»Vertrauen ist das wichtigste Asset einer Bank«

An der Digitalisierung kommt keine Bank vorbei. Doch auch in Zukunft sind individuelle Beratung und persönlicher Kontakt gefragt.
Marcus Vitt Vorstandssprecher, Privatbank  DONNER & REUSCHEL
Marcus Vitt Vorstandssprecher, Privatbank DONNER & REUSCHEL
Donner & Reuschel Beitrag

Herr Vitt, wie sieht das Banking der Zukunft aus?
Wir befinden uns in einer Zeitenwende. Einerseits ist nur zukunftsfähig, wer sich digital aufstellt und seine Angebote auf die Größe eines Smartphones herunterbrechen kann. Denn der Konsument der Zukunft ist digital. Andererseits ist das Bedürfnis nach Orientierung groß. Uns steht alles Wissen der Welt digital zur Verfügung, doch das heißt nicht, dass wir es auch anzuwenden wissen. Die Bank der Zukunft ist also digital, vernetzt und immer erreichbar, zugleich aber auch sehr individuell. Den Unterschied macht der Kunde: Möchte er seine Bank- und Aktiengeschäfte selbst regeln, wird ihm eine Onlinebank ausreichen. Wird es aber komplexer, dann wird der Kunde auch in Zukunft nicht auf Service, Beratung und persönlichen Kontakt verzichten wollen.


Welche Produkte, welche Betreuung erwarten Bankkunden heute?
Der Zugang zu den Kapitalmärkten ist so einfach wie nie. Das Handeln mit Aktien ist vor allem bei jungen Menschen zum Trend geworden – Fintechs bieten mit einer Vielzahl von Angeboten enorme Möglichkeiten. Auch digitale Assets wie Bitcoin spielen eine immer wichtigere Rolle. Doch sobald es um die individuelle Finanzplanung geht oder um die Verwaltung von größeren Vermögen, wird die Freiheit des Kunden zum Korsett: Was, wenn ich mich falsch entscheide? Welche Anlageform ist die richtige, wie sichere ich mein Vermögen ab, was mache ich, wenn Krisen zu Markteinbrüchen führen? In Zeiten wie diesen, in denen wir es mit Klimawandel, Pandemie und furchtbarerweise sogar mit Kriegsgeschehen zu tun haben, entstehen Unsicherheit und Angst. Dann führt die Vielzahl der Partizipations- und Anlagemöglichkeiten zur Überforderung. Dann muss eine Bank erreichbar sein, Orientierung geben, den Weg kennen. Vertrauen ist das wichtigste Asset, das eine Bank bieten kann.


Was bedeutet das alles für etablierte Banken?
Die Herausforderung besteht darin, allen Tendenzen gerecht zu werden. Auch etablierte Banken müssen mobil, agil und digital sein, um am Markt zu bestehen. Gleichzeitig dürfen sie die Nähe zum Kunden nicht verlieren. Durch die Pandemie sind wichtige Transformationsprozesse in Gang gesetzt worden. Digitale Formate haben sich durchgesetzt, Prozesse wurden vereinfacht oder in cloudbasierte Anwendungen übertragen. Wer als Bankhaus in Krisenzeiten beweisen kann, dass er veränderungsbereit ist, sich den Herausforderungen anpassen kann und mit geeigneten oder gar überraschenden Angeboten dem Kunden nahe bleibt – der hat alles richtig gemacht.


Privatbanken leben ja noch stärker von der vertrauensvollen, persönlichen Betreuung – vor welchen Herausforderungen stehen speziell sie?
Die Digitalisierung der Bankenbranche steht nicht im Widerspruch zum Wesen einer Privatbank – im Gegenteil. Wer sich als Kunde in die Hände einer Privatbank begibt, der erwartet eine individuelle und vertrauensvolle Zusammenarbeit, denn es geht zumeist um komplexe Vermögensfragen. Gute Beratung beruht auf der Kenntnis der individuellen Situation der Kunden, auf dem Wissen um seine Pläne, Wünsche, Ängste und Sorgen. Dieses Wissen kann keine App ersetzen. Doch digitale Lösungen können bei der Beratung unterstützen, liefern IT-basierte Analysen und Services und ermöglichen den Zugang zur Bank über verschiedene Kanäle. Die Privatbank der Zukunft ist genauso digital und innovativ wie jeder Neobroker, aber sie wird trotzdem immer auch persönlich, individuell und vertrauensvoll sein.


www.donner-reuschel.de

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