Kanal der Wahl

In den vergangenen Jahren hat der ohnehin schon florierende Onlinehandel infolge der Pandemie ein weiteres, enormes Wachstum erfahren.

Illustration: Josephine Warfelmann
Illustration: Josephine Warfelmann
Lara Marie Müller Redaktion

E-Commerce boomt. Der Onlinehandel hat in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Transformation durchgemacht und macht mittlerweile einen großen Anteil am Gesamtumsatz des Einzelhandels aus. So wird in Deutschland mittlerweile mehr als jeder fünfte Euro im Internet ausgegeben. Diese Entwicklung wurde insbesondere in den von der Coronapandemie geprägten Jahren 2020 und 2021 verstärkt.

Zur Abschätzung des Wachstums und der damit verbundenen Auswirkungen auf den Gesamtmarkt des Einzelhandels greift der Wettbewerbs- und Strukturwandelforscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft Christian Rusche auf die Erhebungen zu „Versand- und Internet-Einzelhandel“ des Statistischen Bundesamtes zurück.

Transformation durch Corona

Die Pandemie und die damit einhergehenden Geschäftsschließungen hätten den Einzelhandel auf eine harte Probe gestellt. Viele stationäre Händler waren laut Rusche gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen, und mussten schnell auf den Onlinehandel umsteigen, um Umsatzeinbußen zu vermeiden. Diese rasche Transformation hat das Umsatzpotenzial des Onlinehandels verstärkt und zu erhöhten Wachstumsraten bei den Onlineumsätzen dieser Händler geführt, wie die Daten des Statistischen Bundesamts unterstreichen.
Die Wachstumsraten des E-Commerce etwa lagen bei 25,5 Prozent im Jahr 2020 und bei 19,2 Prozent basierend auf den ersten neun Monaten des Jahres 2021.

Dieses rasante Wachstum des E-Commerce spiegelt sich auch in seinem Anteil am Gesamtumsatz des Einzelhandels wider. Während der Anteil des E-Commerce im Jahr 2015 nur 9,1 Prozent betrug, stieg er fast linear auf 13,3 Prozent im Jahr 2019. Doch die wirklich beachtenswerte Veränderung fand in den Jahren 2020 und 2021 statt. In diesen Jahren stieg der Anteil des E-Commerce sprunghaft an und erreichte 2020 fast 16 Prozent und 2021 sogar über 20 Prozent.

Pandemie wirkt weiter nach

Und obwohl seit einigen Monaten keinerlei pandemiebedingte Einschränkungen mehr gelten und der Krisenstab der Bundesregierung mittlerweile aufgelöst wurde, macht sich die Pandemie auch 2023 noch in den deutschen Innenstädten bemerkbar. So zeigt eine aktuelle Auswertung des ifo Institutes, dass die Einzelhandelsumsätze in Innenstädten weiterhin deutlich unter dem Niveau von vor der Corona-Pandemie liegen.

„Die privaten Ausgaben im Zentrum lagen im März 2023 noch immer fünf Prozent unter dem Jahr 2019“, sagt Oliver Falck vom ifo Institut. Aber: Dies liegt nicht nur an einer Verlagerung ins Internet. „Gleichzeitig verzeichnen die Wohngebiete und die Vororte starke Umsatzgewinne“, sagt Falck. Insbesondere da, wo viel aus dem Homeoffice gearbeitet werden konnte, nahmen die privaten Konsumausgaben demnach im gleichen Zeitraum um bis zu 30 Prozent zu.

Die Ergebnisse wurden auf Basis von anonymisierten und aggregierten Daten zu Einzelhandelsumsätzen ermittelt. „Die Pandemie hat die Arbeitswelt und das Einkaufsverhalten nachhaltig verändert. Die Kombination aus dauerhaft mehr Homeoffice, mehr Onlineshopping und den kleinräumigen Konsumveränderungen stellen Innenstädte umso mehr vor die Herausforderung, ihre Konzepte an die neue Normalität anzupassen und ihre Attraktivität zu steigern“, sagt Falck.

„Knapp 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten seit der Pandemie zumindest einen Tag in der Woche im Homeoffice. Diese Beschäftigten kaufen auch verstärkt wohnortnah ein. Wir gehen davon aus, dass diese Veränderung im Einkaufsverhalten bleiben wird“, sagt Koautorin Carla Krolage vom ifo Institut. Die aktuelle Analyse der Wissenschaftler zeigt, dass diese Konsumverschiebung insbesondere an Wochentagen deutlich auftritt.

Konsumrückgang durch Inflation

Die Geschäfte des Einzelhandels konnten gleichwohl im letzten Jahr Marktanteile gegenüber dem Onlineshopping zurückgewinnen. Im Sommer 2022 lag der Anteil der Onlineumsätze an privaten Konsumausgaben bei 21,2 Prozent. Das ist immer noch deutlich mehr als die knapp 14 Prozent aus 2019 und dennoch gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang von mehr als zwei Prozentpunkten.Erklären lässt sich diese relative Veränderung aber nicht etwa mit einem extrem starken Wachstum im stationären Einzelhandel – sondern eher mit einem insgesamten Rückgang des Konsums von höherpreisigen Gütern aufgrund der aktuell ungewöhnlich hohen Inflation. Sparmaßnahmen in privaten Haushalten trafen vor allem nicht lebensnotwendige Güter und diese werden überproportional oft online gekauft.

So schrumpfte in Deutschland der Umsatz im Onlinehandel von 2021 auf 2022 dem Branchenverband BEVH zufolge sogar erstmals. Er ging um 8,8 Prozent von 99 Milliarden Euro 2021 auf 90,4 Milliarden Euro 2022 zurück. „Der Onlinehandel ist in einer neuen Realität angekommen“, kommentierte BEVH-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer in einer Publikation zu dem Thema die Entwicklung.

Langfristig Optimistisch

Nach vorläufigen Zahlen des Handelsverbandes Deutschland schneidet der Gesamtmarkt Einzelhandel zwar aktuell ein wenig besser ab als der reine E-Commerce. Der Verband rechnet für 2022 mit einem nominalen Umsatzplus von 7,5 Prozent auf 633,4 Milliarden Euro und einem realen, inflationsbereinigten Rückgang von 0,1 Prozent. Das nominale Wachstum geschieht außerdem laut den Zahlen nicht primär auf Kosten der reinen Onlinehändler, sondern auf Kosten der Onlineumsätze der stationären Händler selbst. Familien, die während der Pandemie ihren Wocheneinkauf im Internet bestellen, erledigen ihn nun also wieder eher im Supermarkt.

Langfristig ist der BEVH mit Blick auf den Onlinehandel optimistisch. Laut dem BEVH blieben online die Umsätze weiter deutlich über dem vorpandemischen Niveau, während der stationäre Handel es schwer habe, an die alten Umsätze anzuknüpfen – hier gebe es Gewöhnungseffekte. Und wenn Menschen sich jeden Kauf im Moment gut überlegten, sei das Internet wegen der hohen Vergleichbarkeit von Angeboten und Preisen sowieso der bessere Kanal der Wahl.

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