Schirm, Charme, Darm

Längst ist bekannt: Darmgesundheit ist viel mehr als regelmäßiger Stuhlgang. Und es gibt immer wieder neue Überraschungen.

Illustration: Olga Aleksandrova
Illustration: Olga Aleksandrova
Dr. Ulrike Schupp Redaktion

Ist der Darm gesund, profitiert nicht nur der gesamte menschliche Körper, sondern auch die Psyche. Das bis zu siebeneinhalb Meter lange Organ bildet zwei Drittel des Immunsystems. Es produziert eine Fülle beruhigender und stimmungsaufhellender Hormone, darunter das sogenannte „Glückshormon“ Serotonin. Darüber hinaus verfügt der Darm über unterschiedliche Signalstoffe. Er bewältigt damit viel mehr als nur den Transport von nicht verwertbaren Bestandteilen aus der Nahrung. Im Verdauungstrakt vernetzen sich etwa 100 Billionen unterschiedlicher Bakterien zu einem Mikrobiom.
 

BIOM BRAUCHT BALANCE


Ist dieses individuelle Ökosystem in Balance, geht es dem Menschen rundum gut. Im Mikrobiom des gesunden Darms sind Bakterientypen angesiedelt, die aus den mit der Nahrung aufgenommenen Ballaststoffen kurzkettige Fettsäuren produzieren. Diese fördern die Beweglichkeit des Darms und tragen dazu bei, das Risiko für Übergewicht und Diabetes mellitus zu verringern. Wieder andere Bakterien dienen dazu, Schadstoffe zu neutralisieren oder zu verhindern, dass sich Erreger vermehren, die Erkrankungen auslösen können. Es sind Bakterien, die die Darmmuskulatur unterstützen oder an der Produktion von Vitaminen beteiligt sind, die für den Körper lebensnotwendig sind. Außerdem sendet der Darm, zum Beispiel über Nervenzellen, Signale an das Gehirn. Diese beeinflussen dort bestimmte Regionen und damit auch die Verarbeitung von Gefühlen, von Angstempfinden, Gedächtnis, Moral oder Motivation.

Die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm sei allerdings keine Einbahnstraße, sagt Juniorprofessorin und Neurobiologin Dr. Rhonda McFleder vom Uniklinikum Würzburg. „Zellen können auch vom Gehirn in den Darm wandern und so die Ausbreitung von Krankheiten vermitteln.“ Schon länger ist bekannt, dass sich Veränderungen im Darm nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf das Nervensystem auswirken. Der amerikanischen Ärztin und Neurobiologin Kelly Brogan zufolge entwickeln sich Depressionen zum Beispiel vor allem aufgrund chronischer Entzündungsprozesse, die sich auf ein gestörtes Wechselspiel zwischen Gehirn und Darm zurückführen lassen. Neben Depressionen können auch Erkrankungen wie Parkinson und Multiple Sklerose mit Darmproblemen zusammenhängen.

 

PARKINSON UND DER DARM


Bei Mäusen konnten McFleder und ihr Team nachweisen, dass sich bestimmte Proteine vom Gehirn in den Darm bewegen und dort Störungen hervorrufen, die mit der Parkinson-Erkrankung assoziiert sind. Ansammlungen des Proteins α-Synuclein fanden die Forschenden in den Makrophagen, bestimmten Zellen, die eine wichtige Rolle für die Immunabwehr spielen. Die Forschenden konnten in Gehirn und Darm identische Mengen an wandernden Makrophagen nachweisen, die zum Beispiel in der Milz und anderen für die Immunabwehr relevanten Organen fehlten. Sie entwickelten daraufhin eine Methode, um die Zellen zu markieren und so ihren Weg in andere Organe zu verfolgen.

„Unsere Ergebnisse deuten auf eine einzigartige Kommunikation zwischen Gehirn und Darm hin und lassen vermuten, dass diese Kommunikation an der Ausbreitung der Parkinson-Krankheit beteiligt ist.“, sagt Prof. Chi Wang Ip, stellvertretender Klinikdirektor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg. Die wandernden Zellen können zudem auch die Ausbreitung weiterer neurologischer Erkrankungen fördern. In einem nächsten Schritt sollen die Zellen deshalb genau charakterisiert werden, um die Moleküle zu finden, die sie in den Darm leiten. Auf dieser Basis können dann neue Therapien entwickelt werden.

Für die Darmgesundheit insgesamt sind immer wieder auch Lebensstilfaktoren verantwortlich. Chronischer Stress gilt als Hauptfeind einer gesunden Darmflora. Bakterien im Mikrobiom des Darms, die mit dem Überschuss des unter Stress ausgeschütteten Hormons Cortisol besonders gut klarkommen, vermehren sich bei Dauerstress besonders stark und sorgen so für ein schlechtes Bauchgefühl, für Schmerzen oder trübe Stimmung. Auch ein Übermaß an tierischen Fetten in der Nahrung, Fertigprodukte und Zucker fördern das Wachstum von Bakterienarten im Darm, die ihrerseits für Übergewicht, einen Reizdarm oder eine geschwächte Immunabwehr sorgen können.

 

TIPPS FÜR EINEN GESUNDEN DARM


+ Die Verdauung beginnt bereits im Mund. Wer gut kaut, sorgt dafür, dass im Speichel enthaltene Enzyme die Nahrung so zerkleinern, dass der Verdauungstrakt entlastet wird.
+ Weniger Zucker essen! Einfach-Zucker aus raffiniertem Zucker und Weißmehl beeinflussen das Mikrobiom im Darm negativ.
+ Probiotika, lebende Mikroben, die vor allem in fermentierten Lebensmitteln stecken, zum Beispiel in Apfelessig, Naturjoghurt, Kimchi oder Sauerkraut, helfen, das Mikrobiom im Gleichgewicht zu halten.
+ Präbiotika, bestimmte Ballaststoffe, die zum Bespiel in Chicorée, Spargel oder Lauch vorkommen, gelten ihrerseits als „Nahrung“ für nützliche Darmbakterien.
+ Lebensmittel, die reich an Ballaststoffen sind, unterstützen den Abtransport von Schadstoffen aus dem Darm und halten länger satt.
+ Gute Fette mit ungesättigten Fettsäuren wie zum Beispiel Olivenöl oder auch Fischöl tragen dazu bei, Darmkrebs vorzubeugen.
+ Zwei bis drei Liter Wasser oder ungesüßter Kräutertee am Tag unterstützen die Ausscheidung von Schadstoffen.
+ Bereits ein täglicher zügiger Spaziergang von einer halben Stunde wirkt sich positiv auf den Stoffwechsel aus. Wer regelmäßig joggen geht, schwimmt oder Fahrrad fährt, kann damit sogar das Risiko verringern an Darmkrebs zu erkranken.

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