Was, wenn der Schmerz bleibt?

Dezember 2015 | Die Zeit | Volkskrankheiten

Was, wenn der Schmerz bleibt?

Ob im Rücken, im Kopf oder in den Gelenken: Schmerzen in jeder Form sind weit verbreitet. Doch niemand muss sich mit ihnen abfinden.

Illustration: Sabina Keric
Yvonne Millar / Redaktion

Ob akut oder chronisch, in Kopf, Rücken oder Gelenken – Schmerzen kennt wirklich jeder. Bei manchen treten sie nur kurzfristig auf, andere leiden Wochen und Monate, gar Jahre oder Jahrzehnte darunter. 

 

Laut der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. (DGSS) lebt in jedem dritten Haushalt in Europa ein Mensch, der unter Schmerzen leidet. Wie genau diese Schmerzen aussehen, ist individuell verschieden. Die Weltschmerzorganisation IASP (International Association for the Study of Pain) definiert Schmerz als „ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potentieller Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird.“ Obwohl Schmerzen unangenehm sind, erfüllen sie doch meist eine wichtige Funktion. Sie dienen als Warnsignal. Schneiden wir uns etwa in den Finger oder brechen uns den Arm, wissen wir sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist.

 

Schmerzen, die auf eine bestimmte Körperstelle begrenzt sind und nur nach einer gewissen Zeit wieder nachlassen, bezeichnen Mediziner als akute Schmerzen. Dazu zählt etwa die Schnittwunde am Finger oder Zahnschmerzen, die nach der Behandlung wieder abklingen. Halten Schmerzen hingegen über einen längeren Zeitraum von mehreren Monaten an, sprechen Experten von chronischen Schmerzen. Diese belasten die Betroffenen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und wirken sich negativ auf die Lebensqualität aus.

 

Häufig haben chronische Schmerzen zwar ihren Ursprung in einer Verletzung oder Erkrankung, mit der Zeit verselbständigen sie sich jedoch, sodass die Schmerzen bestehen bleiben, auch wenn die Ursache gar nicht mehr vorhanden ist. „Die Forschung hat nachgewiesen, dass starke und länger andauernde Schmerzreize aus den Geweben des Körpers die weiterleitenden Nervenzellen von Rückenmark und Gehirn sensibler für nachfolgende Schmerzreize machen können“, so die Deutsche Schmerzgesellschaft. „Die Folge kann sein, dass selbst leichte Reize wie eine leichte Berührung, mäßige Hitze oder Druck plötzlich als starker Schmerz empfunden werden.“ Suchen die Ärzte dann nach einer körperlichen Ursache, ist keine zu finden. Patienten haben dann oft damit zu kämpfen, dass sie als überempfindlich oder gar als Simulanten abgestempelt werden. Damit Schmerzen gar nicht erst chronisch werden, sich also kein Schmerzgedächtnis entwickelt, hilft es, diese möglichst früh zu behandeln. 

 

Dies gilt auch für Rückenschmerzen, die besonders weit verbreitet sind. Die Deutsche Schmerzgesellschaft geht davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Erfahrung damit gemacht haben. Die Bandbreite der Beschwerden ist groß und reicht von vorübergehenden Beschwerden nach körperlicher Arbeit bis zu chronischen Rückenschmerzen, die über Jahre oder Jahrzehnte anhalten.

 

Glücklicherweise stecken nur in seltenen Fällen ernsthafte Erkrankungen oder Verletzungen an der Wirbelsäule, Bandscheibenvorfälle, Rheuma- oder Tumorerkrankungen hinter den Beschwerden. Dennoch sollte ein Arzt diese und weitere mögliche Ursachen ausschließen. In den meisten Fällen zeigt sich durch eine Untersuchung, dass es sich um sogenannte unspezifische Rückenschmerzen handelt. Die Ursachen sind hier häufig eine Kombination aus über- und falsch belasteten Muskeln, Bändern und Gelenken. Fehlhaltungen im Alltag können dazu ebenso beitragen, wie Stress und Sorgen. 

 

Doch Patienten müssen sich mit den Schmerzen nicht abfinden. Es gibt eine Reihe von medizinischen, psychologischen und physiotherapeutischen Maßnahmen, um den Beschwerden entgegenzuwirken. Manchmal reichen schon eine Massage oder ein entspannendes Bad, um die Schmerzen zu lindern. Wer den Beschwerden langfristig vorbeugen möchte, achtet im Alltag auf ein rückenschonendes Verhalten. Dazu gehört etwa, beim Heben in die Hocke zu gehen und die Last nah am Körper zu halten. Außerdem hilft regelmäßige Bewegung, die Muskeln zu lockern und Bänder und Gelenke beweglich zu halten.

»Schmerzmittel können bei dauerhafter Einnahme Beschwerden verstärken.«

Entspannungsübungen, Spaziergänge an der frischen Luft und Ausdauersport können auch bei Kopfschmerzen helfen und langfristig Schmerzattacken abmildern oder gar verhindern. Doch auch hier sollte stets ein Arzt abklären, ob eine Erkrankung oder Verletzung hinter den Beschwerden steckt, die Schmerzen also nur ein Symptom sind. Lässt sich keine Ursache finden, sprechen Mediziner von primären Kopfschmerzen. Zu den am häufigsten vorkommenden zählen laut DGSS Migräne, Spannungskopfschmerz, Kopfschmerzen, die den Gefühlsnerv des Gesichts, den Nervus trigeminus, betreffen, sowie stechende Kopfschmerzen mit unbekannter Ursache. 

 

Wie sich die Kopfschmerzen behandeln lassen, ist individuell unterschiedlich. Schmerzmittel allein reichen jedoch bei häufig auftretenden Beschwerden nicht aus. Im Gegenteil, bei dauerhafter Einnahme können sie die Beschwerden sogar noch verstärken. Erleichterung können Veränderungen im Lebensstil bringen. Kopfschmerzpatienten sollten mit ärztlicher Hilfe herausfinden, was in ihrem Fall die Schmerzen auslöst und dem entgegensteuern, zum Beispiel durch gezielte Übungen oder Stressabbau.

 

Neuropathischer Schmerz „unterscheidet sich grundsätzlich von allen anderen Schmerzen, wie Rücken-, Kopf- oder Tumorschmerzen. Denn er ist direkte Folge einer Schädigung von „Gefühlsfasern“ des Nervensystems mit folgender Aktivierung der Schmerzbahn“, so die Definition der Deutschen Schmerzgesellschaft. Neuropathische Schmerzen, auch Nervenschmerzen genannt, treten beispielsweise häufig bei Menschen mit Diabetes auf. Der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel schädigt die feinen Enden der Nerven, sodass die Betroffenen ein Kribbeln oder Brennen, etwa in den Füßen oder Beinen, spüren. Manche Menschen fühlen Schmerzen sogar an Körperteilen, die etwa nach einer Amputation gar nicht mehr vorhanden sind. Dennoch sind diese Schmerzen keine Einbildung. Man geht heute davon aus, dass Veränderungen im Gehirn für die Wahrnehmungen verantwortlich sind. Wie andere Nervenschmerzen auch, lassen sich Phantomschmerzen behandeln, unter anderem durch Medikamente.