Frau Capewell, Deutschland gilt als Land, in dem neue Therapien Patienten schnell erreichen. Ist das noch selbstverständlich?
Nein. Wir haben hohe medizinische Expertise und eine starke Forschungslandschaft. Aber Länder konkurrieren um Forschung, Investitionen und Innovationen. Entscheidend ist, dass medizinischer Fortschritt auch künftig bei den Menschen ankommt. Innovation entfaltet ihren Wert erst, wenn Patienten davon profitieren.
Bei welchen Erkrankungen wird das besonders deutlich?
Ein Beispiel ist die metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis, kurz MASH. Sie kann sich aus einer Fettleber entwickeln und lange unentdeckt bleiben. Schreitet sie fort, vernarbt das Lebergewebe. Es können Leberzirrhose oder Leberkrebs entstehen. Heute verstehen wir besser, welche Patienten besonders gefährdet sind und wie wir sie früher erkennen und gezielter behandeln können.
Welche Rolle spielen Zulassung und frühe Nutzenbewertung?
Die europäische Zulassung ist Voraussetzung für ein neues Arzneimittel. Für die Preisfindung in Deutschland wird dann geprüft, welchen Zusatznutzen es gegenüber einer existierenden Vergleichstherapie hat. Beide Verfahren stellen unterschiedliche Anforderungen an die Daten des Herstellers. Wichtig ist, dass diese den Zugang zu medizinischer Innovation nicht unnötig erschweren.
Mit AMNOG 2.0 wird über eine Reform der Nutzenbewertung und Preisfindung neuer Arzneimittel diskutiert. Was müsste sich ändern?
Medizinischer Fortschritt entsteht häufig dort, wo es bislang keine wirksame Therapie gab. Gerade bei hohem medizinischen Bedarf entspricht die bei der Zulassung verfügbare Evidenz aber nicht immer den klassischen Anforderungen der Nutzenbewertung. Die Herausforderung ist daher auch methodischer Natur: Unsere Bewertungsmethoden müssen verfügbare Evidenz angemessen berücksichtigen und mit dem wissenschaftlichen Fortschritt Schritt halten. Mit neuen Studiendesigns, datengetriebener Medizin und KI wird das noch wichtiger.
Auch die US-Debatte über sogenannte Most-Favored-Nation-Preise beschäftigt die Branche. Was hat das mit Deutschland zu tun?
Wenn sich die USA bei Arzneimittelpreisen an niedrigeren Preisen anderer Industrieländer orientieren, kann eine Entscheidung in Deutschland auch andere Märkte beeinflussen. Für international tätige Unternehmen stellt sich dann die Frage, wann und wo sie eine neue Therapie einführen. Das kann zu späteren Markteinführungen führen – mit unmittelbaren Folgen für den Patientenzugang.
Was steht für Deutschland auf dem Spiel?
Wir sollten verhindern, dass spätere Markteinführungen zur Regel werden. Deutschland hat hervorragende Voraussetzungen, ein wichtiger Standort für Forschung, Investitionen und neue Therapien zu bleiben. Dafür brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, die mit dem wissenschaftlichen Fortschritt mithalten. Was wir heute entscheiden, beeinflusst, ob medizinische Innovationen künftig in Deutschland entwickelt werden, verfügbar sind und Patienten rechtzeitig erreichen.
madrigalpharma.de