Die Vermessung des Menschen

Februar 2017 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Die Vermessung des Menschen

Die Digitalisierung der Humanmedizin ist eine riesige Herausforderung für Mediziner, IT-Wirtschaft – und vor allem für Patienten.

Illustration: Theresa Schwietzer
Mirko Heinemann / Redaktion

Große Hoffnungen der Medizin ruhen auf kleinen Geräten: Wearables. So lautet der Oberbegriff für alle Arten von Sensoren, die am Körper getragen werden und Daten aufzeichnen. Die Palette dieser Geräte reicht vom einfachen Pulsmesser bis hin zur digitalen Kontaktlinse, wie sie Google entwickelt hat. Die Linse kann mit einem Mini-Sensor den Blutzuckerwert in der Tränenflüssigkeit messen und per Funk weiterleiten; eine große Hilfe für Diabetiker.  

Diese Geräte erheben Gesundheitsdaten, deren Wachstumsrate überhaupt nicht mehr beziffert werden kann. Zum einen wachsen Geschwindigkeit der Datenübertragung und das Datenvolumen exponentiell, es wächst die Zahl der unterschiedlichen Datenarten, es wächst die Zahl der Sensoren. Vor einem Jahr nutzten laut repräsentativer Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom schon knapp ein Drittel aller Deutschen ab 14 Jahren Health Tracker, Fitness-Uhren oder mobile Sensoren, um ihre Gesundheitsdaten aufzuzeichnen. Eine neuere Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung verzeichnet ähnliche Durchschnittswerte weltweit. Danach erfasst etwa ein Drittel der Internetnutzer weltweit seine Gesundheit und Fitness mit App, Fitness-Tracker oder Smartwatch. In China sind es sogar 45 Prozent.

Die Gesundheitsdaten können über das Internet je nach Bedarf in unterschiedliche Analyse-Apps eingespeist werden. Dort geben sie Auskunft über Körperhaltung, Bewegung, Puls, Blutdruck, Körpertemperatur und damit über Fitness und Gesundheitswerte ihres Users. Sie geben Hinweise auf gesundheitsförderliches oder -schädliches Verhalten und entsprechend Tipps, was am Lebensstil zu ändern sei. Sie können, wenn sie über einen längeren Zeitraum erhoben werden, Gesundheitsrisiken ermitteln, entsprechend zum Besuch von Vorsorgeuntersuchungen auffordern oder gleich einen Arzttermin vorschlagen.

Sie können die Daten aber auch direkt an Ärzte übertragen und somit eine Fernüberwachung oder -diagnose ermöglichen. „Auffälligkeiten in den Messwerten können Ärzte dadurch sofort identifizieren und anschließend mittels eines Signals den Patienten warnen, dass eine eventuelle Maßnahme erforderlich ist“, erläutert Barbara Lix, Director im Bereich Big Data & Data Analytics bei der PwC-Unternehmensberatung. „Das kann die Senkung einer physischen Anstrengung sein oder die Einnahme eines Medikaments, das der Patient vielleicht vergessen hat. Keine Frage: Das alles ermöglicht den Patienten ein besseres Krankheitsverständnis und sorgt für mehr Lebensqualität.“

In Zukunft wird es durch die Vernetzung und Verarbeitung von Gesundheitsdaten immer öfter möglich sein, bessere Diagnoseverfahren und für das Individuum maßgeschneiderte Therapien zu konzipieren. Weitere Beispiele sind telemedizinische Anwendungen etwa in der Kardiologie, die eine bessere Versorgung von Menschen in ländlichen Regionen ermöglichen. Die Rahmenbedingungen formuliert das E-Health-Gesetz, das 2015 verabschiedet wurde. Danach wird der neue Medikationsplan ab 2018 auch elektronisch vorliegen. Er soll bei Patienten, die mindestens drei Medikamente nehmen, gefährliche Wechselwirkungen vermeiden. Darüber hinaus soll nächstes Jahr zum Beispiel die Online-Sprechstunde live gehen.

Bei den Usern gibt es wenig Vorbehalte, im Gegenteil. Insgesamt sind die Deutschen gegenüber der Digitalisierung in der Medizin und im Gesundheitswesen positiv eingestellt. In einer repräsentativen Bitkom-Befragung vom Herbst 2016 unterschreibt eine deutliche Mehrheit (61 Prozent) den Satz: „Die Digitalisierung der Medizin birgt unterm Strich mehr Chancen als Risiken.“

61 Prozent der Deutschen würden im Krankheitsfall einen Operations-Roboter in Anspruch nehmen oder können sich das zumindest vorstellen. Die Hälfte könnte sich vorstellen, im Krankheitsfall digitale Tabletten einzunehmen, die Informationen an ein Smartphone senden. Ein Drittel ist offen für unter die Haut implantierte Mikrochips zur Überwachung der Körperfunktionen.

In Zukunft dürfte das Smartphone oder die Smartwatch die Aufgabe des zentralen Geräts übernehmen, das medizinische Daten erhebt und, analysiert und bei Bedarf weitergibt. Die Treiber dieses Trends sind die User selbst. Das Smartphone hat im vergangenen Jahr als Gerät für den Internetzugang Desktop-Computer und Laptop überholt. 28 Prozent der Bevölkerung gehen damit auch unterwegs jeden Tag ins Internet, sei es in der Bahn, im Café oder bei Freunden – das entspricht einer Steigerungsrate von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Altersgruppe der unter 30-Jährigen sind es sogar 64 Prozent, die täglich unterwegs auf Netz-inhalte zugreifen.

Medizinische Daten, wie etwa Anamnese, Blutwerte oder Befunde  werden in Arztpraxen direkt in Computersystemen erfasst. Komplette Genome, etwa die von bösartigen Tumoren, werden schon fast routinemäßig in der biomedizinischen Forschung sequenziert und ebenfalls elektronisch gespeichert und verarbeitet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die Entwicklung neuer Methoden, um die gewaltigen Mengen an Daten auswerten zu können. In Berlin und in Sachsen sind zwei Big Data Zentren etabliert worden, die intensiv nach Verfahren suchen, um große Mengen an Daten zu integrieren, auszuwerten und zu visualisieren. Ein Problem ist noch, dass viele Systeme unabhängig voneinander funktionieren, keine einheitliche Datensystematik haben und folglich nicht kompatibel sind. „Interoperabilität“ ist daher das Thema der Stunde. Denn Gesundheitsdaten sind in der Medizin und im Gesundheitswesen auch für zahlreiche weitere Zwecke wertvoll.

Zwar sind viele User skeptisch, was die Weitergabe ihrer Daten betrifft. 82 Prozent fürchten, dass durch die Digitalisierung der Medizin die Gefahr des Missbrauchs von Gesundheitsdaten steigt. Vorausgesetzt, dass die Daten optimal geschützt sind, sind sie aber durchaus offen dafür, beispielsweise Informationen zu Symptomen und Krankheitsverlauf zur Verfügung zu stellen: 75 Prozent würden das tun, wenn sie dadurch zur langfristigen Erforschung einer Krankheit beitragen können. 67 Prozent würden ihre Daten herausgeben, wenn sie damit kurzfristig anderen Patienten helfen könnten. Und 44 Prozent würden ihre Daten gegen eine finanzielle Entschädigung bereitstellen.