KI für den Mittelstand

Wie deutsche KMU profitieren können. Ein Interview mit Oliver Gürtler, Microsoft Deutschland.

Oliver Gürtler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts, Microsoft Deutschland
Oliver Gürtler, Leiter des Mittelstandsgeschäfts, Microsoft Deutschland
Microsoft Deutschland Beitrag

Microsoft will in den nächsten zwei Jahren rund 3,2 Milliarden Euro in Deutschland investieren, warum?

Ganz einfach, weil wir vom Potenzial des Standorts Deutschland überzeugt sind. Und weil wir Unternehmen dabei unterstützen wollen, dieses Potenzial auszuschöpfen. Laut IWF gehört Deutschland zu den weltweit drei Ländern, die am meisten von der kommenden KI-Revolution profitieren könnten. Gleichzeitig sehen wir, dass die öffentlichen Haushalte bereits an ihre Grenzen stoßen. Durch Investitionen in den Ausbau von Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur, aber auch in die Qualifizierung von Fachkräften wollen wir dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit hierzulande langfristig zu sichern.
 

Künstliche Intelligenz gilt derzeit als die wichtigste Zukunftstechnologie. Wie steht es denn hierzulande um die KI-Nutzung?

Das Interesse ist tatsächlich riesig, doch in der Umsetzung brauchen wir noch mehr Tempo, gerade auch im Mittelstand. So erwarten laut Bitkom zwei Drittel der Entscheider*innen in deutschen Unternehmen Entlastung bei Routineaufgaben, wenn Chatbots und KI-Werkzeuge zum Einsatz kommen, dennoch wollen vier von fünf Unternehmen lieber erst die Erfahrungen anderer abwarten. Laut Institut für Mittelstandsforschung nutzen derzeit gerade mal zehn Prozent der Betriebe mit weniger als 250 Beschäftigten KI. Dabei sind auch viele kleinere Unternehmen hochspezialisiert und haben eine enorme Branchenexpertise aufgebaut. Man denke nur an die unzähligen „Hidden Champions“. Die könnten enorm davon profitieren, wenn KI beispielsweise die Forschung beschleunigt. Mit Unterstützung von Microsoft gelang US-Forscher*innen binnen 80 Stunden die Entdeckung eines neuen Materials, mit dem sich das Lithium in wiederaufladbaren Batterien um bis zu 70 Prozent reduzieren lässt. Ohne KI hätten sie dafür Monate, wenn nicht Jahre gebraucht.
 

Dennoch heißt es oft, dass vor allem große Unternehmen von KI profitieren?

In Sachen Skalierbarkeit haben Großunternehmen tatsächlich ein paar Vorteile, aber das bedeutet nicht, dass kleinere Firmen nicht auch profitieren. So leidet gerade auch der Mittelstand hierzulande massiv unter dem Fachkräftemangel. Und den kann KI deutlich abfedern. KI verbessert heute schon die Produktivität von Programmierer*innen um mehr als 50 Prozent. Mitarbeitende im Büro sind 25 Prozent schneller und erzielen um 40 Prozent bessere Ergebnisse, wenn sie KI nutzen. KI kann aber noch viel mehr. Sie optimiert Lieferketten und die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen in Fabriken. Unternehmen wie Siemens, Bosch, Mercedes oder BASF haben längst begonnen, KI in Prozesse und Produktion einzubauen. Mittelständler sollten jetzt schnell nachziehen, sonst drohen früher oder später Wettbewerbsnachteile.
 

Aber sind die Hürden für kleinere Unternehmen nicht schlicht zu groß?

Im Gegenteil. So wie der Buchdruck das Wissen demokratisiert hat, so demokratisiert KI die Nutzung von Algorithmen. Heute können wir mit Maschinen in natürlicher Sprache kommunizieren und davon profitieren gerade auch kleinere Firmen, die nur begrenzte IT-Ressourcen haben. Und viele KI-Anwendungen sind heute bereits in Standard-Software wie Microsoft 365 integriert und auf Knopfdruck verfügbar oder können „As-a-Service“ über die Cloud abgerufen werden. Die gute Nachricht ist: Für den Erfolg im KI-Zeitalter spielt Größe nicht die entscheidende Rolle. Es geht vor allem auch darum, die richtigen Partner zu finden, um gemeinsam innovative Lösungen zu entwickeln.
 

Wie sollten Entscheider*innen jetzt konkret vorgehen, um KI im eigenen Unternehmen zu implementieren?

Vor allem sollten sie sich von dem mitunter übergroß erscheinenden Thema KI nicht entmutigen lassen. Daniil Heinze, Bitkom-Experte für Digitale Geschäftsprozesse, hat es auf den Punkt gebracht: „Die Hürden für den Einstieg in KI waren noch nie so niedrig und das Angebot an Unterstützung bei der Einführung noch nie so groß.“ Mein Rat lautet: Das Thema möglichst pragmatisch anzugehen und Dinge einfach auszuprobieren. Definieren Sie konkrete Probleme, die Sie mithilfe von KI lösen wollen. Fragen Sie Ihre Mitarbeiter*innen, an welchen Stellen Sie sich KI-Unterstützung wünschen. Finden Sie heraus, wer im Unternehmen bereits Erfahrungen mit KI gesammelt hat. Identifizieren Sie Prozesse, die sich durch KI beschleunigen lassen. Schaffen Sie Leuchttürme und bestehen Sie darauf, dass sich Ihre Mitarbeitenden zum Beispiel durch die vielfältig existierenden Lernprogramme wie Microsoft Learn für Unternehmen weiterbilden. Und last, but not least: gehen Sie selbst mit gutem Beispiel voran!

https://www.microsoft.com/de-de/kmu
 

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