Carbon Cell aus Großbritannien hat einen kohlenstoffneutralen, biologisch abbaubaren Hartschaumstoff entwickelt, der aus Abfällen hergestellt wird und eine wettbewerbsfähige Wärme- und Schalldämmung, Festigkeit und Feuerbeständigkeit bietet. Das polnische Start-up Ecopolplast hat einen neuen Kunststoff entwickelt, der zu 100 Prozent aus recyceltem Material besteht. Und Novapedra aus Spanien entwickelt ein nachhaltiges Material aus organischen Abfällen als Alternative zu Keramik, für dessen Herstellung kein Erdgas verwendet werden muss. Das Schweizer Unternehmen Rheiazymes setzt auf molekulares Bio-Recycling, um der Modeindustrie zu helfen, das Problem des Kunststoffrecyclings bei Sport-, Bade- und Outdoor-Textilien zu lösen. 

Die Finalisten zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in der Kreislaufwirtschaft steckt. Von der Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe über die Entwicklung neuer nachhaltiger Materialien bis hin zu intelligenten Rücknahmesystemen – die Innovationen dieser Start-ups können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, unsere Wirtschaft und Gesellschaft zukunftsfähig zu gestalten. „Die Kreislaufwirtschaft bietet enorme Chancen, unsere Wirtschaft und Umwelt zu schützen“, so Jan Patrick Schulz, CEO der Landbell Group, die den Green Alley Award ausrichtet. „Durch die Wiederverwendung von Materialien können wir Kosten sparen, Ressourcen schonen und neue Geschäftsmodelle entwickeln.“ Denn die Kreislaufwirtschaft bietet nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Vorteile. Durch die Wiederverwendung von Materialien können Kosten gespart, Ressourcen geschont und neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und den Klimawandel zu bekämpfen.

Gewonnen hat am Ende PulpaTronics aus Großbritannien. Das Start-up hat nachhaltige RFID-Etiketten entwickelt, die ohne Metalle und ohne Speicherchips auskommen. Die neuartigen Etiketten sind zudem kostengünstiger und in bestehende Recyclingprozesse einsteuerbar. Chloe So, Gründerin und CEO von PulpaTronics: „Mit unserer innovativen Lasertechnologie wird ein leitfähiger Schaltkreis direkt auf das Papier aufgebracht, was den Herstellungsprozess vereinfacht und den Einsatz von Metall- und Siliziumkomponenten überflüssig macht. Damit reduzieren wir den ökologischen Fußabdruck der RFID-Tag-Produktion.“ 

Jan Patrick Schulz kommentierte: „PulpaTronics ist ein echter Pionier auf seinem Gebiet. Was die Jury an der Technologie besonders beeindruckt hat, war, dass Unternehmen eine effizientere und zukunftssicherere Lösung geboten wird, die die Umweltbelastung reduziert. Wir sind sehr stolz darauf, innovative Start-ups wie PulpaTronics unterstützen zu können, die einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Transformation unserer Wirtschaft leisten und gleichzeitig zum Schutz unseres Klimas beitragen können.“ Mit dem Preisgeld von 25.000 Euro will PulpaTronics das Produkt weiterentwickeln, die Marktposition stärken und sich aktiv an einer zukunftsorientierten Kreislaufwirtschaft beteiligen.

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