»Personalisierte Krebsmedizin muss die Tumorbiologie entschlüsseln«

April 2020 | Die Zeit | Zukunft Medizin

»Personalisierte Krebsmedizin muss die Tumorbiologie entschlüsseln«

Prof. Dr. Hartmut Juhl und sein Team haben eine umfassende und globale Tumordatenbank aufgebaut, die insbesondere die Entwicklung neuer Medikamente vorantreiben könnte.

Prof. Dr. Hartmut Juhl Gründer und Geschäftsführer, Indivumed GmbH
INDIVUMED GMBH / Anzeige

Herr Prof. Juhl, welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Tumordatenbank Indivutype?
Unser Ziel ist es, die individuellen Phänotypen von Tumorerkrankungen auf biologischer Ebene zu entschlüsseln. Denn die Tumorgenetik, die bei den gegenwärtigen Datenbanken im Mittelpunkt steht, gibt alleine keine Antworten. Denken Sie an Raupe und Schmetterling. Beide haben identische Gene, unterscheiden sich im Erscheinungsbild dennoch stark. Und so variiert auch der Phänotyp jeder Krebserkrankung unabhängig von der Tumorgenetik. Wollen wir neue Medikamente und Angriffspunkte entwickeln und gezielt bei Patienten einsetzen, müssen wir wesentlich umfassendere biologische und klinische Datenpunkte von Krebszellen in die Analytik einbeziehen.


Woher kommen die Daten für Indivutype?
Letztendlich gilt es, ein weltweites „Bild“ von Krebserkrankungen zu zeichnen. Entsprechend haben wir ein globales Netzwerk an Kliniken aufgebaut. Und wir haben strenge Qualitätsansprüche. Ein Mensch ist nach etwa acht Minuten ohne Sauerstoff hirntot, was erhebliche biologische Zellveränderungen nahelegt. Entnommene Gewebepro-ben verweilen in der normalen Routinediagnostik hingegen wesentlich länger ohne Sauerstoff, bevor sie fixiert werden, und sind deswegen für unsere Datenbankansprüche nicht verwendbar. Der schnellen und standardisierten Probengewinnung kommt deswegen eine große Bedeutung zu. Wir schulen gezielt das Personal in den Kliniken, mit denen wir zusammenarbeiten, und überwachen vor Ort die Probenentnahme.

 

Wie werden die bisher gesammelten Daten von Indivutype genutzt?
Wir verfügen mittlerweile über Informationen, sogenannte Multiomics Datensätze, von mehreren Tausend Patienten. Das wollen wir in kurzer Zeit auf mehrere 10.000 Patienten ausbauen. Natürlich setzen wir bei einer solchen Datenmenge auf neue technische Lösungen wie beispielsweise Künstliche Intelligenz. Die Einsatzmöglichkeiten der so ausgewerteten Daten sind vielseitig: von der Identifikation möglicher Angriffspunkte auf Tumorzellen, über die Bewertung von Therapien bis hin zur Identifikation biologischer Kriterien für individuell angepasste Therapien.

 

Neue Angriffspunkte auf Tumorzellen klingt interessant: Hat Indivutype hier schon Erkenntnisse gebracht?
Schneller als erwartet! Gemeinsam mit Partnern aus der Pharma- und Biotech-Branche ist es uns beispielsweise gelungen, innerhalb von Wochen gleich mehrere neue Angriffspunkte bei Dickdarmkrebs zu finden. Ein vergleichbares Projekt beim Lungenkarzinom auf Basis unserer Daten befindet sich ebenfalls aktuell in der Umsetzung. Ein solcher Prozess dauert normalerweise mehrere Jahre und wir erwarten bereits in 2021 erste klinische Prüfungen neuer Wirkstoffe bei Patienten. Das unterstreicht den immensen Mehrwert, den Indivutype für die Krebsforschung bietet.

 

Wie wichtig sind Partnerschaften für Sie?
Unsere Expertise liegt in der Entschlüsselung der komplexen und individuellen Tumorbiologie sowie in der Analyse und Bewertung der daraus gewonnen Daten. Für die Entwicklung und vor allem Marktreife von Medikamenten braucht es wiederum die Expertise von Pharma- und Biotech-Unternehmen, weshalb Partnerschaften für uns hier sehr wichtig sind.

 

www.indivumed.de