Diversifikation und Korrelation

Oktober 2015 | Die Welt | Fokus Geld

Diversifikation und Korrelation

Ein langfristig orientierter Vermögensaufbau muss kein Hexenwerk sein, wenn sich Anleger von ein paar irrationalen Verhaltensmustern verabschieden.

Illustration: Nanna Prieler
Julia Thiem / Redaktion

Die Natur hat uns mit allerhand nützlichen Instinkten ausgestattet, die unser Überleben sichern. Doch ausgerechnet beim Thema Kapitalanlage kosten uns eben diese manchmal Kopf und Kragen, wie Verhaltensökonomen mittlerweile eindrucksvoll belegen können. Denn soviel ist sicher: Menschen handeln irrational. Das haben auch die Märkte in den letzten Wochen und Monaten mehrfach bestätigt. Fast schon panisch wurde Kapital in Sicherheit gebracht, als es an den Börsen etwas turbulenter wurde. Er funktioniert also tadellos, der Fluchtinstinkt – was auch daran liegt, dass der Schmerz über Verluste deutlich höher ist als die Freude bei Gewinnen, wie der wohl bekannteste Verhaltensökonom Daniel Kahneman schon 1979 in seiner „Prospect Theory“ aufgezeigt hat.


Gleichzeitig steigt die Notwendigkeit permanent, privat fürs Alter vorzusorgen. Denn laut dem kürzlich veröffentlichten diesjährigen Global Wealth Report der Allianz verfügen wir Deutsche gerade einmal über 45.000 Euro Nettovermögen pro Kopf und belegen damit lediglich Platz 18 im weltweiten Vermögensranking. Unsere Nachbarn in der Schweiz – internationale Spitzenreiter – haben mehr als dreimal so viel auf der hohen Kante. Das führt zur Frage, wie ein langfristiger und nachhaltiger Vermögensaufbau aussehen kann.


Die hohe Volatilität an den Börsen schürt natürlich die Angst vor Verlusten. Doch wer langfristig Vermögen aufbauen will, kommt um die Aktienmärkte nicht herum – insbesondere in Zeiten einer finanziellen Repression. Denn heute gilt folgender Satz mehr den je: Ohne höhere Risiken gibt es keine Rendite. Nun steht der Anleger natürlich vor einem Dilemma, kann er laut Verhaltensökonomie doch keine rationalen Entscheidungen treffen. Das beweist auch eine diesjährige Studie des Deutschen Aktieninstituts: Gerade einmal gut 8,4 Millionen Menschen hierzulande besitzen Aktien oder Aktienfonds. Damit fallen trotz Niedrigzinsumfeld und äußerst positiven Bedingungen an den Börsen lediglich sieben Prozent des Geldvermögens auf Aktien. Als Grund für die Zurückhaltung der Anleger nennt die Studie Vorurteile, die sich hartnäckig halten. 55 Prozent der Befragten würden von einem fiktiven Geldbetrag von 10.000 Euro und einem Anlagehorizont von 25 Jahren keinen einzigen Cent in Aktien oder Aktienfonds investieren – denn das wäre riskant. Davon sind 44 Prozent überzeugt.

»Je weniger die Wertentwicklung zweier Assetklassen miteinander verbunden ist, desto niedriger ist auch das Risiko, dass beide gleichzeitig an Wert verlieren.«


Der große – irrationale – Fehler: Kurzfristige Schwankungen werden höher gewertet als die langfristige Rendite, die allen voran durch eine breite Streuung und einen entsprechend längerfristigen Anlegehorizont erzielt werden kann. Kahneman lässt grüßen. Denn wie Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts zeigen, verschwand allein beim deutschen Aktienindex DAX das Verlustrisiko ab einem Zeitraum von 13 Jahren vollständig. Untersucht wurde hierfür die Entwicklung des DAX von 1965 bis 2014 – ein Zeitraum, in dem es durchaus handfeste Krisen gab.


Allein durch die Langfristigkeit einer Kapitalanlage kann das Risiko also schon deutlich minimiert werden. Dennoch sollte sich jetzt niemand ausschließlich auf den DAX stürzen. Denn dieser so genannte Homebias – ich kaufe nur Aktien von Unternehmen, die ich kenne – erhöht das Risiko im Portfolio. Ein Aktienengagement sollte deshalb deutlich breiter gestreut sein, mindestens europäische Standardwerte enthalten, besser noch global aufgestellt sein. Hierfür darf man als Privatanleger auch gern auf die Unterstützung von Profis zurückgreifen, in Fonds und andere aktiennahe Produkte aus der Zertifikatewelt investieren. Denn das perfekte Market Timing, beim Tiefstand zu kaufen und auf dem Kurshöhepunkt zu verkaufen, ist ein Traum, der hohe Transaktionskosten verursacht und damit langfristig Geld kostet. Vielleicht ist er auch Grund für die Zurückhaltung vieler Investoren. Doch wer langfristig orientiert ist, den interessieren kurzfristige Gewinnmitnahmen nicht, und ihn plagen auch keine schlaflosen Nächte, nur weil es mal zu einer kurzfristigen Korrektur am Markt kommt.


Aktien sind in einem langfristig ausgerichteten Portfolio also gesetzt. Was nun? Die Stichworte heißen auch hier: Diversifikation und Korrelation. Während die Diversifikation möglichst groß sein, also das Kapital auf möglichst viele verschiedene Anlagen und Assetklassen verteilt sein sollte, lautet bei der Korrelation die Devise: möglichst gering. Denn je weniger die Wertentwicklung zweier Assetklassen miteinander verbunden ist, desto niedriger ist auch das Risiko, dass beide gleichzeitig an Wert verlieren. In der klassischen Portfoliotheorie heißt es, dass ein Engagement in Anleihen bereits ausreicht, um sich vor Kursverlusten bei Aktien zu schützen. Die Entwicklungen im anhaltenden Niedrigzinsumfeld lassen daran jedoch Zweifel aufkommen. Anleger sollten sich also nach anderen Alternativen umschauen, die eine möglichst niedrige Korrelation versprechen. Das können klassische Sachwerte oder Rohstoffe sein. Aber auch im Bereich der Alternativen Investments gibt es Anlagealternativen, die eine negative Korrelation zu den klassischen Anlageklassen aufweisen. Wie die individuelle Beimischung solcher Satellite-Investments aussieht, hängt immer von den jeweiligen Investmentzielen, dem Zeithorizont und dem Rendite-Risiko-Profil des Investors ab und darf auch gern in überschaubaren Abständen überprüft werden.


Langfristig orientierter Vermögensaufbau kann also durchaus einfach und überschaubar sein. „Keep it simple“ ist in dem Fall immer ein guter Ratschlag für den Anleger. Und er sollte sich natürlich über seine unbewussten Verhaltensmuster im Klaren sein und versuchen, möglichst rationale Entscheidungen zu treffen. Das kann schon bedeuten, dass er die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse nicht überschätzt und dann doch lieber auf die Research-Abteilung eines großen Vermögensverwalters vertraut, anstatt sich die besten Aktien weltweit selbst heraus zu picken. Denn auch kein Fondsmanager würde von sich behaupten, immer nur richtige Entscheidungen zu treffen.