Branchengrenzen aufbrechen

April 2020 | stern | Mobilität der Zukunft

Branchengrenzen aufbrechen

Mobilität im Wandel – insbesondere der öffentliche Verkehr (ÖV), aber auch die Automobilindustrie sind gefordert Lösungen zu entwickeln. Dr. Isabella Geis und Oliver Wucher von Q_PERIOR sprechen über neue Herausforderungen.

Dr. Isabella Geis, Managerin Travel, Transport and Logistics Q_PERIOR Oliver Wucher, Partner und Sector Lead Automotive und Industrie Q_PERIOR (v. l. n. r.)
Q_PERIOR / Unternehmensbeitrag

Frau Geis, neue Mobilitätskonzepte sind lange schon Thema. Woran liegt es, dass von Verkehrsentlastung noch nichts zu spüren ist?
Die Mobilitätsnachfrage wächst kontinuierlich, weil sich Reisende mehr und in größerem Radius bewegen. Die Infrastruktur kann jedoch nicht in der gleichen Geschwindigkeit wachsen – muss sie auch nicht. Denn das Problem der Überlastung tritt vor allem in den Stoßzeiten auf, außerhalb haben wir dagegen eine Überkapazität an Infrastruktur. Gerade deshalb braucht es neue Mobilitätslösungen, die die bestehende Infrastruktur besser auslasten und deren Ausbau ergänzen. Hier passiert schon einiges, wie beispielsweise intelligente Verkehrssteuerung oder Sharing-Angebote.

 

Wobei es sich bei dem Gros neuer Angebote noch nicht um wirklich stabile Geschäftsmodelle handelt.
Das stimmt, dennoch oder gerade deshalb kommt Bewegung in den Mobilitätsmarkt. Denken Sie an E-Scooter, Bike-Sharing oder auch On-Demand-Mobilität. Auch wenn sich Geschäftsmodelle erst noch finden und bewähren müssen, sind diese Vorstöße positiv zu werten. Sie dürfen nicht vergessen, dass viele Angebote heute ein Experiment sind. Das heißt, wir müssen erst herausfinden, was wirtschaftlich ist, wo noch Anpassungen im Rechtsrahmen notwendig sind und was der Reisende braucht.

 

Herr Wucher, gerade mit Blick auf die Automobilbranche fällt auf, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Ist das auch einer der Gründe, warum wir bei neuen Mobilitätslösungen noch nicht weiter sind?
In der Tat denken zu viele Anbieter – nicht nur in der Automobilbranche – noch sehr in den eigenen Mustern. Dieses Silodenken gilt es aufzubrechen. Mobilität muss künftig übergreifend angegangen werden, das heißt in Form von Kooperationen zwischen Automobilherstellern und anderen Mobilitätsanbietern.

 

Wenn neue Mobilitätskonzepte nicht nur das Auto im Fokus haben, verliert die Automobilindustrie damit nicht an Wertschöpfung?
Wertschöpfung entsteht in der Automobilindustrie nicht nur über den Verkauf eines Autos, sondern auch im Aftersales. Weitere Wertschöpfungspotenziale gibt es beispielsweise über sogenannte On Demand Car Functions, kurz ODCF. Dahinter verbergen sich digitale Dienste, die Kunden je nach Bedarf und Umfang hinzubuchen können. Wenn wir ODCF nun konsequent weiterdenken, gibt es unzählige Dienste, die zum Beispiel auch in Kooperationen mit anderen Dienstleistern bereitgestellt werden können. Darüber hinaus wird das Auto insbesondere in ländlichen Regionen weiterhin eine zentrale Rolle in der Gesamtmobilität spielen. Die Herausforderung liegt darin, dass Nutzer neue Mobilitätslösungen als attraktive Alternative wahrnehmen.


Ist der Nutzer tatsächlich so schwer von neuen Lösungen zu überzeugen, Frau Geis?
Wir müssen bedenken, dass Nutzer lange Zeit auf eine bestimmte Art und Weise mobil waren. Diese Gewohnheiten jetzt abzulegen, ist nicht so einfach. Aktuell ist es noch schwer, sich einen Überblick über neue Angebote zu verschaffen,
geschweige denn diese zu kombinieren. Hier ist die Branche gefragt etwa eine App zu entwickeln, die nicht nur sämtliche Reisemöglichkeiten aufzeigt, sondern auch die Option bietet, diese zu buchen und zu bezahlen.

 

Die Luxemburger machen es vor und bieten ÖV kostenlos an. Ist das ein gangbarer Weg, Innenstädte und Ballungszentren zu entlasten?
Eine 1-zu-1-Übertragung des luxemburgischen Modells ist schwierig, da unsere ÖV-Landschaft mit unzähligen Verbünden sehr viel komplexer ist als in Luxemburg. Trotzdem können wir uns viel abschauen. Letztendlich ist Mobilität ein regionales Thema, bei dem der öffentliche Bereich stark gefordert ist. Denn obwohl wir einen Trend zur Urbanisierung sehen, gewinnen bei sinkendem Platzangebot und steigenden Mieten auch Randgebiete immer mehr an Bedeutung. Und dort ist in Sachen Mobilitätsangebot noch viel zu tun. Auf den ersten Blick scheint ein Pilotprojekt in einer Kleinstadt nicht dieselbe Signalwirkung zu haben wie in Frankfurt, Berlin oder München. Jedoch kann eine Kleinstadt die eigene Standortattraktivität mit einem durchdachten Mobilitätskonzept immens fördern und so zum Vorbild werden.

 

Herr Wucher, große Autokonzerne sprechen mittlerweile von einer softwaregetriebenen Zukunft. Wie weit ist diese entfernt?
Wir sehen aktuell drei Bausteine, mit denen sich Autokonzerne beschäftigen: die Hardware, also das Auto, die Software im Auto sowie digitale Mehrwertdienste, die von außen bereitgestellt werden. Durch die stetige Zunahme an Sensoren und digitalen Steuergeräten ist die Softwarekomplexität im Auto enorm gestiegen. Deshalb ist ein komplettes Umdenken nötig. Dafür bedarf es zentraler Steuergeräte und eines Fahrzeugbetriebssystems. Als Ergebnis stellt das Auto – ähnlich wie ein Handy – stetig Updates inklusive neuer Funktionen bereit. Schon heute sind die Fahrzeuge stark vernetzt und das wird in Zukunft noch deutlich zunehmen.

 

Für softwaregetriebene Unternehmen spielen Daten eine wichtige Rolle. Teilen Unternehmen solche Daten freiwillig mit anderen Dienstleistern?
Hier hat der Gesetzgeber bereits vorgesorgt und mit der ISO-Norm Extended Vehicle einen standardisierten und sicheren Zugriff auf Fahrzeugdaten geschaffen. Das ist gut und wichtig, denn nur wenn es genügend Erkenntnisse zum übergreifenden Mobilitätsverhalten gibt, können Mobilitätslösungen optimal auf die Bedarfe der Kunden zugeschnitten werden.     


Müsste dann nicht auch der ÖV hier Daten beisteuern, Frau Geis?
Muss und wird er. Die Europäische Kommission hat bereits 2017 eine Delegiertenverordnung zu multimodalen Reisenden informationsdiensten veröffentlicht, die sich in den EU-Ländern derzeit in der Umsetzung befindet. Hier gibt es noch viel zu tun, aber mit der Umsetzung wird sich die EU-weite Zugänglichkeit zu ÖV-Daten erheblich verbessern. Denn auch der ÖV muss sich aus starren Denkmustern lösen. Individuelle Mobilitätslösungen sind Reisenden sehr wichtig. Das heißt für Städte und Kommunen, dass es nicht überall sinnvoll ist, möglichst viele Menschen in ein großes Fahrzeug zu stecken. Auf vielen Strecken machen kleinere Fahrzeuge mit individuellen Stopps deutlich mehr Sinn.

 

Hat das Auto mit dem Wunsch nach mehr Individualität am Ende womöglich doch seine Berechtigung im Mobilitätsmix der Zukunft, Herr Wucher?
Das hat es mit Sicherheit. Wir glauben insgesamt an die Zukunftsfähigkeit der Automobilindustrie, deren große Stärke seit jeher ihre Innovationskraft ist. Diese wird die Mobilitätsbranche als Ganzes voranbringen. Und spätestens, wenn autonomes Fahren auf deutschen Straßen Realität ist, buche ich mir den Premiumwagen auf einer Strecke von München nach Wolfsburg vielleicht genauso wie heute die Business Class im Flugzeug oder der Bahn.

 

 

www.q-perior.com

 

Eine multimodale Verkehrszukunft braucht übergreifende Beratung
Das eine Verkehrsmittel und sonst keins – diese Zeiten sind endgültig vorbei. Das weiß man auch bei Q_PERIOR und setzt deshalb auf eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Branchen. Zwar ist es nach wie vor wichtig, die klassische Branchensicht, Bedürfnisse und Herausforderungen zu kennen. Wirklich disruptiv denken kann man heute jedoch nur übergreifend. Deshalb arbeiten beim Zukunftsthema Mobilität Q_PERIOR-Berater aus den Bereichen Automotive, Travel, Transport and Logistics, Energie und Öffentlicher Sektor eng zusammen. Die Schnittmengen sind groß – ebenso wie das Potenzial, von Erfahrungen zu profitieren und sich gegenseitig zu inspirieren.