Schleichender Nervenverfall

Den Nervenverfall stoppen, den die Alzheimer-Demenz verursacht – darauf konzentriert sich die klinische Forschung aktuell. Prävention ist das große Thema.
PD Dr. Oliver Peters
PD Dr. Oliver Peters; Oberarzt; Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité
Charité Beitrag

Herr Dr. Peters, Demenz und Alzheimer werden gerne gleichgesetzt. Das ist aber so nicht richtig, oder?
Nein, ist es nicht. Demenz ist ein Oberbegriff für Störungen, die mit dem Verlust geistiger Funktionen einhergehen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und Alzheimer ist nur eine davon. Umgekehrt können Sie auch eine Alzheimer-Diagnose haben, ohne bereits an einer Demenz zu leiden.
 

Was sind die ersten Anzeichen von Alzheimer?
Erste Anzeichen nennen wir leichte kognitive Störungen, also ein erster auffallender Gedächtnisverlust. Darüberhinaus kommen diese Patienten aber noch sehr gut im Alltag zurecht. Der Gedächtnisverlust ist allerdings ausgeprägter als beim normalen Alterungsprozess. Dennoch sprechen wir hier noch nicht von einer Demenz, obgleich das Risiko, an einer solchen zu erkranken, für die Betroffen erhöht ist.


Ich sollte mich also untersuchen lassen, wenn ich eine gewisse Vergesslichkeit bei mir entdecke?
Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Wie viel Vergesslichkeit ist noch gesund? Auch Stress oder eine Depression können beispielsweise Auslöser für Gedächtnislücken sein. Jeder, der über einen längeren Zeitraum, also mehrere Wochen bis Monate, einen Gedächtnisverlust bemerkt, den auch Bezugspersonen beobachten können, sollte sich in einer Gedächtnissprechstunde untersuchen lassen, um mögliche Ursachen abzuklären.
 

Wie werden Alzheimer oder eine Demenz diagnostiziert?
Wer eine Gedächtnissprechstunde aufsucht, muss zunächst speziell entwickelte Testaufgaben beantworten, die dann in Bezug auf Alter und Bildung ausgewertet werden. Das sind beispielsweise kleine Gedächtnisaufgaben wie das Merken einer Wortliste oder die Nacherzählung einer kurzen Geschichte. Werden auf diese Weise Gedächtnisprobleme bestätigt, können weitere Untersuchungen eingeleitet werden, um die Ursache zu finden. Hierzu zählt zum einen die Bildgebung des Kopfes, die auf Auffälligkeiten untersucht wird, zum anderen die Gehirnwasserdiagnostik. Dabei handelt es sich um eine Spezialuntersuchung, bei der das Nervenwasser auf Alzheimer-relevante Veränderungen untersucht wird.
 

Wobei die Ursachen für Alzheimer noch nicht völlig geklärt sind.
Das ist richtig. Dafür sind einige Teilbereiche schon sehr gut erforscht. Wir wissen mittlerweile, dass die Alzheimer-Demenz assoziiert ist mit Eiweißablagerungen im Gehirn. Diese sogenannten Amyloidplaques könnten die Ursache für das Absterben von Nervenzellen im Gehirn sein. Und sie lassen sich im Nervenwasser oder mittels einer PET-Untersuchung nachweisen – ein Verfahren, das Stoffwechselprozesse sichtbar werden lässt.
 

Sind die Eiweißablagerungen im Gehirn ein Stoffwechselproblem?
Ja, vermutlich sind die Ablagerungen Folge eines verminderten Abbaus, beziehungsweise eines Ungleichgewichts zwischen Entstehung und Abbau. Hier lassen sich Parallelen zu erhöhten Blutfettwerten ziehen, die die Patienten sehr häufig lange Zeit nicht bemerken, die aber ein erhöhtes Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko zur Folge haben. Das ist bei der Alzheimer-Demenz möglicherweise ähnlich. Denn zunächst werden die Eiweißablagerungen nicht bemerkt. Erst wenn der Prozess des Nervenverfalls beginnt, kommen die Patienten in die symptomatische Phase der Alzheimer-Erkrankung.
 

Weil Sie die Parallelen zu Blutfetten gezogen haben: Kann ich einer Alzheimererkrankung dann auch mit einem gesünderen Lebensstil entgegenwirken?
Hier gibt es interessante Langzeitstudien, die zeigen, dass sich die Co-Faktoren für eine Alzheimererkrankung zwar optimieren lassen, Sie aber mit einem gesünderen Lebensstil Ihr Risiko nicht auf Null bringen können.


Woher kommt es dann, dass die Zahl der Alzheimer-Patienten zunimmt?
Der medizinische Fortschritt sorgt dafür, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigt. Ein Kind, das heute geboren wird, hat eine um viele Jahre höhere Lebenserwartung als die Menschen, die vor einigen Jahrzehnten geboren wurden. Wer ein Lehrbuch aus den Fünfzigern aufschlägt, findet Alzheimer noch unter den seltenen Erkrankungen. Alzheimer ist also quasi die Kehrseite eines längeren Lebens.
 

Alzheimer trifft also vor allem ältere Menschen?
Alzheimer ist vermutlich eine komplexe Stoffwechselerkrankung, welche beim älteren Menschen im Zusammenhang mit einem sich verlangsamenden Stoffwechsel zu den Eiweißablagerungen im Gehirn führt. Es gibt darüber hinaus aber auch genetische Fälle. Und Alter macht auch nicht per se dement.
 

Bislang gibt es keine Heilung für Alzheimer. Was tut sich in der Forschung?
Heilung gibt es nicht, das ist richtig. Es gibt aber bereits eine Reihe von Medikamenten, die die Symptome verbessern – sogenannte Anti-Dementiva. Und auch Begleit-erscheinungen einer Demenz wie Depressionen, Angstzustände oder Verhaltensauffälligkeiten lassen sich mit Medikamenten bereits gut therapieren. Was sich allerdings in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, ist das sogenannte therapeutische Fenster, das mittlerweile deutlich größer ist und uns in der klinischen Forschung somit immer weiter voran bringt.
 

Was ist dieses therapeutische Fenster?
Die Diagnostik ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Das heißt, dass wir Alzheimer heute wesentlich früher erkennen können. Und je früher wir in den Verlauf einer chronischen Erkrankung einschreiten können, desto größer sind die Therapieoptionen.
 

In der Alzheimerforschung geht es also vor allem um Prävention.
Genau. Die Forschung konzentriert sich derzeit hauptsächlich auf Menschen mit biologischen oder genetischen Merkmalen, die mit einem hohen Risiko an einer Alzheimererkrankung zu erkranken assoziiert sind. Ziel dabei ist es, durch eine gezielte Behandlung die Eiweißablagerungen im Gehirn zu reduzieren oder zumindest konstant zu halten, um den anschließenden Nervenverfall und damit die Alzheimer-Demenz zu verhindern.
 

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