Wo liegen die Chancen?

Februar 2016 | Die Welt | Geld

Wo liegen die Chancen?

Wer sein Vermögen gewinnbringend anlegen möchte, hat es derzeit nicht leicht. Der Blick auf die internationalen Märkte zeigt: Anleger sollten neben ökonomischen auch politische Entwicklungen im Blick behalten.

Illustration: Eléonore Roedel
Julia Thiem / Redaktion

Der Blick ins Portfolio gleicht derzeit einem Überraschungsei. Die Märkte machen es definitiv spannend. Zuweilen ist es ein Glücksspiel, doch manchmal wartet auch ein Bonbon in Form eines Titels, dessen Rendite glücklich macht. Schuld an diesem Wechselbad der Gefühle ist die extreme Volatilität, die die Märkte vor allem seit Jahresbeginn kräftig durchschüttelt. 

 

Verursacht werden die Schwankungen von einer großen Unsicherheit, die derzeit an den Märkten herrscht. Nach rund fünf Jahren unkonventioneller Geldpolitik driften die großen Notenbanken nun auseinander. Während sich die US-Währungshüter im Dezember von ihrer Nullzinspolitik verabschiedet haben – was immer mehr Experten mittlerweile als Fehler werten – pumpen die EZB und auch die Bank of Japan fleißig Liquidität in die Märkte. Zudem bereiten die wirtschaftliche Zukunft Chinas sowie der niedrige Ölpreis vielen Investoren Sorge. Erste Stimmen werden laut, die Parallelen zu den Anfängen der Finanzkrise 2008 ziehen. Auch damals war es im Januar ähnlich turbulent an den Märkten. 

 

All das lässt natürlich auch Anleger nicht kalt, wie eine Studie zeigt, die die Gothaer Asset Management AG im Januar dieses Jahres in Auftrag gegeben hat. Demnach ist Sicherheit für 54 Prozent der Bundesbürger wieder das entscheidende Kriterium bei der Geldanlage. Im Vorjahr waren es mit 43 Prozent deutlich weniger. Noch erstaunlicher: 48 Prozent der Befragten setzen trotz niedriger Zinsen nach wie vor aufs Sparbuch. „Die Deutschen sind offensichtlich durch die anhaltende Krise verunsichert und streben nach Sicherheit. Dabei nehmen sie geringe Renditen oder inflationsbereinigt sogar negative Zinsen billigend in Kauf“, interpretiert Christof Kessler, Vorstandssprecher der Gothaer Asset Management AG, die Ergebnisse. 

 

Doch sind diese Vorsicht und die Schwarzmalerei wirklich gerechtfertigt? In den letzten acht Monaten war der Markt mal konstruktiv, dann stiegen die Kurse, nur um abermals ins Negative abzudriften – mit entsprechendem Abwärtstrend auf der Kursleiter. Diese Stimmung hat jedoch nichts mit der tatsächlichen Situation der Unternehmen zu tun. Beispiel Europa: Blickt man sich auf dem hiesigen Aktienmarkt einmal genauer um, entdeckt man zahlreiche Weltmarktführer mit renommierten Marken, soliden Bilanzen und einer breit aufgestellten, internationalen Kundenbasis. Die Lage ist also deutlich besser, als die Stimmung vermuten lässt, weshalb es faktisch wenig Grund gibt, Aktien im großen Stil abzustoßen – außer der eigenen Nervosität. Was einerseits für die hohe Volatilität am Markt sorgt, ist gleichzeitig eine ideale Kaufgelegenheit für jene Investoren, die die Qualität der Unternehmen erkennen und deshalb bei den günstigen Preisen jetzt für ein langfristiges Engagement zugreifen. 

 

Der Blick auf die Schwellenländer ist da schon etwas komplexer – allen voran der auf China. Harte oder weiche Landung? Hier scheiden sich die Geister. Fakt ist jedoch, dass zweistellige Wachstumszahlen aus dem Reich der Mitte der Vergangenheit angehören. Chinas Premier Li Keqiang spricht sogar von einer „neuen Normalität“ mit sechs bis sieben Prozent Wachstum pro Jahr. Das ist der Preis für den schwierigen Wandel, den China derzeit vollziehen muss, von einer export- und industrielastigen Planwirtschaft hin zu einer offeneren, service-orientierten Volkswirtschaft, deren Stütze zunehmend die Binnennachfrage werden soll. 

»Die Lage ist deutlich besser, als die Stimmung vermuten lässt.«

Wandel ist aber auch das Stichwort in Lateinamerika. Allerdings ist er dort politischer Natur. Während die Staatsmänner und -frauen des Subkontinents lange Zeit in die eigene Tasche wirtschaften und die Reichen noch reicher machen konnten, sorgt ein Generationswechsel in der Bevölkerung nun dafür, dass es für die Elite ungemütlich wird. Bestes Beispiel ist Brasilien. Seit zwei Jahren wird dort schon im sogenannten Car Wash-Korruptionsskandal ermittelt, was bereits über hundert hochkarätige Geschäftsleute, Banker und Politiker hinter Gittern brachte – früher undenkbar. Und auch für die Arbeiterpartei PT wird es eng. Sowohl gegen Präsidentin Dilma Rousseff als auch gegen Ex-Präsident Lula laufen Verfahren wegen Amtsmissbrauch. Kurzfristig betrachtet sind die Herausforderungen groß, wovon wohl auch Investments nicht unberührt bleiben. „Langfristig sind die Umwälzungen in Lateinamerika gepaart mit positiven Treibern wie der günstigen Demografie, wachsender sozialer Mobilität und der aufstrebenden Mittelschicht positive Signale für geduldige, langfristig orientierte Anleger“, glaubt etwa Kim Catechis, Head of Global Emerging Markets beim Aktienspezialisten Martin Currie. 

 

Und dann wären da noch die Megatrends. Jene globalen Phänomene, die ganze Branchen einmal komplett umkrempeln. Gemeint sind digitale Revolution, demografischer Wandel, veränderte Kundenansprüche oder Umweltfaktoren. KPMG hat bereits in einer Studie von 2014 vorhergesagt, dass diese Megatrends auch die Investmentlandschaft nachhaltig verändern werden. Zwar vollzieht sich der Wandel in der Finanzbranche selbst eher langsam, auf Investmententscheidungen haben die Treiber jedoch bereits großen Einfluss, wie Karen Kharmandarian, Fondsmanager im Sector & Theme Fund Team von Pictet, erklärt: „Ein Megatrend bezeichnet nicht irgendwelche kurzfristigen Modeerscheinungen, sondern langfristige, teils einschneidende Veränderungen für Industrie und Gesellschaft. Denken Sie an den demografischen Wandel. Bis 2050 wird weltweit der Teil der Gesellschaft, der 65 Jahre und älter ist, größer sein, als der Teil unter 40 Jahren. So etwas hat es noch nie gegeben, und wir werden dieses Ungleichgewicht massiv zu spüren bekommen.“ Und können es für unsere Investmententscheidungen nutzen: Beispielsweise, indem wir verstärkt auf solche Unternehmen setzen, die vom demografischen Wandel profitieren, digitaler Vorreiter sind, innovative Technologien für eine effizientere Nutzung von Ressourcen entwickeln oder aber den Kunden schon heute maßgeschneiderte Produkte liefern können. 

 

Das sind nur einige wenige Einblicke in die neue Investmentwelt. Anleger müssen sich jedoch daran gewöhnen, dass Renditen ohne höhere Risiken nicht möglich sind. Oder anders ausgedrückt: Ohne ein wenig Spannung kein Spiel und keine Schokolade.