Hoffen auf 2022

Die Nachfrage springt wieder an. Doch Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten machen deutschen Unternehmen zu schaffen.
Illustration: Anne-Sophie Engelhardt
Illustration: Anne-Sophie Engelhardt
Lars Klaaßen Redaktion

 

Das Wirtschaftswachstum, so eine Prognose der KfW, dürfte in diesem Jahr niedriger ausfallen als noch vor einigen Monaten erwartet: „Ein wesentlicher Grund für die schwächeren Wachstumsaussichten in diesem Jahr sind Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten, die weite Teile der Wirtschaft erfasst haben – auch den deutschen Mittelstand.“


Gegenwärtig kämpft knapp jedes zweite der rund 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland mit den Folgen von Lieferproblemen, wie eine im September durchgeführte Sonderbefragung von KfW Research im Rahmen ihres Mittelstands-
panels offenlegte. Besonders stark betroffen ist der Erhebung zufolge das mittelständische Verarbeitende Gewerbe. Vier von fünf Unternehmen beklagen hier Lieferengpässe. Ähnlich sieht es im Baugewerbe aus, wo sich 78 Prozent der Unternehmen mit Materialknappheit auseinandersetzen müssen.


Schwierigkeiten gibt es etwa bei Mikroprozessoren, auch einfache Steuerungselemente fehlen, genauso wie Stahl, Aluminium, Kupfer und andere Metalle, Kunststoffe und Verpackungsmaterialien, auch Holz für die Bau- und Möbelindustrie. Einen wesentlichen Grund sieht die KfW darin, dass viele Unternehmen in der Corona-Krise ihre Kapazitäten zurückgefahren haben und nun auf die wieder anspringende Nachfrage nur langsam reagieren können. Andere Ursachen wie Störungen im internationalen Frachtverkehr, die weiter anhaltenden Handelskonflikte oder Ereignisse wie die Waldbrände in Kalifornien spielen ebenfalls eine Rolle.


Eine Umfrage des ifo-Instituts ergab, dass der Materialmangel in der deutschen Industrie sich im Oktober zwar geringfügig verbessert habe: 70,4 Prozent der befragten Firmen klagten über Engpässe und Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen – sieben Prozentpunkte weniger als im September. „Von einer Entspannung kann aber nicht gesprochen werden“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. „Insbesondere, weil die Firmen erwarten, dass die Engpässe bis weit ins neue Jahr bestehen bleiben.“ Aufgrund der andauernden Lieferprobleme planen weiterhin viele Unternehmen an der Preisschraube zu drehen. „Wir sehen“, so Wohlrabe, „wie sich die Preiserhöhungen durch die gesamte Wirtschaft ziehen“.


Die Lieferengpässe sorgen bei den betroffenen Unternehmen für zahlreiche Einschränkungen im Betriebsablauf. „Höhere Einkaufspreise, längere Wartezeiten auf bestellte Waren und Rohstoffe und ein gestiegener Planungsaufwand stellen den Großteil der Unternehmen vor Herausforderungen“, konstatiert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. „Damit wird die wirtschaftliche Erholung dieser Betriebe nach den Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie erschwert.“ 42 Prozent der Unternehmen können bestehende Aufträge nicht abarbeiten, 17 Prozent müssen neue Aufträge bereits ablehnen. Ein Viertel der Unternehmen muss aufgrund der Lieferschwierigkeiten seine Produktion drosseln oder sogar stoppen. Bei 43 Prozent der Unternehmen führt die aktuelle Situation zu Umsatzausfällen.


Im verarbeitenden Gewerbe und in der Bauindustrie müssen sechs von zehn Unternehmen die Preise für ihre Kunden erhöhen, berichtet die KfW, gibt an einem anderen Punkt aber Entwarnung: „Auf die Beschäftigung wirken sich die Lieferengpässe im Mittelstand bislang vergleichsweise wenig aus.“ Nur rund vier Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen haben bislang Instrumente wie den Abbau von Überstunden, Urlaub oder Kurzarbeit nutzen müssen.

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