Von der Montanindustrie zur Innovationshauptstadt Europas

Hidden Champions beflügeln den Wirtschaftsstandort Dortmund.

Jan-Philipp Büchler und Heike Marzen auf dem Innovationsstandort PHOENIX West
Jan-Philipp Büchler und Heike Marzen auf dem Innovationsstandort PHOENIX West
Innovation Next Door Beitrag

Interview mit Heike Marzen, Geschäftsführerin Wirtschaftsförderung Dortmund und Prof. Dr. Jan-Philipp Büchler, Professor für Unternehmensführung an der Fachhochschule Dortmund.

Dortmund hat sich von einem wichtigen Standort der Montan-industrie hin zu einem wissensorientierten Innovations- und Zukunftsort mit großer Beschäftigungsdynamik entwickelt. Dortmund ist also auch eine Art „Hidden Champion“. Was ist das Erfolgsrezept von Dortmund?
Heike Marzen: Dortmund wurde bereits im Jahr 2004 im Zukunftsatlas von prognos  als „stiller Star“ bezeichnet. Im Jahr 2021 wurde Dortmund schließlich als erste deutsche Stadt von der Europäischen Kommission mit dem iCapital Award als „Innovationshauptstadt Europas“ ausgezeichnet. Diese Erfolgsgeschichte hat vor allem etwas mit Mut zum Wandel zu tun. Wir haben den Mut gehabt, das Ende der Montanindustrie als Chance zu begreifen, Altes hinter uns zu lassen und konsequent auf Erneuerung zu setzen. Heute prägen eine Vielzahl junger Unternehmen und Start-ups die Dortmunder Wirtschaft. Mehr als 6.000 Unternehmen mit rund 45.000 Beschäftigten in Dortmund sind jünger als 10 Jahre. Es entstehen also ständig in großer Zahl neue junge Unternehmen und Jobs in Dortmund. Heute hat Dortmund deutlich mehr Beschäftigte als noch zur Hochzeit der Montanindustrie.

Wie steht Dortmund mit seinen Hidden Champions im überregionalen Vergleich da?  
Jan-Philipp Büchler: In Dortmund haben 16 nachgewiesene Hidden Champions ihren Hauptsitz. Eine Reihe weiterer Hidden Champions unterhalten Niederlassungen und dabei insbesondere Forschungseinrichtungen z. B. im Dortmunder Technologiepark. Damit liegt Dortmund im NRW-Ranking auf den vordersten Plätzen im Städtevergleich. Das ist je nach Abgrenzung und Datenbank unterschiedlich, aber immer auf Champions League Niveau. Es sind vor allem technologieintensive Industrieunternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau und der Elektrotechnik, aber auch Dienstleistungschampions der Softwarebranche.
In mehr als zehnjähriger Forschungsarbeit haben wir an der FH Dortmund eine der umfangreichsten Datenbanken zu Hidden Champions weltweit aufgebaut. Das Besondere: Unsere Einträge basieren auf Primärforschung, d.h. echter Feldforschung mit den mittelständischen Weltmarktführern in der Region. Es hat dabei alles in Dortmund und im westfälischen Ruhrgebiet begonnen, weil es hier eine besonders hohe Dichte an Hidden Champions gibt. Wir sind sozusagen „Home of Hidden Champions“.

„Hidden Champion“ zu sein, ist eine Auszeichnung, verbunden mit besonderen unternehmerischen Qualitäten. Wie sehen Sie die Rolle bzw. Funktion der Hidden Champions für den Wirtschaftsstandort Dortmund und die Region?
Heike Marzen: Dortmund hat sich seit den 80er Jahren besonders stark an der Schnittstelle Industrial Tech & Wissenschaft sowie der IUK-Technologie entwickelt. Das Unternehmen Elmos ist ein gutes Beispiel: Gegründet 1984 „auf der grünen Wiese“, war es einer der Pioniere im gerade im Aufbau befindlichen Technologiepark Dortmund. Elmos ist Halbleiterhersteller mit Anwendungsschwerpunkt in der Automobilindustrie. Heute ist Elmos Weltmarktführer für Fahrerassistenzsysteme insbesondere in der UItraschalldistanzmessung und Umgebungserkennung. Ähnliche Erfolgsgeschichten starteten die IT-Unternehmen Materna und Ende der 90er adesso an der Technischen Universität Dortmund. adesso hat heute fast 6.000 Mitarbeitende. Und natürlich nicht zu vergessen Wilo, als weltweit führendes Unternehmen für intelligente Pumpensysteme in der Gebäudetechnik, der Wasserwirtschaft und der Industrie.

Wie wird und wie bleibt ein Unternehmen eigentlich ein Hidden Champion?
Jan-Philipp Büchler: Die gerade genannten Unternehmen Elmos und Wilo zeigen das sehr anschaulich: Kundenzentrierte Innovation und chancengetriebene Internationalisierung sind die Säulen einer ambitionierten Wachstumsstrategie, die mit langem Atem durch Kontinuität in der Führung exzellent umgesetzt wird. Dabei besteht das Führungsverständnis von Hidden Champions in dem eigenen Anspruch, seinen Markt, seine Kunden und Wettbewerber in bestimmten Leistungsmerkmalen insbesondere technologisch anzuführen.

Dortmund wurde 2021 als Europäische Innovationshauptstadt ausgezeichnet. Was waren die ausschlaggebenden Argumente für Dortmund?
Heike Marzen: Dortmund und sein Innovationsökosystem zeichnet ein breites Innovationsverständnis aus: Es geht um wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Transformation. Dafür steht „Innovation Next Door“. Innovationen basieren allerdings nicht auf einer einzelnen, brillanten Idee eines Genies. Sie entstehen, wenn Menschen an einer gemeinsamen Vision für eine bessere Zukunft arbeiten. Deswegen bieten wir Innovator:innen in Dortmund einen guten Nährboden und beziehen alle Akteur:innen durch eine offene Kommunikationskultur und breite Beteiligungsverfahren mit ein. Als Standort von sieben Hochschulen, mehreren Fraunhofer-Instituten, einem großen Max Planck-Institut und einem der größten Technologiezentren Europas hat der Standort zudem ein enormes Potential an Fachkräften und für Wissenstransfer.  

Wie innovativ sind denn die Hidden Champions in Dortmund?
Jan-Philipp Büchler: Hidden Champions zeigen gerade im Innovationskontext Spitzenleistungen. Das zeigt sich vor allem in der strukturell hohen F&E-Quote, die bei den Dortmunder Hidden Champions zwischen 4,7 % bis 15,0 % vom Umsatz liegt. Das zeugt von einem konsequenten Investitionsfokus. Das Ergebnis dieser Anstrengungen kann bei unseren Dortmunder Hidden Champions auf durchschnittlich rund 40 Patente pro 1.000 Mitarbeiter beziffert werden. Dazu im Vergleich: Die DAX-Unternehmen kommen auf eine F&E-Quote von rund 3,5 % und auf 6 Patente pro 1.000 Mitarbeiter und sind damit im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. Die Innovationskraft der Hidden Champions ist aber eine Klasse für sich. Daher ist die Anzahl der Hidden Champions in einer Region ein sehr guter Indikator für die Innovationskraft eines Wirtschaftsstandortes. Da sind wir in Dortmund Spitzenklasse!

Wirtschaft und Gesellschaft stecken mitten in einem gewaltigen Transformationsprozess und regionale Innovationsökosysteme spielen eine immer größere Rolle. Wie stellt sich Dortmund für die Zukunft auf? Und welche Bedeutung haben Hidden Champions für regionale Innovationsökosysteme aus Sicht der Wissenschaft?
Heike Marzen & Jan-Philipp Büchler: Hidden Champions sind Treiber von Innovationen und Meister der Transformation. Aufgrund ihrer Unternehmensentwicklung haben sie bereits Führungswechsel, Technologiesprünge und Markterweiterungen gemeistert. Sie sind anpassungsfähig und haben eine hohe Antizipationsfähigkeit, d.h. sie erkennen rechtzeitig Veränderungen. Dabei setzen sie auf starke regionale Partner insbesondere in der Wissenschaft: Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind strategisch wichtige Partner. Konkret in Dortmund sind Fraunhofer Institut, Helmholtz Gesellschaft, TU und FH besonders starke Forschungsakteure, die mit den Hidden Champions eng zusammenarbeiten. Gleichzeitig bauen die Hidden Champions wichtige Wissensbrücken in andere regionale Innovationsökosysteme in Westfalen, Deutschland, Europa und der Welt, von denen auch der Standort Dortmund mit seiner mittelständischen Wirtschaftsstruktur profitiert. Somit denken und handeln Hidden Champions in den Gestaltungsfeldern Innovation und Internationalisierung immer gleichzeitig und sich verstärkend.

www.innovation-next-door.de

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