»In der Plattform-Ökonomie spielt Größe die entscheidende Rolle«

Nullzinsen, Corona-Pandemie, erfolgreiche Robo-Advisors, Höhenflug der Kryptowährungen – die Rahmenbedingungen haben den Markt der digitalen Finanzdienstleistungen in den vergangenen Jahren stark beflügelt.
Illustration: Chiara Lanzieri
Illustration: Chiara Lanzieri
Mirko Heinemann Redaktion

Was, wenn diese Faktoren wegfallen? Droht der Branche ein Rückfall? Sinkt die Attraktivität digitaler Geldanlagen? Müssen Anlegerinnen und Anleger ihre Strategien korrigieren? Ein Interview mit dem Fintech-Experten und Bremer Wirtschaftsprofessor Lars Hornuf.

 

Herr Professor Hornuf, Sie beobachten seit vielen Jahren die Digitalisierung der Finanzdienstleistungen. Was hat sich während der Corona-Pandemie verändert?
Eine augenfällige Entwicklung betrifft die Zunahme des bargeldlosen Bezahlens im Einzelhandel. Etwa vor zwei Jahren haben viele Nutzer:innen vermehrt auch auf kontaktloses Bezahlen umgestellt, obwohl es zuvor lange Anlaufschwierigkeiten gab. Vor allem die Zielgruppe der Menschen zwischen 50 und 60 Jahren hat massiv nachgezogen. Eine andere Entwicklung betrifft den Markt der Robo-Advisor. Viele haben in der Krise nicht so gut performt. Vor allem der Marktführer Scalable ist scheinbar relativ spät aus Aktien herausgegangen, als die Kurse schon stark gefallen waren, der Crash also schon da war. Da sind Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer automatisierten Anlagestrategie aufgekommen.

Das Versprechen der Robo-Advisor: eine Anlagestrategie mit einem auf Algorithmen basierenden Risikomanagement, das sich nicht von Gefühlen und Meinungen beeinflussen lässt. War die Pandemie nicht im Algorithmus vorgesehen oder handelt es sich um ein systemisches Versagen?
Es ist seit jeher schwierig, Strukturbrüche in einer Zeitreihe vorherzusagen. Deshalb sollte man darüber nachdenken, ob Market Timing eine sinnvolle Anlagestrategie ist. Wir haben studiert, wie die Robo-Advisors Daten verarbeiten, wie deren Geschäftsmodelle funktionieren, wir haben persönliche Gespräche mit den Gründern geführt. Sie werben damit, dass deren Algorithmen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und auf der empirischen Kapitalmarktforschung beruhen. Trotzdem bleibt die Frage, ob es wirklich ein valides Modell gibt, das auch zukünftig ein gutes Signal sendet, wann das Umschichten in sichere Finanzprodukte sinnvoll ist. Viele Kleinanleger würden genauso reagieren, wie einige Robo-Advisors reagiert haben: Greed and Fear. Der Markt bricht ein, Angst bricht aus, alle verkaufen. Und wenn die Kurse wieder hochgehen, ist man skeptisch und wartet zu lange. Nach einer alten Börsenweisheit hätte man das Gegenteil machen müssen.

Sind die alten Börsenweisheiten besser als jeder Robo-Advisor?
Spannend an der Frage ist, dass man ja glaubt, dass der Robo-Advisor es besser wissen sollte. Man legt ja sein Geld dort an, weil man davon ausgeht, dass der Roboter nicht die verhaltensökonomischen Fehler macht, die Menschen machen würden. Es ist nun weithin sichtbar geworden, dass das nicht stimmt. Das hat bei vielen für eine gewisse Skepsis gesorgt. Ich kann da nur für mich persönlich sprechen: Ich hatte überlegt, ob ich über einen Robo-Advisor investiere, aber von der Idee bin ich abgekommen.

Professor Dr. Lars Hornuf
Professor Dr. Lars Hornuf

Dabei galten Robo-Advisors einst als die Vorreiter der Finanzwirtschaft 4.0, mit allen fancy Zutaten wie mobiles Handling, niedrigschwelliger Zugang, Künstliche Intelligenz, Zugang zu Kryptowährungen und so weiter. Haben sie nicht auch den aktuellen Trading-Boom der jüngeren Generation beflügelt?
Das glaube ich eher nicht. Es war zwar tatsächlich die Intention der Robos, die jüngeren Zielgruppen anzusprechen. Zu ihrer Überraschung waren es dann aber eher Ältere, die ihr Geld zu den digitalen Vermögensverwaltern getragen haben. Menschen, die hohe Summen auf ihren Konten herumliegen hatten und die digitalen Portale als Möglichkeit begriffen, einen Teil ihres Vermögens niedrigschwellig anzulegen und dabei zu testen, ob diese neue Art der Geldanlage taugt. Der Trend zieht die Jüngeren eher zu digitalen Neo-Brokern wie Trade Republic oder Etoro. Die sind stylish, kostengünstig und bieten die Möglichkeit, niedrige Summen zu investieren. Dazu kommen die vergleichsweise hohen Renditen, die die große Masse gerade in den Aktienmarkt zieht. Durch das niedrige Zinsumfeld ist natürlich die Geldlage in Aktien naheliegend.

Nun ändert sich das Zinsumfeld gerade. Die globale Zinswende gilt als eingeleitet, auch die Europäische Zentralbank wird angesichts der hohen Inflation nicht umhin kommen, sich dem globalen Trend zu beugen. Was bedeutet dies für die digitalen Geschäftsmodelle?
Einen Moment, bitte! Ich sehe die europäische Zinswende noch nicht als ausgemacht. Die US-Notenbank Fed hat ja schon vor Corona versucht, die Zinsen anzuheben und ist angesichts der Handelsstreitigkeiten mit China und der Herausforderungen der Pandemie gescheitert. Die Frage ist letztlich: Können wir die Zinsen anheben oder reicht es der EZB nicht aus, sämtliche Anleihekaufprogramme auslaufen zu lassen? Wohin wollen wir die Zinsen denn bringen? Die alten Herausforderungen bestehen ja nach wie vor. Ob die italienische oder griechische Regierung in einem erhöhten Zinsumfeld in der Lage sein wird, sich auf dem freien Markt zu finanzieren, bleibt zweifelhaft. Sind die südeuropäischen Banken heute bilanziell besser aufgestellt als vor zwei Jahren?

Ein Schlagwort des vergangenen Anlegerjahres war ESG. Nachhaltige Geldanlagen, die nach den ESG-Kriterien Environment, Social und Governance ausgerichtet waren, boomten. Impact Investing wurde zum Trend. Ein bleibender Trend?
Ja, Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden in der gesamten Finanzwirtschaft zum Leitmotiv. Nur: Aus finanzwirtschaftlicher Sicht ist das absurd. Wenn Sie lediglich Risiko und Rendite über lange Zeiträume optimieren wollen, sollten Sie nicht auf ein Portfolio setzen, das ein Subportfolio eines effizienten Portfolios ist. Sie werden sehr wahrscheinlich ein schlechteres Risiko-Rendite-Verhältnis bekommen. Jeder Anleger verfolgt natürlich das Ziel, den Markt zu schlagen. Nur wird er eine höhere erwartete Rendite immer mit einem höheren Risiko erkaufen. Laut Harry Markowitz, Begründer der modernen Portfoliotheorie, ist ein effizientes Portfolio möglichst diversifiziert. Also: Sobald ich Waffenhersteller, Cannabis-Unternehmen, was auch immer, aus dem Portfolio ausschließe, senke ich mögliche Potenziale zur Diversifikation und/oder Risikominimierung. Also: Der Höhenflug der Nachhaltigkeitsindizes kann kurz- und mittelfristig durch Nachfrageeffekte erklärt werden. Was umgekehrt heißt: Das optimale Risiko-Rendite-Verhältnis bieten effiziente Portfolios wie beispielsweise das Marktportfolio. ESG-Portfolios, die bestimmte Wertpapiere ausschließen, bieten über den langen Zeitraum eine geringere Rendite im Verhältnis zum Risiko. Es ist, Sie ahnen es: Spekulation.

Seltsam, dass bei diesem Begriff automatisch der Gedanke an den Bitcoin aufploppt? Fast scheint es, als habe sich der Wind, der um Kryptowährungen gemacht wurde, gelegt?
Als 2008 das Whitepaper von Satoshi Nakamoto herauskam, das die technische Grundlage für Bitcoin und die Blockchain-Technologie beschreibt, war ich beeindruckt von der Idee der neuen Technologie, die vor allem Dezentralität und Transaktionssicherheit beschreibt. Aber kann man das in der Form als Zahlungsmittel global ausrollen? Auf keinen Fall! Zum einen ist da der enorme Energieverbrauch beim Mining zusätzlicher Bitcoins – das geht zumindest dezentral irgendwann nicht mehr weiter. Das andere sind die praktischen Erwägungen: Die Nachvollziehbarkeit von Transaktionen ist gut und schön. Aber ist bei Ihrer Bank jemals eine Transaktion verlorengegangen? Deshalb haben wir doch die Bank als zentrale Gegenpartei, die langfristig agiert. Dann wäre da die Sache mit dem Inflationsschutz, weil die Zahl der Bitcoin fixiert ist. Aber niemand möchte doch eine Inflation von Null haben. Wir streben im Euroraum eine gesunde Inflation von zwei Prozent an. Es ist im Grunde so: So lange alle Stakeholder glauben, dass ein gewisses Zahlungsmittel Standard ist, wird es funktionieren. Das kann für ein beliebiges Asset gelten: Zigaretten, Tierfelle oder auch Bitcoin. Aber wenn das Vertrauen verlorengehen sollte, wird auch der Bitcoin nichts mehr wert sein.

In der schnell wachsenden digitalen Finanzwirtschaft sind Kryptowährungen nur ein Aspekt. In vielen Wirtschaftszweigen hat ausgerechnet die Corona-Pandemie die Digitalisierung massiv beschleunigt. Gilt das auch für die Finanzwirtschaft?
Nein, der Fintech-Boom begann spätestens 2016 und damit schon deutlich vor der Pandemie. Bei den klassischen Banken hat der Trend damals große Disruptionsängste geweckt. Die Zeit, in der klassische Banken und digitale Finanz-Start-ups in Konkurrenz zueinander standen, ist aber längst vorbei. Die Geschäftsmodelle kooperieren und befruchten sich gegenseitig. Banken bauen ihre eigenen digitalen Modelle, und das machen sie teilweise besser als Fintechs. Selbst die kleine Sparkasse Bremen mit ihren 13 Milliarden Euro Bilanzvolumen hat einen eigenen Robo-Advisor, der in den Finanzmedien häufig gelobt wird. Die Volks- und Raiffeisenbanken hatten schon vor fünf Jahren einen Prototypen für ein intuitives Smart-TV-Tool. Kunden konnten sich vom Sofa aus über ihren Smart TV mit einem Mitarbeiter verbinden lassen, Verträge durchgehen oder sich zu Finanzprodukten beraten lassen - eine intuitive, geniale Lösung.

Persönliche Beratung ist das Pfund, mit dem die Banken wuchern. Aber die kostet Geld. Die digitale Finanzwirtschaft hingegen wirbt mit niedrigen Kosten, Kundenberatung findet eher telefonisch oder im Chat statt.
Oder gar nicht. Da hat die Smartphone-Bank N26 bekanntlich einschlägige Erfahrungen gemacht, als ein Kunde im Rahmen einer Phishing-Attacke um 80.000 Euro betrogen wurde. Das Opfer, ein Online-Unternehmer, erfuhr von dem Schaden erst nach mehr als zwei Wochen. So lange hatte es gedauert, bis sich der N26-Support um die Beschwerde, der Login funktioniere nicht mehr, kümmerte. Nun muss die Bank auch noch wegen mangelhafter Geldwäsche-Bekämpfung eine Millionenstrafe an die Finanzaufsicht Bafin zahlen. Man kann nur hoffen, dass diese Geschichte diejenigen aufgeweckt hat, die bei der Kundenbetreuung und im Kampf gegen Cyber-Kriminalität nachlässig sind. Inzwischen haben die digitalen Finanzdienstleister ihre Kundenbetreuung deutlich aufgerüstet. Für einige Kundengruppen aber wird es immer wichtig sein, dass es eine Filiale mit Menschen gibt, die man persönlich ansprechen kann.

Sind das eher Ältere? Oder gibt es auch Jüngere, die, beispielsweise weil sie hohe Vermögenswerte erben, sich wieder den klassischen Filialbanken oder gar Privatbanken zuwenden?
Es ist beides. Die jüngere Generation ist ja bekanntlich nicht besonders risikoliebend und hat auch hohe Ansprüche an den Datenschutz. Es hängt also vom Produkt ab: Mit Aktien handeln kann man auch digital. Aber wenn Sie Ihre erste Wohnung kaufen wollen, für die Sie einen Kredit von einer halben Million Euro aufnehmen müssen – das werden Sie wohl eher nicht digital machen. Zumal viele Filialbanken inzwischen als Dienstleistung auch Kredite vermitteln. Sprich: das beste Angebot aus einer Vielzahl von Kreditanbietern heraussuchen oder selbst das beste Angebot machen. Auf Vergleichsplattformen muss man die Entscheidung anhand vieler Faktoren selbst treffen. Diese Qual der Wahl kann ein Institut erleichtern.

Die Finanzwelt 4.0 hat eine enorm große Vielfalt an neuen Angeboten und Möglichkeiten hervorgebracht. Ist eine Marktbereinigung hin zu mehr Übersichtlichkeit absehbar?
Ja, die sieht man auch bereits, etwa bei den Neo-Banken. Sie integrieren Lösungen von anderen Fintechs bei sich, um ihren Kunden ein besseres Angebot machen zu können. Auf dem Markt finden zudem Übernahmen und Fusionen statt, Banken übernehmen kleinere Fintechs. In der Plattform-Ökonomie spielt Größe eine entscheidende Rolle, und auf Größe wird es im Kampf um Marktanteile ankommen.

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Daniel Cronin ist Experte beim Zukunftsinstitut. Außerdem leidenschaftlicher Entrepeneur, Keynote Speaker, Moderator und Universitätslektor.
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