Herzschwäche früher behandeln

Eine Herzinsuffizienz lässt sich heute erkennen, bevor sie Beschwerden macht. Das kann lebensrettend sein.

Illustrationen: Daniel Crespo | danielcrespo.es
Illustrationen: Daniel Crespo | danielcrespo.es
Silke Amthor Redaktion

Es beginnt oft unspektakulär. Atemnot bei einem kurzen Sprint zum Bus. Ständig fühlen wir uns erschöpft, am Abend sind die Knöchel oft geschwollen und nachts meldet sich die Blase ständig. Vermeintliche Zipperlein, die viele auf das Alter, zu wenig Schlaf, Stress oder mangelnde Fitness schieben. Doch dahinter kann sich eine Herzschwäche verbergen, von Experten als Herzinsuffizienz bezeichnet. Das Tückische: Anders als ein Herzinfarkt, der plötzlich auftritt, entwickelt sich eine Herzschwäche meist schleichend über Monate oder Jahre. Und sie wird aufgrund noch fehlender oder unspezifischer Symptome leider oft nicht rechtzeitig entdeckt.
 

MRT PRÄZISER ALS ULTRASCHALL & CO.


Früherkennung heißt deshalb das Zauberwort. Doch wie kommt man einer Krankheit auf die Spur, die sich noch geschickt versteckt? Die klassische Diagnostik beruht auf Blutuntersuchungen, dem Herzultraschall (Echokardiografie) sowie dem Elektrokardiogramm (EKG). All diese Methoden liefern wichtige Informationen, haben aber auch Grenzen. So können bestimmte erhöhte Blut-Marker zwar auf eine Herzschwäche hindeuten, sie treten aber auch bei anderen Erkrankungen auf. 

Ein EKG misst die elektrische Aktivität des Herzens, gibt aber keine Auskunft über die tatsächliche Pump-Funktion. Mögliche Herzrhythmusstörungen können dabei zudem übersehen werden. Und ein Herz-Ultraschall liefert nicht immer optimale Bilder, etwa bei starkem Übergewicht oder bestimmten Lungenerkrankungen. 

All diesen Standard-Diagnoseverfahren deutlich überlegen ist eine spezialisierte Herz-MRT-Untersuchung. Zu diesem Ergebnis kommt das große deutsche Früherkennungsprojekt HerzCheck unter der Leitung des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) in Berlin. Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurden dabei mehr als 4.500 Risikopatienten in ländlichen Regionen Ost- und Norddeutschlands in speziellen mobilen Trailern untersucht, die Ergebnisse telemedizinisch ausgewertet. Das Resultat überraschte selbst Experten: Bei fast einem Viertel der Teilnehmenden wurde eine bislang unerkannte subklinische Herzschwäche entdeckt, obwohl sie noch keinerlei Beschwerden hatten und sich völlig gesund fühlten. Und das im Schnitt rund sieben Jahre früher, als es mit den üblichen diagnostischen Methoden möglich gewesen wäre.

„Eine Herz-MRT kann sehr frühe Veränderungen des Herzmuskels sichtbar machen, noch bevor die Pumpleistung messbar eingeschränkt ist. Es zeigt Vernarbungen, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen mit hoher Präzision“, erklärt Kardiologie und HerzCheck-Projektleiter Professor Sebastian Kelle. Und genau darin liegt die große Chance der modernen Herzmedizin. „Wird eine Herzinsuffizienz früh erkannt, können Risikofaktoren konsequent behandelt werden und schwerwiegenden Verläufen sowie Krankenhausaufenthalten vorgebeugt werden“, so Kelle.
 

ECHTE VOLKSKRANKHEIT


Herzen schwächeln häufig. Mehr als vier Millionen Deutsche sind offiziell betroffen. Tendenz steigend. Eine alternde Bevölkerung, aber auch Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht tragen dazu bei, dass immer mehr Menschen darunter leiden. Die Herzschwäche ist einer der Hauptursachen für Krankenhauseinweisungen – und leider auch eine der häufigsten Todesursachen.

Um zu verstehen, warum ein schwaches Herz so gravierende Folgen haben kann, lohnt sich ein Blick auf unseren Lebensmotor. Nur rund 300 Gramm schwer, schlägt das Herz bis zu 100.000-mal pro Tag und befördert dabei bis zu 10.000 Liter Blut. In einer Minute durchfließt das gesamte Blut den Körper und kehrt wieder zum Herzen zurück. Als eine Art zentraler Pumpe versorgt es so das Gewebe und alle Organe mit lebenswichtigem Sauerstoff und Nährstoffen. Bei einer Herzschwäche schafft das Herz diese Meisterleistung nicht mehr. 

Man unterscheidet dabei zwei Formen der Herzinsuffizienz. Bei der systolischen Herzschwäche (HFrEF= Heart Failure with reduced Ejection Fraction) kann der Herzmuskel nicht mehr ausreichend pumpen, dadurch gelangt nicht genug Blut in den Kreislauf. Bei der diastolischen Herzschwäche (HFpEF= Heart Failure with preserved Ejection Fraction) pumpt das Herz meist normal, ist aber nicht mehr elastisch genug, um die Herzkammern in der Entspannungsphase ausreichend mit Blut zu füllen.

Die möglichen Symtpome einer verminderten Herzleistung sind vielfältig: Müdigkeit, Schwindel, abnehmende Leistungsfähigkeit sowie Konzentrationsstörungen, Husten und Atemnot, Wasseransammlungen, Leber- und Nierenfunktionsstörungen, eine Herzvergrößerung, aber auch Herzrhythmusstörungen. All das schränkt nicht nur die Lebensqualität stark ein, sondern kann auch lebensgefährlich sein.
 

GEFÄSSVERKALKUNG HÄUFIGSTE URSACHE


Eine Herzinsuffizienz entsteht so gut wie nie aus dem Nichts. Meist liegen andere Erkrankungen zugrunde. Professor Kelle: „Zu den häufigsten Ursachen gehört die sogenannte koronare Herzkrankheit. Das ist eine Verkalkung der Herzkranzgefäße, umgangssprachlich auch Arterienverkalkung genannt.“ Sie führt zu einer Verengung der Gefäße, die den Herzmuskel versorgen. Das Blut kann nicht mehr ungehindert hindurchfließen, der Muskel ist unterversorgt und deshalb weniger leistungsfähig. 

Auch dauerhaftes Vorhofflimmern, unbehandelter Bluthochdruck, Infektionen des Herzmuskels selbst (Kardiomyopathien) oder Herzklappendefekte wie etwa eine Aortenstenose fordern ihren Tribut. Ein weiterer Risikofaktor ist das Alter. Grundsätzlich steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Herzschwäche bereits ab dem 40. Lebensjahr. Ab etwa 60 nimmt sie rasant zu und jenseits des 70. Lebensjahres liegt sie sogar bei zehn Prozent. Zudem spielt der Lebensstil eine große Rolle. Wer übergewichtig ist, sich wenig bewegt, raucht und viel Alkohol trinkt, belastet sein Herz massiv.

Eine Herzinsuffizienz verläuft in Stadien. Besonders entscheidend für den weiteren Verlauf ist das sogenannte subklinische Stadium. In dieser frühen Phase sind bereits strukturelle Veränderungen am Herzen nachweisbar – etwa eine leichte Verdickung des Herzmuskels, erste Vernarbungen oder eine subtile Veränderung der Pumpfunktion. Betroffene haben jedoch keine oder nur wenig Beschwerden. Genau hier liegt die Chance.

Wird die Erkrankung in dieser frühen Phase erkannt, können Risikofaktoren konsequent behandelt werden. Vier Medikamentengruppen kommen heute bei der Behandlung der fortgeschrittenen Herzschwäche zum Einsatz, Experten nennen sie auch die „Fantastischen Vier“ oder „The Big Four“: Zum einen Betablocker: Sie schützen das Herz vor dem permanenten Angriff durch Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin. Zweitens: ACE-Hemmer/ Sartane/ARNI: Sie senken den Blutdruck und können so das Herz entlasten. Drittens: Aldosteronantagonisten: Sie sorgen für eine erhöhte Wasserausscheidung, das kann die Arbeit des Herzens erleichtern. Zuletzt die SGTL2-Inhibitoren: Eigentlich als Diabetes-Medikament entwickelt, sorgen sie dafür, dass mehr Zucker, Salz und Wasser über die Nieren ausgeschieden werden. Das reduziert das Blutvolumen und stärkt so das Herz. 

Die Erkenntnisse aus Projekten wie HerzCheck des DHZC zeigen: Prävention muss Standard werden. Langfristig könnte die Früherkennung einer Herzschwäche mittels innovativer Herz-MRT-Untersuchung ein fester Bestandteil der Regelversorgung werden – so wie bereits das Mammografie-Screening oder die Darmkrebsvorsorge.

Neben der Medizin bleibt ein herzgesunder Lebensstil die beste Vorbeugung: Jeder Schritt und jeder Löffel Olivenöl mehr, jedes Kilo und jede Zigarette weniger können unseren wichtigsten Muskel dabei unterstützen, stark wie Popeye zu bleiben.
 

Nächster Artikel