Hype oder Revolution?

Februar 2021 | Die Welt | Geld

Hype oder Revolution?

Egal ob Blockchain, KI oder Kryptowährungen, die Zukunft der Kapitalmärkte scheint immer digitaler zu werden. Damit verbunden sind viele Chancen – gerade für Privatanleger. Allerdings nur, wenn sie nicht blind dem Herdentrieb verfallen.

Illustrationen: Jasmin Mietaschk
Julia Thiem / Redaktion

DEin schottischer Briefträger singt zu Hause vor der Kamera ein altes Seemannslied für eine Videoplattform ein, geht damit „viral“, wie es neuerdings so schön heißt, und kriegt dafür prompt einen Plattenvertrag. Eine Gruppe von Privatanlegern verbindet mit bestimmten Aktien wie denen von GameStop einen sentimentalen Wert, beschließt diese vor den Leerverkäufen großer Hedgefonds zu „retten“ und bringt damit nicht nur einige Finanzprofis in eine prekäre Lage, sondern bestimmt auch wochenlang die Schlagzeilen.

 

Was wir aktuell in vielen Wirtschaftszweigen, insbesondere aber am Kapitalmarkt erleben, ist eine echte Demokratisierung der Märkte. Treiber hinter all dem ist: die Digitalisierung. Plötzlich braucht es eben keine Agenten mehr für die große Musikkarriere oder den Anlageberater für den Handel mit Aktien.

 

Ein weiteres Beispiel für die Demokratisierung des Kapitalmarktes ist die Blockchain, mit deren Hilfe immer mehr Anlageklassen, die bisher eine hohe Mindestanlage vorausgesetzt haben, auch für Kleinanleger geöffnet werden. Immobilien, Kunst oder Oldtimer werden damit ab sofort nicht mehr als Ganzes, sondern über kleinste Tokens verkauft, die einem bestimmten Anteil am Gegenwert entsprechen. Damit wird dann auch der Rembrandt oder Rolls-Royce 15 HP für nur zehn Euro plötzlich zur Realität.

 

Die Meinungen, ob eine solche Demokratisierung gut oder schlecht ist, gehen dabei auseinander. In den USA ermitteln laut eines Berichts des Wall Street Journals unter Berufung auf informierte Quellen mittlerweile sogar die amerikanischen Behörden im Fall GameStop. Das Justizministerium und die Staatsanwaltschaft in San Francisco hätten Informationen von Brokern wie Robinhood und Social-Media-Firmen angefordert, über die sich die Kleinanleger maßgeblich konzertiert haben. Der Vorwurf: Marktmanipulation.

 

Etablierte Systeme zu hinterfragen und überflüssige Strukturen auszuschalten, ist die Definition von Disruption, die sich mit der Digitalisierung durch alle Wirtschaftszweige zieht. Und wenn durch einen Zusammenschluss, einen regen Austausch und besser zugängliche Informationen mehr Kleinanleger ihren Weg an den Kapitalmarkt finden, ist das definitiv eine begrüßenswerte Entwicklung. Gefährlich wird es nur, wenn Massen blind dem Herdentrieb folgen. Dann nämlich entstehen Hypes, die sich schnell zu einer Blase entwickeln können.

 

Bestes Beispiel: Der Bitcoin. Der Kurs der Kryptowährung schnellt aktuell von einem Hoch zum nächsten und selbst Lieschen Müller diskutiert mit Annegret Meier an der Supermarktkasse mittlerweile über diese todsichere Geldanlage. Währenddessen versuchen viele Vermögensverwalter die Substanz hinter den Kursausschlägen zu verstehen – nicht immer erfolgreich, wie beispielsweise das Chief Investment Office Global Wealth Management bei der UBS betont: „Während wir weitere Preissteigerungen nicht ausschließen können, sind wir dennoch skeptisch, was irgendwelche wesentlichen Anwendungsbeispiele in der realen Welt angeht, weshalb es schwer ist, einen Zeitwert für den Bitcoin oder irgendeine andere Kryptowährung zu bestimmen.“

 

Was wir bei all der Skepsis jedoch auch nicht vergessen dürfen: Unser Leben wird immer digitaler. Schon heute zückt an der Supermarktkasse kaum noch jemand das Portemonnaie, um nach Kleingeld zu kramen. Stattdessen wird kontaktlos mit EC-Karte oder Smartphone bezahlt. Ist der Schritt zur vollkommen digitalen Währung da wirklich noch so groß? Und ist nicht jedes Engagement am Kapitalmarkt am Ende des Tages eine Wette auf die Zukunft? Deshalb sagt Sören Hettler, Analyst bei der DZ Bank, auch Folgendes über den Bitcoin: „Genau wie bei Gold und anderen Vermögenswerten ist der Preis von Bitcoin das Resultat aus Angebot und Nachfrage – für eine Marktwirtschaft ein durchaus üblicher Prozess. Solange genügend potenzielle Anleger der Meinung sind, dass die Kryptowährung wertstabil ist oder gar Kurssteigerungen verspricht und die Hoffnung besteht, Bitcoin laufe in der Zukunft traditionellen Währungen den Rang ab, hat die Kryptowährung einen Preis, der zumindest theoretisch auch noch deutlich oberhalb des aktuellen Niveaus liegen kann.“

 

Space-X und Tesla-Gründer als globaler Katalysator

Das Prinzip-Hoffnung wird bei Kryptowährungen natürlich auch noch einmal durch prominente Verfechter wie Elon Musk geschürt. Seinen Twitter-Account hat die digitale Investmentcommunity aktuell besonders im Blick. Kündigt Musk dort an, man könne seinen nagelneuen Tesla künftig auch in Bitcoin bezahlen, steigt sofort der Kurs. Und selbst kryptische Tweets à la „Who let the Doge out“ verstehen Anhänger als Aufforderung, sich näher mit der Kryptowährung Dogecoin zu beschäftigen, die auch prompt einen Kurssprung hinlegte.

 

Klar ist aber auch: Mit langfristiger Kapitalanlage haben diese digitalen Trends (noch) wenig zu tun. Genauso schnell wie ein digitaler Hype eine Kryptowährung oder eine konzertierte Aktion den Kurs einer einzelnen Aktie in die Höhe treiben kann, können beide auch wieder fallen. Wer Spaß daran hat, diesen „Puls“ eng zu verfolgen und sich mit ein wenig Spielgeld am Markttiming zu versuchen: Bitteschön. Nur sollte dabei eben auch klar sein, dass man gerade im Bett liegen kann, wenn Musk über „the next big thing“ twittert und damit den vermeintlich perfekten Ein- oder Ausstieg wortwörtlich verschläft.

 

Natürlich macht die Digitalisierung vieles möglich – gerade für Privatanleger. Doch dabei alles auf eine Karte zu setzen und völlig unbedarft den neusten Trends zu folgen, ist schlichtweg gefährlich. Das wäre in etwa so, als würden Sie morgen Ihren Job kündigen, vor laufender Kamera aber ohne jegliches Gesangstalent Seemanslieder trällern und sich dann wundern, warum das zugehörige Video nicht viral geht und der große Plattenvertrag ausbleibt.