Krise als Chance

März 2021 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Krise als Chance

Covid-19 macht deutschen Krankenhäusern zu schaffen. Es herrscht ein Mangel an Pflege- kräften und effektiven Hygiene-Konzepten.

Illustrationen: Wyn Tiedmers
Andrea Hessler / Redaktion

Kriegen wir das Covid-19-Virus in den Griff? Aktuell sieht es nicht besonders gut aus. Zu wenige Impfungen, zu viele Lockdown-Lockerungen, hochansteckende Virus-Mutanten – viele Experten halten dies für eine brisante Mischung. „Die dritte Welle ist unterwegs“, sagt etwa Professor Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Andere Fachleute wie der Bonner Virologe Hendrik Streek sprechen gar von einer „Dauerwelle“ und prognostizieren, dass die Welt wohl langfristig mit dem Covid-19-Virus und seinen Mutanten leben muss.

 

Das belastet auch die Krankenhäuser enorm. In Deutschland gab es vor Corona laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) rund 28.000 Intensivbetten, davon 22.000 mit Beatmungsmöglichkeit. Heute verfügen deutsche Krankenhäuser über 28.000 Intensivplätze mit Beatmungsmöglichkeit. Die deutschen Krankenhäuser hätten zuletzt außerordentliches Engagement aufgebracht, um den Schutz der Bevölkerung zu garantieren, so Dr. Gerald Gaß, Präsident und designierter Geschäftsführer der DKG. „Unsere Beschäftigten haben in einem unvergleichlichen Kraftakt innerhalb weniger Wochen ihre Krankenhäuser komplett neu organisiert. Es wurden Corona-Abteilungen eröffnet, Isolierbereiche geschaffen und zusätzliche Intensiv- und Beatmungsbetten eingerichtet, um dem drohenden Ansturm gerecht zu werden und Menschenleben zu retten. Das alles war nur durch das hohe persönliche Engagement jedes einzelnen Mitarbeiters möglich.“ Jedoch sei auch deutlich geworden, wie problematisch die technische und bauliche Infrastruktur der Krankenhäuser in weiten Teilen sei. Es gebe einen erheblichen Nachholbedarf an Investitionen. „Wir reden hier über zusätzliche jährliche Investitionen von 3,5 Milliarden Euro, die angesichts der Dimension der aktuellen Finanzhilfen in allen möglichen Industriebereichen einen sehr bescheidenen Betrag für den zentralen Bereich unserer Infrastruktur darstellen“, so Gaß.

 

Der öffentliche Druck hat gewirkt. Bund und Länder haben sich 2020 darauf geeinigt, die Erlöse der Krankenhäuser zu sichern und die Verluste durch Covid-19 auszugleichen und das 2021 fortzuführen. Doch zusätzliche Mittel helfen wenig, wenn es an Personal fehlt, um eine ordnungsgemäße Versorgung der Patient:innen zu gewährleisten. Seit Jahren beklagen Patientenorganisationen und die Dienstleistungsgesellschaft ver.di die im internationalen Vergleich schlechte personelle Ausstattung deutscher Kliniken. Dazu sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Bereits seit Juli des Jahres 2018 haben die Interessenvertreter von Krankenhäusern und Krankenkassen den Auftrag, Personaluntergrenzen für pflegeintensive Krankenhausbereiche selber festzulegen. Diese Verhandlungen sind in den vergangenen Jahren stets gescheitert.“ Daher habe die Bundesregierung Untergrenzen der Beschäftigtenzahl für pflegeintensive Stationen festgelegt. Helfen soll die Personaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV). Diese wird ergänzt durch den „Pflegepersonalquotienten“. Basis für diesen ist wiederum § 137j des 5. Abschnitts des Sozialgesetzbuches. Nach diesem wird das Verhältnis von eingesetztem Personal zu individuellem Pflegeaufwand eines Krankenhauses ermittelt.

 

Die Praktiker im Gesundheitssystem beklagen überbordenden Bürokratismus und dass die PpUGV Personal verlange, das es auf dem Markt nicht gebe. In einigen Kliniken ist die Situation bereits so prekär, dass sie, wie zum Beispiel das Krankenhaus im bayerischen Aichach, per Amtshilfe vom Sanitätsdienst der Bundeswehr Unterstützung anfordern. Der Personalmangel ist nicht neu und wird durch die Corona-Krise verschärft. Vergleichsweise niedriges Salär, ungünstige Arbeitszeiten und hochgradig belastende Arbeitsbedingungen schrecken viele Menschen von Jobs im Krankenhaus ab. So beklagt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), dass sich laut einer Umfrage im Februar 2021 57 Prozent des Pflegepersonals am Arbeitsplatz nicht ausreichend vor einer Covid-19-Infektion geschützt fühlen. 86 Prozent befürchten zudem, dass noch größere Herausforderungen auf sie zukämen wie etwa eine Knappheit von FFP-2-Masken und eine Verschärfung des Personalmangels. Kein Wunder also, dass rund ein Drittel der Befragten regelmäßig über einen Berufswechsel nachdenkt.

 

Die Angst vor Ansteckung ist begründet. Die größte Gefahr geht von den Aerosolen aus, die Menschen schon beim normalen Atmen, mehr noch jedoch beim Essen, Husten, Niesen und Singen ausstoßen. Doch auch Schmierinfektionen sind möglich. So haben amerikanische Forscher in Experimenten nachgewiesen, dass sich das Virus auch nach 72 Stunden auf Oberflächen aus Plastik, Polypropylen und Edelstahl und immerhin noch mehrere Stunden nach dem Auftragen auf Kupfer und Pappe nachweisen lässt. Doch die Hygienemaßnahmen beschränken sich in deutschen Kliniken meist auf die allseits bekannten und vielfach wiederholten Gebote: Hände waschen und desinfizieren, Abstand halten, Masken tragen. Hinzu kommen häufiges Testen sowie Schulungen des Personals durch Hygienefachkräfte.

 

Das reicht nicht. Das neue Virus führt dazu, dass endlich auch über neue Hygienemaßnahmen in deutschen Krankenhäusern nachgedacht wird, die etwa in China und einigen arabischen Ländern längst Standard sind. So hat China bald nach Ausbruch des Virus Tausende von europäischen Desinfektionsrobotern geordert, die gefährliche Viren und andere Mikroorganismen wie etwa Antibiotika-resistente Keime mit UV-C-Licht beseitigen. Europäischer Marktführer in diesem zukunftsträchtigen Feld der Robotik ist die dänische Firma Blue Ocean Robotics. Die Dänen beliefern nicht nur chinesische Krankenhäuser. Auch die Europäische Kommission hat immerhin 200 Roboter für Krankenhäuser in Europa geordert. Einige weitere deutsche und europäische Unternehmen wie InSystems in Berlin, Hartmann im sächsischen Hainichen sowie die schweizerischen Firmen Humard und UVC-Solutions sind ebenfalls in das Geschäft mit den Desinfektionsrobotern eingestiegen. So könnte sich dank Covid-19 auch das vielfach zitierte chinesische Wort von der Krise als Chance mal wieder bewahrheiten.