»Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend«

Dezember 2020 | Handelsblatt | Perspektiven 2021

»Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend«

Die Initiative IN4climate.NRW bringt Industrie, Wissenschaft und Politik zusammen, um Rahmenbedingungen und innovative Technologien für eine klimaneutrale Industrie zu entwickeln.

Samir Khayat, Geschäftsführer der Initiative IN4climate.NRW
IN4climate.NRW / Anzeige

Herr Khayat, welche Vision steht hinter IN4climate.NRW?
Die Zukunft der Industrie ist klimaneutral. Das ist nicht nur eine Vision, sondern eine Notwendigkeit – und wir sind bereits auf dem Weg dorthin. IN4climate.NRW geht es darum, eine innovative, klimaneutrale und wettbewerbsfähige Industrie zu entwickeln. Diese Herausforderung betrifft nicht nur Nordrhein-Westfalen, sondern auch Deutschland und Europa. Wir verstehen uns als klaren Gegenentwurf zu Ideen, die mit der Deindustrialisierung zum Wohle des Klimas liebäugeln. Wenn wir kaum noch etwas selbst herstellen, verlagert sich die Produktion unter meist schlechteren Bedingungen an andere Standorte, aber industrielle Produkte benötigen wir natürlich trotzdem. Um diese kaufen zu können, brauchen wir Arbeitsplätze, Kaufkraft und eine funktionierende Wirtschaft! Wir wollen unabhängiger sein von Staaten, in denen weniger Demokratie herrscht, in denen der Rechtsstaat schwach ist. Mit einer nachhaltigen Industrietransformation wollen wir die Pariser Klimaschutzziele erreichen, unsere wirtschaftliche Souveränität erhalten und den Technologiestandort Deutschland ausbauen. Wir legen hier ein Fundament für die Zukunft.
 

Warum ist eine Initiative wie IN4climate.NRW gerade für Nordrhein-Westfalen so wichtig?
NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland und Industriestandort Nr. 1 in Europa. Mit unserer zentralen Lage verfügen wir über eine lange Tradition als vernetzter, innovativer Technologiestandort. Zugleich steht NRW für eine energieintensive Grundstoffindustrie, deren Produkte Grundlage für weitverzweigte Wertschöpfungsketten, insbesondere in der mittelständischen Industrie sind. Hier kulminieren große Herausforderungen für den Klimaschutz. Wenn wir diese Industrien fit für eine klimafreundliche Zukunft machen, leisten wir einen entscheidenden Beitrag zur Einhaltung der Klimaziele und können Vorbild für Deutschland und Europa sein.
 

Wie kann eine klimaneutrale Industrie 2050 aussehen, welche aktuellen technischen Entwicklungen unterstützen Sie?
Wenn wir die industriellen Prozesse in NRW bis 2050 klimaneutral gestalten wollen, ist unter anderem der großmaßstäbliche Einsatz von Wasserstoff unabdingbar. Dazu müssen in großem Umfang Erneuerbare Energien bereitgestellt werden. Das Land NRW hat unter Mitwirkung unserer Initiative eine Wasserstoff-Roadmap entwickelt, um den Aufbau einer zukunftsweisenden Wasserstoffwirtschaft zu beschleunigen: Bis 2025 sollen erste Großanlagen zur Produktion von Wasserstoff in Betrieb gehen, die ersten knapp 500 Kilometer eines Pipeline-Netzes in Deutschland installiert und mehr als 400 Brennstoffzellen-Lkw unterwegs sein. Im Bereich der Industrieproduktion wollen wir die Chemieanlagen mit Hilfe von Wasserstoff, Elektrochemie und erneuerbarem Strom klimaneutral umgestalten. Des Weiteren wollen wir eine CO2-Kreislaufwirtschaft errichten: Kohlenstoffdioxid (CO2), das in der Produktion entsteht, kann z. B. als Kühlmittel oder als Rohstoff für andere Prozesse dienen. Chemisches Recycling von Kunststoffen soll zudem helfen, Kohlenstoffkreisläufe weitgehend zu schließen. Wir schätzen, dass so bis zu zwei Millionen Tonnen Kunststoffabfall jährlich wiederverwendet werden könnten. Das sind Beispiele, wie die Industrie klimaneutral werden kann.

Stichwort CO2: Wieso strebt man eigentlich keine CO2-freie Industrie an?
Weil das nicht möglich ist. Bei manchen industriellen Prozessen wird es immer eine unvermeidbare CO2-Entstehung geben. Bei der Herstellung von Zement zum Beispiel entstehen 60 Prozent des CO2 beim Ausbrennen des Carbonatgesteins, das ist technisch nicht anders machbar. Wir können aber nicht einfach aufhören, Zement zu produzieren – schon allein, weil es dann andere machen – mit geringeren Umweltauflagen. Unsere Initiative beschäftigt sich deshalb zum einem mit Verfahren wie Carbon Capture and Storage (CCS) – dabei wird CO2 aufgefangen, verpresst und unterirdisch gelagert. Viel besser wäre aber auch hier der Ansatz der Kreislaufwirtschaft: Carbon Capture and Utilization (CCU) steht für die Wiederverwendung des CO2 als Grundstoff zur Herstellung von Chemieprodukten oder klimafreundlicheren Brenn- und Treibstoffen.
 

Wir haben über Technologien gesprochen. Wie sieht es mit den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aus?
Grundsätzlich gilt: Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend. Wenn wir den Transformationspfad jetzt nicht entschlossen beschreiten, werden die Hürden für die Industrie zu hoch. Es wird dann zu einem sukzessiven Absterben der Industrie kommen, die die steigenden Anforderungen und Auflagen für klimafreundliche Produktion nicht mehr erfüllen kann. Deshalb sollte etwa die Kreditwirtschaft mehr Bereitschaft zeigen, zukunftsträchtige Anlagen zu finanzieren. Abgaben und Umlagen müssen im Sinne einer klimaneutralen Wirtschaft umgebaut werden. Die Beihilferichtlinien und das Wettbewerbsrecht der EU müssen die zügige Markteinführung klimaneutraler Technologien aktiv unterstützen. Und nicht nur Gesellschaft und Politik müssen mitziehen, auch die Industrie muss erkennen können, dass sie klimafreundlich und zugleich konkurrenzfähig sein kann, dass es also einen Business Case für klimafreundliche Anlagen geben wird. Nur wenn Technologie und Rahmenbedingungen Hand in Hand gehen, erreichen wir unsere Ziele.
 

Über IN4climate.NRW
 

IN4climate.NRW ist eine Initiative der nordrhein-westfälischen Landes-regierung und zentrale Plattform für die Umsetzung einer klimaneutralen Industrie. ExpertInnen aus Industrie, Wissenschaft und Politik entwickeln gemeinsam Strategien und Lösungen für klimaneutrale industrielle Prozesse und Produkte. Die Initiative entwickelt zentrale Strategie- und Technologieansätze, diskutiert notwendige Rahmenbedingungen, zeigt Forschungsbedarfe auf und unterstützt Projekte zu klimaneutralen Produktionsverfahren.
 

www.in4climate.nrw