Die Zauderer

Oktober 2016 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Die Zauderer

Alle reden über Industrie 4.0, nur der Mittelstand hinkt hinterher. Dabei gibt es preiswerte Möglichkeiten, an der Digitalisierung teilzuhaben.

Illustration: Nicole Pfeiffer
Mirko Heinemann / Redaktion

Mitte August erschien eine Studie, die den Glauben an die Zukunftsfähigkeit Deutschlands erschütterte: Eine Forschergruppe hatte sich im Auftrag der KfW Bankengruppe den Stand der Digitalisierung bei kleinen und mittelständischen Unternehmen genauer angeschaut. Ihr Fazit: Bei einem Drittel aller Mittelständler gebe es „Defizite selbst in der grundlegenden digitalen Infrastruktur“. Viele KMU, so die Forscher, hätten nicht einmal eine Website.

Während in der öffentlichen Diskussion Begriffe wie „Industrie 4.0“ und „digitale Wertschöpfungsketten“ schon selbstverständlich scheint, hat ein großer Teil der mittelständischen Unternehmen „Ausbaupotential auf grundlegenden Stufen der Digitalisierung“, so das Fazit der Forscher: „Die Digitalisierung ist in mittelständischen Unternehmen in Deutschland noch stark ausbaufähig.“ Besonders häufig unter den Nachzüglern der Digitalisierung sind demnach Kleinunternehmer bis zu 50 Mitarbeitern.

Da meldet sich der gesunde Menschenverstand: Eine Currywurstbude braucht sicher kein elektronisches Warenwirtschaftssystem. Und viele Handwerksbetriebe sind auch ohne Online-Auftritt dauerhaft ausgebucht. Problematisch wird es aber dann, wenn Unternehmer ihrem eigenen Anspruch hinterherhinken. Wenn also der Chef weiß, dass Digitalisierung in seinem Betrieb dringend geboten ist, er aber nicht den Mut oder die finanziellen Mittel aufbringt, endlich den Schritt in die digitale Welt zu wagen.

Diese Dissonanz hat der Bitkom bei der großen Mehrheit der Mittelständler festgestellt. Nach einer Umfrage des Hightech-Verbands sehen nämlich 72 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland die Digitalisierung als zentrale Herausforderung für ihr Unternehmen. Doch 55 Prozent haben keine zentrale Digitalisierungsstrategie. Sie wissen nicht, wie sie Big Data für ihr Unternehmen einsetzen können, wo digitale Plattformen Sinn machen oder wie sie ihre Mitarbeiter mit der digitalen Technologie vertraut machen können.

Da hilft nicht einmal der Blick auf die Vorreiter der Digitalisierung, laut KfW knapp ein Fünftel der Unternehmen. Für sie sind digitale Produkte oder Dienste zwar ein wichtiger Bestandteil ihres Geschäftsmodells: Sie bieten ihren Kunden Apps für bestimmte Produkte oder Dienste an oder führen Industrie 4.0-Projekte durch. Doch die Digitalisierung sei sogar in den meisten Unternehmen dieser Kategorie noch „deutlich ausbaufähig“, finden die Forscher.

Doch warum ist das so? Sechs von zehn Firmen geben als Hemmnis unter anderem zu hohe Investitionskosten an. Kleinere Unternehmen schreckten oft vor der Digitalisierung zurück aus Sorge, teure moderne Maschinen anschaffen zu müssen. Da glaubt der Technologiekonzern Bosch jetzt Abhilfe schaffen zu können. Selbst älteste Maschinen könnten mit Sensoren und einer von Bosch entwickelten Steuereinheit schnell und einfach vernetzt werden, so Bosch-Industriechef Werner Struth. Zur Demonstration wurde eine 129 Jahre
alte pedalbetriebene, gusseiserne Drehbank, an der schon Firmengründer Robert Bosch gearbeitet haben soll, mit moderner Sensorik und Software ausgestattet. Kosten für die Vernetzung: ein niedriger fünfstelliger Betrag.