Im Schnitzel-mit- Pommes-Paradies

Die Landwirtschaft hierzulande hat klare Kanten: stark bei Fleisch, Milch und Kartoffeln, ausbaufähig bei Obst und Gemüse – doch die Herkunft zählt.

Illustration: Sophie Mildner
Illustration: Sophie Mildner
Wilhelm Franz Redaktion

Die deutschen Bauern bringen einiges auf die Waage: Allein im Jahr 2022 erzeugten sie unter anderem 32,4 Millionen Tonnen Kuhmilch, eine Million Tonnen Rind- und Kalbfleisch, 14,8 Milliarden Hühnereier, 43.900 Tonnen Kopfsalat und 10,7 Millionen Tonnen Kartoffeln, so das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft. Doch Naturprodukte sind nicht beliebig verfügbar, und im Laden konkurrieren einheimische Lebensmittel mit Importen. Wer Wert auf die Herkunft legt, muss manchmal suchen – besonders, wenn es regionale Erzeugnisse sein sollen.


TRAUBEN UND BIRNEN IMPORTWARE


Genau hingeschaut hat auch die Verbraucherzentrale Thüringen und untersucht, wie groß der Anteil an deutschem Obst und Gemüse während der Saison der jeweiligen Früchte ist. Von April bis Oktober 2022 streiften die Tester durch fünf Lebensmittel-Einzelhandelsfilialen im Raum Erfurt und Arnstadt. Im Fokus: Blumenkohl, Bohnen, Kartoffeln, Kohlrabi, Stangensellerie, Rucola, Birnen, Himbeeren, Süßkirschen, Pflaumen und Trauben. Insgesamt stammten 55 Prozent der Produkte aus Deutschland, ein Drittel aus weiteren EU-Ländern, der Rest aus anderen Gegenden der Welt.

Das heimische Obst schaffte es in der Endwertung nur auf einen Anteil von 15 Prozent, am besten schnitten noch Pflaumen ab, von denen zwei Drittel aus Deutschland stammten, gefolgt von Himbeeren mit 43 Prozent und Kirschen mit 38 Prozent. Trauben und Birnen? Fehlanzeige, alles Importware, das meiste aus der EU.

Besser schnitt das Gemüse ab, das insgesamt zu fast zwei Dritteln von hiesigen Feldern stammte. Ganz vorn der Sellerie, der keinerlei ausländische Konkurrenz hatte, dahinter Kohlrabi mit 92 Prozent deutscher Herkunft, Kartoffeln mit 73 und Rucola mit 71 Prozent.

Die Untersuchung der Verbraucherzentrale ist zwar nicht repräsentativ, aber man darf davon ausgehen, dass sie keine außergewöhnlichen Resultate geliefert hat. Wer will, findet bei bestimmten Nahrungsmitteln meist ein Angebot aus dem Inland. Aber die Ergebnisse werfen auch Fragen auf: Warum gibt es so wenig deutsches Obst? Warum stammt jeweils ein Drittel des Spinats und des Blumenkohls aus dem Ausland – und wo bleiben eigentlich die Tomaten?


OBST UND GEMÜSE: EIN PROZENT


Die Antworten stecken in einer Zahl: 1 – auf gerade einmal einem Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland wächst Obst und Gemüse, schreibt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Zählt man die Kartoffel hinzu, sind es 2,9 Prozent. Natürlich: Wenn mitten in der Saison partout kein deutscher Spinat zu finden ist, dafür aber hübsch in Plastik verpackter aus China, wenn selbst in der Haupterntezeit sämtliche Blumenkohlköpfe im Laden aus Südeuropa stammen, liegt das oft genug daran, dass der Einzelhändler im Einkauf dafür weniger Geld bezahlen musste als für heimische Erzeugnisse. Dennoch reicht das in Deutschland angebaute Obst und Gemüse nicht für den Bedarf des ganzen Landes aus. Rund 20 Prozent des deutschen Obstbedarfs werden aus heimischen Produkten gedeckt, beim Gemüse sind es immerhin 38 Prozent, der Rest sind Importe. Und was die Tomate angeht: Die deutsche Produktionsmenge ist so bescheiden, dass sich ihr Anteil am Gesamtangebot nur auf vier Prozent beläuft.

Aus Angaben wie diesen setzt sich der so genannte Selbstversorgungsgrad zusammen. Er gibt an, in welchem Umfang die Erzeugung der heimischen Landwirtschaft den Gesamtverbrauch an Lebensmitteln decken kann. Neben Obst und Gemüse umfasst er sieben weitere Positionen, deren Werte für das Jahr 2022 die Kapazitäten und Schwerpunkte der deutschen Landwirtschaft treffend spiegeln. Beim Fleisch beträgt der Selbstversorgungsgrad 124 Prozent, es wurden also Überschüsse erzielt. Über dem Strich liegen auch Zucker mit 135 Prozent, Milch mit 108, Getreide mit 107 und Kartoffeln mit 147 Prozent – kein Wunder, dass Deutschland innerhalb der EU der größte Produzent der Knolle ist und weltweit der drittgrößte Kartoffelexporteur. Bei Eiern dagegen wird nur ein Selbstversorgungsgrad von 76 Prozent erreicht, bei Honig von 43 Prozent.
 

Hohe Ansprüche


Ob Fleisch, Gemüse, Obst oder Milch: Immer mehr Menschen stellen noch höhere Ansprüche an die Herkunft ihrer Lebensmittel – einheimisch genügt nicht, die Ware soll auch möglichst aus der Region stammen. Laut dem Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums von 2022 legen 83 Prozent der Verbraucher Wert auf regionale Erzeugnisse. Zum einen stehen kurze Transportwege für größere Frische und verursachen weniger CO2-Emissionen, zum anderen können Konsumenten durch den Kauf regionaler Produkte die Erzeuger vor Ort stärken und damit die regionale Wirtschaft.

Auf die gestiegene Nachfrage haben Handel und Hersteller reagiert, viele Lebensmittel tragen mittlerweile Labels, die eine Herkunft aus der näheren Umgebung signalisieren. Leider sind viele von ihnen für den Kunden wenig hilfreich. Die Verbraucherzentrale hat vor ein paar Jahren bundesweit in Märkten nachgeforscht und kam zu dem Ergebnis, dass die Bewerbung als regionales Produkt oft zu unspezifisch oder sogar irreführend sei. Im Zweifelsfall sollte der Verbraucher also genau hinschauen oder sich beim Verkaufspersonal erkundigen.

 

REGIONALE PRODUKTE BEVORZUGEN


Eine andere Möglichkeit ist die Suche nach kleineren Regionalinitiativen von Erzeugern, Verarbeitern und Händlern, die eigene Kriterien für Herkunft und Vertriebswege aufstellen. Über die ganze Republik verteilt gibt es diese Zusammenschlüsse – mehr als 200 finden sich auf der Plattform regioportal.regionalbewegung.de des Bundesverbandes der Regionalbewegung, wo Verbraucher Initiativen in ihrer Nähe ausfindig machen können.

Einfacher ist der Weg zum Wochenmarkt, wo viele Erzeuger aus der Region ihre Ware verkaufen. An den Marktständen ist es auch besonders unkompliziert nach der genauen Herkunft zu fragen, falls sie nicht sofort erkennbar ist.

Und wenn der Berg nicht zum Prophet kommt: Wer sich bei der regionalen Herkunft von Lebensmitteln ganz sicher sein möchte, besucht einen der zahlreichen Hofläden, in denen Landwirtschaftsbetriebe ihre eigenen Produkte feilbieten – der Verkäufer des Gemüses hat es mit einiger Wahrscheinlichkeit auch angepflanzt und geerntet.

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