Auf der digitalen Bremse

Industrie 4.0, künstliche Intelligenz, stärkere Vernetzung – der Mittelstand hätte viele Themen, die er vorantreiben könnte. Stattdessen agiert er bei Investitionen zurückhaltend. Auch die Digitalstrategie des Bundes bringt nicht die gewünschten Impulse.

Illustration: Vanessa Melzner
Illustration: Vanessa Melzner
Julia Thiem Redaktion

In einer kurzen Videobotschaft verkündete Volker Wissing, Bundesminister für Digitales und Verkehr, Ende August freudestrahlend, dass sie nun endlich vorliege, die Digitalstrategie für Deutschland. Ein Signal des „Aufbruchs“, so Wissing, mit dem Ziel, unter die Top-10-Digitalstandorte in Europa zu kommen. Die konkreten Projekte, die das Papier benennt und die nun konsequent „angepackt“ werden sollen, würden den Weg dahin ebnen.

Dafür hat das Bundesministerium für Digitales und Verkehr drei übergeordnete Themen, so genannte „Hebelprojekte“, identifiziert: „Vernetzte Gesellschaft“, „Innovative Wirtschaft“ und „Digitaler Staat“. Darunter subsummieren sich wiederum 18 sogenannte „Leuchtturmprojekte“. Beispiele hierfür sind etwa: effizientere Nutzung von Daten und neuen Technologien, künstliche Intelligenz (KI), ein zügiger Glasfaserausbau, eine digitale Identität für alle Bürgerinnen und Bürger und die Idee einer energieflexiblen Industrie.

Die Opposition wirft dem Ministerium vor, mit der Digitalstrategie lediglich ein „Sammelsurium“ vorgelegt zu haben, das in vielen Bereichen im „Ungefähren und Absichtsvollen“ bleibe. Bitkom-Präsident Achim Berg kritisiert in einer Stellungnahme, dass klar definierte Ziele und Zeitpläne fehlten. Dennoch appelliert er, die Digitalstrategie des Bundes dürfe nicht zerredet und müsse schnell umgesetzt werden: „Jetzt heißt es: Tempo aufnehmen und das digitale Deutschland aufbauen. Dazu müssen alle an einem Strang ziehen, nicht nur innerhalb der Bundesregierung, sondern ebenso in den Ländern, Städten und Gemeinden.“
 

Industrie enttäuscht

 

Die Wirtschaft wäre gerne so innovativ, wie es die Digitalstrategie vorsieht. Allerdings fühlt sich gerade der Mittelstand in dem Papier weder gehört noch ad-äquat repräsentiert. „Nachdem der Mittelstand nun seit einiger Zeit auf die Digitalstrategie gewartet hat, ist das Ergebnis enttäuschend. Es entsteht der Eindruck, dass die Rolle des Mittelstands und die Lösung seiner hinlänglich bekannten Probleme in Sachen Digitalisierung, nur wenig Priorität genießen“, sagt Marc S. Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bunds DMB. Angesichts der Tatsache, dass man die Begriffe „Mittelstand“ oder „KMU“ im Entwurf zur Digitalstrategie lediglich vereinzelt – an insgesamt acht Textstellen – findet, meint er: „Dabei sollten doch gerade KMU das Herzstück der Digitalstrategie sein. Denn sie sind der wichtigste Teil der deutschen Wirtschaft! 99,6 Prozent aller Unternehmen zählen zu den KMU.“

Ob die deutsche Wirtschaft tatsächlich nur aus Mittelständlern besteht, hängt stark von der Definition für „Kleine und Mittlere“ Unternehmen ab. Fakt ist jedoch, dass die vielen Unternehmen in der Fläche Arbeitgeber Nummer Eins in Deutschland sind und mit rund 42 Prozent der deutschen Wertschöpfung definitiv das berühmte Rückgrat unserer Wirtschaft ausmachen. Daran hat die Digitalisierung einen entscheidenden Anteil, wie eine aktuelle Studie von Microsoft in Zusammenarbeit mit Analysys Mason aufdeckt: Für fast 70 Prozent der Unternehmen sind digitale Technologien die wichtigste Triebfeder für Wachstum.

Eine Frage der Finanzierung

 

Dennoch spricht auch DMB-Geschäftsführer Tenbieg von „Problemen in Sachen Digitalisierung“, und die liegen nicht zuletzt aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Situation vor allem bei den finanziellen Mitteln. Laut Daten von Statista und Technology Review sind fehlende Finanzmittel beispielsweise für 77 Prozent der Unternehmen der Grund, warum sie die als wichtiges Zukunftsthema angepriesene Industrie 4.0 nicht weiter vorantreiben. 61 Prozent nannten den Datenschutz als Hemmschuh, gefolgt von den Anforderungen an die IT-Sicherheit (57 Prozent) und fehlenden Fachkräften (55 Prozent). An der Komplexität des Themas scheitern 52 Prozent der Befragten.

Und eine aktuelle Bitkom-Umfrage weist darauf hin, dass sich diese Hindernisse kurzfristig nicht aus dem Weg räumen lassen. Demnach will jedes dritte Unternehmen im kommenden Jahr seine Digitalinvestitionen zurückfahren. Grund auch hier: Die wirtschaftlich schlechteren Rahmenbedingungen und zusätzliche finanzielle Belastungen durch steigende Energiekosten und eingeschränkte Lieferketten. Und das, obwohl sich nach wie vor zwei Drittel (66 Prozent, 2021 waren es 65 Prozent) der Unternehmen eher als Nachzügler bei der Digitalisierung sehen. Nach einer Schulnote für den Stand der Digitalisierung des eigenen Unternehmens gefragt, geben sich die Verantwortlichen gerade einmal die Note „befriedigend“ (3,1).

Analoge Zukunft?

 

Leider hält auch die Digitalstrategie des BMDV keine wirkliche Antwort auf die wichtige Frage nach der Finanzierung der digitalen Transformation für die Unternehmen bereit. Denn während im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung noch von einem Digitalbudget die Rede war, wird es auf den über 50 Seiten der Digitalstrategie nur ein einziges Mal angesprochen. Mit einem großen Digitaltopf, aus dem Vorhaben finanziert werden können, braucht die Industrie also nicht rechnen.

Dafür rechnet man im Mittelstand mit noch mehr Cyberangriffen, wie der Digitalisierungsindex Mittelstand 2021/2022 der Telekom zeigt. Besonders durch die Verlagerung ins Homeoffice zeigen sich Sicherheitslücken, weshalb man – wenn denn überhaupt Budget zur Verfügung steht – hier investieren will. Mitarbeitende der von der Telekom befragten Unternehmen werden nach der Pandemie im Schnitt elf Prozent mehr Arbeitszeit im Homeoffice verbringen. Für ausreichend gesichert halten jedoch nur 43 Prozent ihre mobilen Arbeitsplätze. Vor allem die Sicherheit bei E-Mails und Technologien zur Verschlüsselung will der Mittelstand künftig ausbauen. Ebenso Lösungen zum Identitätsmanagement und zur Authentifizierung. Immerhin – auch das zeigt die Studie: „New Work“ aka digitale Zusammenarbeit können wir nach Corona. Entsprechend verbreitet sind Homeoffice und digitale Anwendungen: 57 Prozent nutzen Web- und Videokonferenzen. Digitale Kommunikationstechnologien und -tools gehören heute mit 81 Prozent für die Mehrheit zum Arbeitsalltag. 

 

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