»Die Finanzmärkte sind schon zu 99,9 Prozent digital«

März 2020 | Wirtschaftswoche | Finance 4.0

»Die Finanzmärkte sind schon zu 99,9 Prozent digital«

Es sind nicht nur neue Technologien, sondern auch immer mehr Buzzwords, die die Finanzwelt erobern. Prof. Dr. Stefan Pichler ist Teil des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie der Wirtschaftsuni- versität Wien.

Illustration: Ivonne Schulze
Interview: Julia Thiem / Redaktion

Er gibt einen Überblick darüber, wo sich in der Finanzwelt aktuell wirklich etwas bewegt.

 

Herr Prof. Pichler, Kryptowährungen, Blockchain-basierte Wertpapiere, Online-Handelsplätze – sind wir bereits in der Kryptoökonomie angekommen?
Ihre Aufzählung unterstreicht, dass unsere Wirtschaft immer digitaler wird. Mit einer Kryptoökonomie hat das erst einmal nichts zu tun. Nehmen Sie digitale Wertpapiere als Beispiel: Jede deutsche Bundesanleihe, die emittiert wird, ist digital. Oder wann hatten Sie zuletzt ein reales Wertpapier in der Hand? Ob Ihr Wertpapier nun wie bisher digital auf dem Großrechner der Verwahrstelle oder als Token auf der Blockchain hinterlegt ist, macht weder einen großen Unterschied noch eine Kryptoökonomie aus unserer Wirtschaft.

 

Wann dürften wir denn von einer Krytpoökonomie sprechen?
Das können Sie immer dann, wenn es sich um ein eigenes, abgeschlossenes System handelt, Werte und Regeln also innerhalb der Blockchain definiert und nicht mehr veränderbar sind. Das heißt, die Anreize der Teilnehmer sind so aufeinander abgestimmt, dass vertrauenswürdige Dritte überflüssig werden. Gerade bei Wertpapieren ist das nicht der Fall. Da bestimmt die jeweilige Finanzaufsicht des Landes nach wie vor die Regeln.

 

Wir sprechen also über ein stabiles Peer-to-Peer Netzwerk, wie es erstmals mit dem Bitcoin aufgebaut wurde?
Richtig, der Bitcoin ist ein Beispiel für eine funktionierende Kryptoökonomie. Er berechtigt als eine Art Token-Gutschein zu gewissen Dingen, ich kann ihn von A nach B überweisen und in einem System handeln, das nicht zusammenbricht – auch wenn es recht volatil ist. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das natürlich hoch spannend und es wird versucht, weitere solcher Systeme aufzubauen – etwa mit dem Kulturtoken, den die Stadt Wien ins Leben gerufen hat. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung und Evaluierung. Basis ist auch hier ein Blockchain-Netzwerk, das mittels einer App umweltbewusstes Verhalten mit freiem Zugang zu Kulturveranstaltungen honoriert. Auch hier sind die Regeln innerhalb des geschlossenen Systems klar definiert, beispielsweise wie das gewünschte Verhalten validiert werden kann. Eine dritte Partei braucht es dafür nicht.

 

In welchen Bereichen der Finanzbranche könnte ein solch geschlossenes System nützlich sein?
Überall dort, wo das normale Regelsystem versagt – quasi als Ersatz für fehlende zivil- oder strafrechtliche Systeme. Der große Vorteil der Blockchain: Sie ist fälschungssicher und daher nicht anfällig für Korruption. Davon könnte der Kampf gegen Geldwäsche und auch die Verbrechensprävention insgesamt profitieren. Und tatsächlich sind die Aufsichtsbehörden in Deutschland und auch in Österreich schon sehr weit vorn bei solchen Überlegungen.

 

Heißt das, Sie bereiten Ihre Studenten am Forschungsinstitut für Kryptoökonomie der Uni Wien überwiegend auf aufsichtsrechtliche Fragestellungen vor?
Nein, denn die Nachfrage der Finanzbranche nach Fachkräften, die digitale Wirtschaftsabläufe verstehen, ist insgesamt sehr groß. Betriebswirtschaft funktioniert digital anders als analog. Denken Sie an die Plattformökonomie, Token oder auch die Erfolge großer Internetfirmen. Die Wertschöpfung ist eine ganz andere, die Hauptdienstleistung meist umsonst wie etwa beim Internetbrowser. Auf dieser Basis muss auch die Finanzindustrie langfristig Wertschöpfung generieren und dafür braucht es Experten, die unter anderem hier bei uns in Wien an der WU ausgebildet werden.


Es ist also denkbar, dass die Finanzwirtschaft für Basisdienstleistungen wie beispielsweise das Girokonto keine Gebühren mehr erhebt, dafür aber die Daten der Kunden nutzt?
Davon gehen wir aus, auch wenn sich insbesondere die Bankenwelt aus ethischen Gründen lange dagegen gewehrt hat, mit den Daten der Kunden Wertschöpfung zu betreiben. Langfristig wird mit der zunehmenden Digitalisierung auch im Interesse der Kunden daran aber kein Weg vorbeiführen, zumal im anhalten Niedrigzinsumfeld Girokonto und Co. ohnehin keine wirklichen Einnahmequellen mehr sind.

 

Könnte es damit auch branchenfremden Akteuren gelingen, den Finanzmarkt zu erobern, weil sie digitale Geschäftsmodelle einfach besser beherrschen?
Möglich ist es. Wobei die Kunden in der Finanzwelt heute noch deutlich treuer sind. Vertrauen spielt nach wie vor eine große Rolle. Natürlich sehen wir immer wieder neue Unternehmen, die mit digitalen Geschäftsmodellen erfolgreich sind – etwa die deutsche Direktbank N26, die sich auf Kontoführung per Smartphone spezialisiert hat und quasi von Null auf 100 durchgestartet ist. Die App ist gut gemacht, keine Frage. Am Ende des Tages ist N26 aber auch nur eine ganz normale Bank. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass die Finanzwelt seit jeher bei Digitalisierungsthemen zu den Vorreitern gehört. Die Finanzmärkte sind bereits schon zu 99,9 Prozent digital. Lediglich die Vertriebswege bewegen sich derzeit stärker in Richtung der digitalen Welt, weshalb es auf Verbraucher und Öffentlichkeit so wirkt, als passiere hier gerade sehr viel.

 

Wir erleben aktuell also keine digitale Revolution in der Finanzwelt?
Die haben wir mit der Einführung des elektronischen Zahlungsverkehrs erlebt. Natürlich tut sich auch in der Finanzbranche nach wie vor viel in Sachen Digitalisierung. Von starken disruptiven Tendenzen, wie sie beispielsweise die Musikindustrie durchleben musste, ist die Finanzwelt jedoch weit entfernt. Als Napster kurz vor der Jahrtausendwende an den Markt kam und einen privaten Musikaustausch ermöglichte, waren Urheberrechte kaum mehr durchsetzbar. Und auch heute kann ich mir praktisch jedes Musikkonzert bei Youtube anschauen.

 

Das Beispiel der Musikbranche unterstreicht, dass neue Technologie den bestehenden Rechtsrahmen mitunter sprengen können. Haben nicht aber Blockchain und Kryptoökonomien ein ähnliches Potenzial?
Absolut. Wobei das klar politische und keine ökonomischen Fragen sind. Die Blockchain-Technologie erlaubt es mir mit den Smart Contracts zwar, Computerprotokolle aufzusetzen, die Verträge abbilden und sogar die Abwicklung eines solchen Vertrags überprüfen können. Dafür muss ich nicht einmal etwas schriftlich fixieren. Allerdings ist heute noch unklar, was passiert, wenn es tatsächlich zu einem Vertragsbruch kommt. Verklage ich dann die Gegenpartei mit der IP-Adresse XYZ? Spannend ist in dem Zusammenhang also, was passiert, wenn ich die künstliche Welt wieder verlasse und in der analogen Welt mein Recht einfordern will.

 

Gibt es schon Lösungsansätze für diese Art der rechtlichen Fragestellungen?
Hier gibt es in jedem Fall einen engen und regen Austausch zwischen den Gesetzgebern und der Wissenschaft.

 

Auch wenn noch viele Fragen geklärt werden müssen: Wird die Blockchain die Finanzwelt nachhaltig verändern?
Mit der Blockchain geht ganz eindeutig ein umfassender und breiter Nutzen einher. Der große Hype oder der Vergleich mit der kommerziellen Öffnung des Internets gefällt mir jedoch nicht. Die Idee, dass Staaten oder gar die Gerichtsbarkeit durch die Blockchain überflüssig werden, war eine ganz klare Gesellschaftsutopie. Wenn Sie mich fragen, ob die Blockchain ein wichtiger Aspekt einer digitalen Wirtschaft ist und bleibt, kann ich das eindeutig mit Ja beantworten. Ist sie ein Innovationsträger? Mit Sicherheit. Aber: Es gibt Anwendungsbeispiele, da sind zentrale Datenbanken schlicht besser.

 

Prof. Dr. Stefan Pichler forscht zu Banking and Finance an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist unter anderem Teil des dortigen Forschungsinstituts für Kryptoökonomie. Ziel dieses neu eingerichteten Instituts ist es, einen interdisziplinären Ansatz zu verfolgen, um dem Potenzial neuer Technologien in der Finanzwelt gerecht zu werden.