Digitaler Weitblick in der Energiebeschaffung

November 2021 | Wirtschaftswoche | Green Economy

Digitaler Weitblick in der Energiebeschaffung

Cloud-Vorteile, PPA-Marktplatz und CO₂-Zertifikate

Clemens Graf von Wedel, Gründer und Geschäftsführer, enPORTAL
ENPORTAL / Beitrag

Herr von Wedel, der PPA-Markt in Deutschland steht noch am Anfang. Kommt da eine digitale Plattform nicht etwas zu früh?

Wir sind früh dran. Aber einer muss ja den ersten Schritt wagen. Wir sehen jedenfalls großes Potenzial. In den nächsten Jahren fallen etliche Erneuerbare-Anlagen aus der EEG-Förderung. Sollen sie weiterbetrieben werden, müssen sich die Betreiber nach potenziellen Abnehmern umsehen. Und davon haben wir auf unserer Plattform viele, darunter um die 700 Energieversorger. Sie werden bei neuen Ausschreibungen direkt informiert.

 

Was passiert dann?

Abnehmer können auf unserer Plattform ihr Angebot abgeben. Vom Arbeitspreis über den Lieferzeitraum bis hin zur Liefermenge können sie dort alles digital festlegen. Einigen sich die Partner auf eine Strom-Direktlieferung, können sie den Vertrag online abschließen.

 

Das klingt einfach. Allerdings gehen PPAs in der Regel monatelange, komplizierte Verhandlungen voraus. Kann Ihre Plattform das bereits abbilden?

Für den Vertragsschluss können die Partner mit einem digitalen Vertragsmuster arbeiten. Dort ist bereits eine Vielzahl der Fragen berücksichtigt, die im Zuge eines PPA geregelt werden. Generell muss man sagen, dass es bei PPAs noch nicht so viel Erfahrungswerte gibt. Deshalb haben sich noch nicht viele Standards herausgebildet. Das dürfte sich aber ändern, wenn die Zahl der PPAs künftig steigen wird. Wir entwickeln unsere Plattform jedenfalls regelmäßig weiter, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Zudem können unsere Partner per Chat miteinander in Kontakt treten und sich so austauschen.

 

Wie läuft es bislang auf der Plattform?

Inzwischen haben wir 800 Marktteilnehmer. Die erste Ausschreibung wurde auch schon erfolgreich abgeschlossen. Zementhersteller Holcim hat sich vom kommenden Jahr an 55 Mio. kWh Windstrom pro Jahr für zwei seiner Werke gesichert. Außerdem läuft derzeit eine Ausschreibung für einen Windpark. Noch ist auf unserer PPA-Plattform nicht die Hölle los. Dafür steckt der PPA-Markt insgesamt noch zu sehr am Anfang. Aber mögliche Interessenten gibt es viele, zum Beispiel die Deutsche Bahn oder Volkswagen. Die nächsten Monate werden spannend.

 

Wie wollen Sie mit der Plattform eigentlich Geld verdienen?

Unser Vergütungsmodell ist einfach. Will jemand unseren Marktplatz nutzen, kann er sich gratis registrieren. Will er dann eine Ausschreibung starten, kostet das Geld. Die fällige Vergütung ist abhängig von der angebotenen Liefermenge. Unsere Preise gestalten sich moderat. Wir befinden uns in der glücklichen Lage, dass wir nicht sofort Gewinne machen müssen. Dafür haben wir unser klassisches Strom- und Gasgeschäft. Uns ist wichtiger, dass die Plattform zum Laufen kommt.

 

Heißt?

Im Laufe des nächsten Jahres wollen wir die  Mengen deutlich steigern. Ein oder zwei Milliarden kWh wären schon gut. Dann würde die Plattform auch für uns lukrativ werden.

 

Wie wichtig werden digitale PPA-Plattformen künftig noch werden?

Ich gehe davon aus, dass schon in naher Zukunft die meisten PPA-Geschäfte über digitale Marktplätze laufen werden. Offline ist der Aufwand eines PPA auf Dauer einfach zu groß.

 

Kommt es so, wird auch die Konkurrenz nicht mehr lange warten.

Da sehen wir uns gut gerüstet und es gibt genug Platz für mehrere PPA-Plattformen. Wer aber als Plattformbetreiber ganz neu einsteigen will, der wird es schwer haben. Denn der vertriebliche Aufwand für die Gewinnung von Grünstromerzeugern und Abnehmern ist nicht zu unterschätzen. Da haben wir deutlich bessere Voraussetzungen.

 

Haben Sie noch andere Projekte in der Pipeline?

Ja, wir erweitern die Plattform für die privatrechtliche CO₂-Minderung. D.h. wir weisen unseren Kunden ihre Emissionen aus und geben Anbietern die Möglichkeit CO₂-Zertifikate über die Plattform anzubieten. Wir reagieren damit auf die wachsende Nachfrage unserer Kunden, die ihren CO₂-Ausstoß kompensieren wollen und bieten Zertifizierern neue Vertriebswege. Da öffnet sich ein neuer Markt!

 

Für wann planen Sie den Start dieser Erweiterung?

Im 1. Halbjahr nächsten Jahres sollten wir starten.

 

www.enportal.de