KI: Schlüsseltechnologie für den Mittelstand

Künstliche Intelligenz ist längst kein Experiment mehr, sondern ein echter Wettbewerbsfaktor. Sie bringt mehr Produktivität, bessere Entscheidungen und neue Geschäftsmodelle, erfordert aber auch Investitionen in Daten, Kompetenzen und IT-Sicherheit. Dem Mittelstand bietet die Technologie dann besonders große Chancen, wenn er sie richtig zu nutzen weiß.

Illustrationen: Carolin Eitel
Illustrationen: Carolin Eitel
David Schahinian Redaktion

Irgendwas mit KI“, diese Forderung hören Software-Entwickler mittlerweile häufig. Denn viele Unternehmen fühlen sich von dem Voranschreiten der Technologie unter Druck gesetzt und fürchten, ins Hintertreffen zu geraten. Wenn aber weder Weg noch Ziel klar definiert sind, sollte man nicht loslaufen. Eine umfassende KI-Strategie kann helfen, ist für kleinere Unternehmen aber selten praktikabel. Für sie geht es eher darum, Anwendungsfälle zu identifizieren und schnelle Verbesserungen zu erzielen. 

Man muss gar nicht so weit gehen wie die IHK Rhein-Neckar, die in der KI eine „Jahrhundertchance“ für den Mittelstand sieht. Ein Blick auf die Ausgangsposition vieler kleiner und mittelständischer Betriebe genügt: Sie verfügen zwar häufig über nicht so viele Daten wie große Konzerne, doch sind diese meist qualitativ hochwertig und strukturiert – eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Anwendung von KI. Zudem lassen sich Projekte schneller umsetzen und evaluieren, die Entscheidungswege sind kürzer. Abteilungen wie die Buchhaltung oder die Lagerverwaltung weisen meist viele Standardfälle auf, die sich mit KI gut wegarbeiten lassen – sodass mehr Zeit für das Kerngeschäft bleibt.
 

»Bei Vermessungen wird KI eingesetzt, um 3D-Modelle aus Drohnenaufnahmen zu entwickeln. So wird ein Bauvorhaben schnell plastisch sicht- und planbar.«
 

Die entscheidende Ausgangsfrage ist, welche konkreten Probleme eine KI im Unternehmen lösen kann – unabhängig von der Branche. Einige Beispiele: In Produktionshallen und Fertigungsstraßen können Ausfallzeiten durch vorausschauende Wartung gesenkt oder die Qualitätskontrolle verbessert werden. Mittelständler haben hier den Vorteil, dass es bereits zahlreiche erprobte, kostengünstige und leicht implementierbare Software für solche Anwendungsfälle gibt.

In der Finanzwirtschaft besteht dank der KI auch für kleinere Unternehmen die Möglichkeit, sehr große Mengen an Marktdaten zu analysieren und Schlüsse daraus zu ziehen. Es ist kein Wunder, dass es in diesem Bereich besonders viele innovative Neugründungen wie Neobanken oder Robo-Advisors gibt. Ganz ohne ist die Sache aber nicht: Wo es um Bonität oder Investitionen, generell: um viel Geld, geht, ist besondere Vorsicht geboten. Gut, wenn die KI auch gleichzeitig alle Compliance-Regelungen im Blick hat.

Am deutlichsten wird der Umbruch vielleicht in der Baubranche: Rund 99 Prozent der Betriebe in Deutschland zählen zum klassischen Mittelstand mit weniger als 250 Mitarbeitern. Umso größer sind die potenziellen Wettbewerbsvorteile beim Einsatz von KI. Bei Fegerdach im hessischen Kronberg beispielsweise schaute man sich früh nach Möglichkeiten um, um sich bei Routineaufgaben unterstützen zu lassen. In Meetings kommt mittlerweile ein Diktiergerät zum Einsatz, das Gespräche nicht nur aufnehmen, sondern auch transkribieren und in verschiedenen Formen zusammenfassen kann. Es geht um die Dokumentation und nicht um ein eventuell falsch gesetztes Komma, auch wenn die Ergebnisse des Tools „extrem schnell viel besser“ würden, wie Maximilian Feger berichtet. Bei Vermessungen wird KI eingesetzt, um 3D-Modelle aus Drohnenaufnahmen zu entwickeln. So wird ein Bauvorhaben schnell plastisch sicht- und planbar.

„Zeitfressende Büro-Routine, steigende Komplexität und der tägliche Spagat zwischen Baustelle und Organisation“ nennen die Gründer von „Ole“ als Motivation, ihre KI-gestützte App für Handwerker im Bereich Sanitär, Heizung und Klima zu entwickeln. Ole fungiert als digitaler Assistent, der schnell Antworten auf Probleme an Ort und Stelle findet – sei es die Identifizierung von Ersatzteilen, richtige Einstellwerte oder Fehlerdiagnosen. Dazu greift sie auf Herstellerdaten, Betriebswissen und öffentliche Quellen zurück.

Illustrationen: Carolin Eitel
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Illustrationen: Carolin Eitel

Der Mittelstand scheint jedenfalls seine anfängliche Scheu gegenüber KI mittlerweile weitgehend verloren zu haben. Sie sei „als Produktivitätsfaktor in den Unternehmen angekommen“, stellt denn auch die DIHK-Digitalisierungsumfrage 2026 fest. Insgesamt nahmen daran mehr als 4.600 Unternehmen teil, die große Mehrheit davon Mittelständler. Die Ergebnisse zeigen, dass mit 78 Prozent am häufigsten generative KI zur Erstellung von Texten, Bildern und Codes genutzt wird, gefolgt von Anwendungen für personalisierte Kundenansprache und -support (43 Prozent). 38 Prozent setzen KI in der Qualitätssicherung und Prozessüberwachung ein. Gleichwohl gaben 31 Prozent der befragten Unternehmen an, KI-Technologie bislang weder einzusetzen noch dies zu planen. Ein Fehler, denn der Wettbewerb tut es schon: 34 Prozent bewerten den Einfluss der KI auf die Produktivität im Unternehmen als hoch, 52 Prozent bezeichneten ihn als moderat. Lediglich 13 Prozent sprachen von einem geringen Einfluss.
 

VERÄNDERUNGSBEREITSCHAFT ALS HERAUSFORDERUNG


Einen Königsweg zur erfolgreichen KI-Anwendung im Mittelstand gibt es – natürlich – nicht. Best Practices schon. Projekte, die ein eng umrissenes Problem lösen und in bestehende Abläufe integriert werden können, sind ein guter Start. Mit wachsendem internem Know-how und schnellen Erfolgen lassen sich auch diejenigen überzeugen, die glauben, KI ignorieren zu können: Die Veränderungsbereitschaft ist oft eine zentrale Herausforderung, gerade im Mittelstand. Wenn man das eigene Expertenwissen oder gar seinen Arbeitsplatz bedroht sieht, ist das gut nachvollziehbar. Für Mitarbeiter sei die Vision des Unternehmens mit dem Erschließen eigener beruflicher Potenziale verbunden, erklärt Kristina Bodroži´ c-Brni´ c, Mitarbeiterin am Mittelstand-Digital Zentrum Zukunftskultur: Daher liege es nahe, die Belegschaft über die KI-Nutzung im Unternehmen „erstens zu informieren, zweitens entsprechend vorzubereiten und drittens zu schulen“. 

Kleine Unternehmen fahren außerdem gut damit, sich Kooperationen oder Netzwerke aufzubauen. Der offene Arbeitskreis für künstliche Intelligenz für den Mittelstand in Ostwestfalen-Lippe ist hierfür ein gutes Beispiel. Er entstand 2018 als Initiative einiger Unternehmen in Kooperation mit der Hochschule Bielefeld und der IHK Ostwestfalen, erklärt Professor Dr. Hans Brandt-Pook. Der Wirtschaftsinformatiker ist einer der Organisatoren des Arbeitskreises. Viermal im Jahr treffen sich dort Vertreter der regionalen Wirtschaft und Forscher der Hochschulen in Ostwestfalen-Lippe. „Im Zentrum steht der Austausch zu regionalen KI-Projekten unter den Randbedingungen des Mittelstandes“, sprich: limitierten finanziellen Ressourcen, der Notwendigkeit schneller Ergebnisse und oftmals fehlendem KI-Know-how. Als einen Erfolgsfaktor des Arbeitskreises sieht er, dass aus den Treffen heraus auch Projekte generiert werden. „So ist es nicht nur ein Wissenstransfer von der Wissenschaft zur Wirtschaft, sondern eine Win-win-Situation.“ Auf die Frage, welche Mittelständler besonders von KI profitieren können, hat er eine klare Antwort: „Alle.“ KI werde in jedes KMU einziehen, ist er sich sicher.

Antwort von Professor Dr. Hans Brandt-Pook auf die Frage, welche Mittelständler besonders von KI profitieren können: »Alle.«

EIN EIGENER CAMPUS FÜR KI

Für größere Mittelständler kann es sich auch lohnen, selbst strukturelle Grundlagen für KI-Innovationen zu schaffen. Cewe mit Hauptsitz in Oldenburg, bekannt für seine Fotoservices, hat bereits 2019 einen „Mobile & AI Campus“ (MAIC) gegründet: „Mit dem MAIC wollten wir frühzeitig Kompetenzen bündeln, neue Technologien erproben und interdisziplinäre Teams aus IT, Produktentwicklung und Data Science zusammenbringen“, berichtet das Unternehmen. „Wir haben damals für uns erkannt, dass dies einen eigenständigen Raum erfordert, in dem auch abseits des Tagesgeschäfts an diesen Technologien geforscht werden kann.“ 

Heute werde KI unter anderem für intelligente Bildanalysen, Gestaltungs- und Empfehlungshilfen in den Software- und App-Angeboten sowie in der Produktions- und Prozessoptimierung eingesetzt. Hinzu kommen interne Entwicklungen wie ein unternehmensweiter KI-Chatbot, der kontinuierlich weiterentwickelt wird. Aktuell fokussiere man sich auf die Anbindung von Unternehmensdaten. Der Nutzen von KI zeige sich bereits heute, beispielsweise in Form besserer Nutzungserlebnisse oder höherer Produktqualität. Viele Potenziale von KI würden sich darüber hinaus erst in den kommenden Jahren vollständig entfalten, ist man sich bei Cewe sicher: „Wir sehen KI als langfristige Schlüsseltechnologie, in die wir kontinuierlich investieren.“

Der Umgang mit KI scheint also insgesamt erwachsener geworden zu sein, und das ist eine gute Nachricht. Statt funktionierende Prozesse umkrempeln oder ganze Produktionshallen von jetzt auf gleich auf KI-Technologien umstellen zu wollen, regiert nun der Realismus. Mittelständler, die sich dem Thema KI nähern wollen, nennt Hans Brandt-Pook zwei Wege: zum einen einen konkreten Bedarf oder ein konkretes Problem in den Blick zu nehmen, für den eine KI-Anwendung entwickelt werden könnte. „Der zweite Weg ist datengetrieben. Hier steht die Frage im Mittelpunkt, welche Potenziale in den vorhandenen Daten liegen.“ So könnten neue Ideen für Produkte, Services oder Vertriebswege entstehen.
 

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