Zögerliche Verkehrswende

April 2020 | stern | Mobilität der Zukunft

Zögerliche Verkehrswende

Der Umbau der Mobilität zu nachhaltigen Energiequellen ist in vollem Gange –aber kaum in Deutschland.

Illustration: Johannes Fuchs
Axel Novak / Redaktion


Bis vor kurzem war der Klimawandel eines der weltweit drängendsten Probleme. Doch die aktuelle Gesundheits- und Wirtschaftskrise rückt das Thema weit in den Hintergrund. Die Notwendigkeit, die Mobilität auf elektrische und erneuerbare
Energiequellen umzustellen, erscheint gerade unwirklicher denn je. Vor allem, weil immer mehr Fabriken schließen, Menschen zuhause bleiben müssen – und die CO²-Emissionen weltweit sinken.


Doch der Umbau der Mobilität hin zu Strom als Antrieb ist schon längst in vollem Gange. Nur ist noch nicht entschieden, wer davon profitiert und sich am Markt durchsetzt. Die klassischen Automobilkonzerne? Der weltgrößte Automobilhersteller Volkswagen will im Jahr 2040 das letzte Auto mit Verbrennungsmotor aus der Produktion auf die Straße rollen lassen. Auch Daimler glaubt daran, noch im Jahr 2039 einen Benziner verkaufen zu können. BMW will die Verbrenner sogar noch zehn Jahre länger fertigen – der Umstieg auf die E-Mobilität gehe nun mal nicht so schnell.


Die Frage ist, ob die Kunden da mitmachen und in zwanzig Jahren noch solche Dinosaurier kaufen? Schon heute kann sich jeder dritte Autobesitzer in Deutschland vorstellen, in den kommenden fünf Jahren ein Elektroauto zu erwerben, ergab jüngst eine TÜV-Studie. Ob dann in zwei Jahrzehnten noch genügend Kunden den Premiumherstellern den Gewinn sichern? Schließlich stecken hinter den Elektroautos nicht nur Antriebe, sondern weltweite, hochkomplexe Logistikketten, die den Nachschub an Teilen für die aktuelle Fertigung und den noch jahrelang bestehenden Ersatzteilmarkt sichern müssen.


Oder mischen neue Player den Markt auf? Auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas im Januar 2020, einer der wichtigsten Messen für die großen Technologieunternehmen der Welt, gab es beim Thema Mobilität einige Überraschungen. Das Know-how aus ganz unterschiedlichen Branchen fließt beim Thema E-Mobilität zusammen. Der Unterhaltungskonzern Sony entwickelte mit den Automobil-Zulieferern Magna Steyr, Bosch und Continental das Elektroauto Vision-S. Und der Autohersteller Hyundai kooperiert sogar mit einem Vertreter der Plattformökonomie, mit Uber. Zwar ging es hier um Mobilität in der Luft. Doch solchen Kooperationen gehört die Zukunft.


Oder revolutionieren heute unbekannte Disruptoren den Markt? Tesla hat es kürzlich geschafft, die traditionellen Autobauer rasch unter Zugzwang zu setzen. Auch der Streetscooter zeigt, wie schnell erfolgreiche Konkurrenz entsteht. Solche Beispiele zeigen, dass die Platzhirsche nur begrenztes Potenzial haben, ihre Marktanteile gegen Aufsteiger zu verteidigen, wenn diese attraktive und überzeugende Angebote liefern. In der Start-up-Szene weltweit brodelt es bei der Entwicklung neuer Techniken.


Andere Länder handeln schon: Norwegen untersagt neue Verbrenner ab 2025 – schon im April 2019 wurden dort erstmals mehr Neuwagen mit Elektroantrieb als mit Verbrennungsmotor verkauft. Ähnlich in anderen Staaten. Sogar Großbritannien und Frankreich – beide Staaten mit einer eigenen Pkw-Produktion – beabsichtigen, ab 2035, bzw. 2040 den Verkauf von Neufahrzeugen mit alter Technik zu untersagen.


In Deutschland setzt sich die Bundesregierung dagegen wenig für die Verkehrswende ein. Die zaghaften Ansätze aus Berlin liefern bislang kaum Ergebnisse, weder bei den Zulassungszahlen von Elektrofahrzeugen, noch bei der Ladeinfrastruktur oder anderen Elementen einer zukunftsorientierten Mobilität.