Ein gutes Geschäft: Treibhausgas binden

Die Schweizer Firma Neustark hat aus der CO2-Speicherung einen Business Case für Betonrecycler gemacht – wie, sagt Gründer und Co-CEO  Johannes Tiefenthaler.

Johannes Tiefenthaler, Gründer und Co-CEO von Neustark
Johannes Tiefenthaler, Gründer und Co-CEO von Neustark
Neustark Beitrag

Herr Tiefenthaler, Neustark entwickelt Technologien und Anlagen zur dauerhaften Speicherung von CO2 in Beton, der beim Abbruch von Gebäuden übrigbleibt. Da bei vielen Leser*innen der Chemieunterricht schon eine Weile zurückliegt, müssten Sie wohl kurz erläutern, wie das funktioniert. 
Im Grunde beschleunigen wir einen natürlichen Prozess um ein Vielfaches: die Carbonatisierung von Kohlendioxid, auch Mineralisierung genannt. Dazu bringen wir gasförmiges CO2 mit Abbruchbeton in Kontakt. Der darin enthaltene Restzement reagiert mit dem Kohlendioxid zu Kalkstein, der sich dauerhaft an die Oberfläche bindet.

Welchen Zweck verfolgt das? 
Da Neustark biogenes Kohlendioxid verwendet, kreieren wir Negativemissionen, entfernen also Treibhausgas aus der Atmosphäre. Das ist laut dem International Panel on Climate Change IPCC unverzichtbar, um die globale Erwärmung zu bremsen und damit den Klimawandel. So weit, so bekannt. Aber Neustark ist weltweit das erste Unternehmen, das Betonrecyclern CO2 zur Speicherung in Abbruchbeton liefert. So können sie ein Produkt mit besserer Ökobilanz auf den Markt bringen, das gleichzeitig wirtschaftlich attraktiv ist.

Neustarks deutschlandweit erste CO2-Speicheranlage in Berlin- Marzahn.
Neustarks deutschlandweit erste CO2-Speicheranlage in Berlin- Marzahn.

Wie bewerkstelligen Sie das?
Indem Neustark entlang der gesamten Wertschöpfungskette arbeitet: Wir sichern die Abscheidung von CO2 in Biogasanlagen und transportieren es zu den Betonrecyclern, die sich so nicht um den Nachschub an Kohlendioxid sorgen müssen. Die Speicheranlagen für die Zusammenführung von Gas und Abbruchbeton designen wir nach den individuellen Anforderungen der Firmen. Die Speicherleistung lässt sich außerdem umwandeln in Zertifikate, die wir für unsere Kunden am freiwilligen Zertifikatemarkt handeln. Darüber hinaus warten unsere Servicetechniker die Anlagen. Deren Bau geht schnell über die Bühne, nach der Auftragsvergabe an Neustark ist sie meist nach sechs Monaten betriebsbereit – und kann sich für den Betreiber innerhalb von drei bis sechs Jahren amortisieren.

Wie weit ist die Umsetzung ihres Konzepts schon gediehen?
Neustark wächst schnell: Noch vor drei Jahren hatten wir lediglich einen halb fertigen Prototyp und drei Mitarbeitende – mittlerweile stehen wir bei 55 Beschäftigten und haben insgesamt zwölf Anlagen realisiert, 15 weitere sind in der Pipeline. Generell ist das Ziel, möglichst kleine und damit effiziente regionale Cluster aus CO2-Quellen und -Senken zu schaffen. Bis 2030 sollen jährlich eine Million Tonnen Gas gespeichert werden, dazu braucht es 1.000 bis 3.000 Anlagen. Daher müssen und werden wir unser Geschäft über die bisherigen Märkte Schweiz und Deutschland hinaus europa- und langfristig auch weltweit ausrollen.

Welche Zukunftspläne verfolgt Neustark noch?
Wir arbeiten an Business Cases für die Begasung anderer Abfallprodukte wie etwa Recyclingpapier, Flugasche oder Schlacken, die teilweise ein viel höheres CO2-Aufnahmepotenzial besitzen. Beispielsweise kann eine Tonne Abbruchbeton durchschnittlich zehn Kilogramm Kohlendioxid binden, Recyclingpapier dagegen 200 Kilogramm. Einen Business Case für das Restwasser aus Betonmischfahrzeugen haben wir schon gefunden: Es hat einen hohen pH-Wert, der sich durch die Reaktion mit CO2 senken lässt, um die Entsorgung oder Wiederverwendung zu ermöglichen. Neustark hat eine Anlage entwickelt, die diesen Prozess günstiger macht. Im Moment testen wir mehrere Prototypen, die nur so groß wie ein Kühlschrank sind und damit interessant für jeden Betonrecycler.

www.neustark.com
 

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