Gesunder Mund, gesunder Mensch

Prävention beginnt im Mund – und zwar nicht nur mit Blick auf gesunde Zähne. Die Wissenschaft entdeckt immer mehr Zusammenhänge zwischen dem Mikrobiom unseres Mundes und verschiedenen Erkrankungen.
Illustration: Antje Kahl
Illustration: Antje Kahl
Julia Thiem Redaktion

Steht auf Ihrer Mundspülung im Bad vielleicht der Zusatz „antibakteriell“ oder findet sich in der Liste der Bestandteile gar Chlorhexidin, gern auch als CHX abgekürzt? Dann sollten Sie unter Umständen ihren Blutdruck kontrollieren lassen. Denn US-Wissenschaftler haben erst im vergangenen Jahr in der Studie „Effects of Chlorhexidine mouthwash on the oral microbiome“ einen direkten Zusammenhang nachgewiesen. Richtig gelesen. Nicht nur unser Darm wird von unzähligen „guten“ Bakterien bevölkert, sondern auch unser Mundraum. Und einige dieser Bakterien sorgen dafür, dass das Nitrat aus Obst und Gemüse erst in Nitrit und anschließend in Stickstoffmonoxid umgewandelt wird. Und genau diesen Stoff benötigt unser Körper, um den Blutdruck zu regulieren. Die Studie zeigt nun, dass sich bei den Menschen, die sich den Mund mit Chlorhexidin-Lösungen spülen, der Säuregehalt erhöht ist, dem Körper weniger Nitrit zur Verfügung steht und sie zu höherem Blutdruck tendieren.

Damit rückt das tägliche Zähneputzen für eine gute Mundhygiene noch einmal in ein ganz anderes Licht. Und nicht nur im heimischen Badezimmer. Selbst auf der letzten Weltgesundheitsversammlung, die im Mai dieses Jahres stattgefunden hat, war die globale Belastung durch Mundkrankheiten und deren Zusammenhang mit anderen Erkrankungen Thema. Unter anderem wurden die Mitgliedstaaten aufgefordert, die Mundgesundheit in die Leistungspakete für die allgemeine Gesundheitsversorgung aufzunehmen.

Wie wichtig es sein kann, sich besser um die eigene Mundhygiene zu kümmern, zeigen aktuell zwei Forscherinnen der University of Central Lancashire auf der Plattform „The Conversation“. Dort schreiben die beiden Autorinnen: „Die Zähne nicht zu putzen, kann zu Ärger mit dem Zahnarzt führen – seit der Pandemie können die Probleme jedoch auch größer werden. Es gibt zunehmende Belege dafür, dass eine schlechte Mundgesundheit das von Covid ausgehende Risiko erhöht.“ Konkret beziehen sie sich auf eine Fallkontrollstudie aus Katar, die zeigt, dass Covid-19-Patienten mit bestehender Parodontitis 3,5-mal häufiger auf einer Intensivstation landen, 4,5-mal häufiger beatmet werden müssen und sogar neunmal häufiger versterben als Patienten mit intakter Mundflora.

Doch wie genau sieht sie aus, die „gute“ Mundhygiene? Hier wird es mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen sicherlich neuen Input geben müssen. Denn zahlreiche Zahnärzte empfehlen auf ihren Internetseiten beispielsweise noch immer antibakterielle Mundspülungen. Fakt ist aber, dass regelmäßiges Zähneputzen die Grundlage einer guten Mundgesundheit ist. Und hier haben die Deutschen laut Statista durchaus Nachholbedarf. Während sich 65 Prozent zweimal täglich die Zähne putzen, schaffen es 21 Prozent nur einmal am Tag. Genau wie im Darm kommt es aber auch beim Mikrobiom im Mund auf die Zusammensetzung, also eine gute Balance verschiedener Bakterien, an. Gut möglich, dass diese „Gemeinschaft“ im Mund bei Zahnarztbesuchen künftig analysiert und zum Beispiel durch gezielte Gabe von Probiotika optimiert werden kann – und es damit unter Umständen möglich ist, schlimmere Erkrankungen zu verhindern.

Nächster Artikel
Medizin
Oktober 2022
Daten aus dem Versorgungsalltag sind die Grundlage für die Entwicklung neuer, besserer Therapien und eine zunehmend maßgeschneiderte Gesundheitsversorgung. Foto: iStock-962094932
Beitrag

Gute Daten, gute Gesundheit!

Daten können keine Diagnosen stellen und keine erkrankten Menschen behandeln. Für eine moderne Gesundheitsversorgung sind sie dennoch unverzichtbar. Dr. Holger Bartz und Christian Hilmer erklären, welchen Wert gesundheitsbezogene Daten für Medizin und Versorgung haben.

Medizin
März 2022
Illustration: Sascha Düvel
Redaktion

Frustration über Anwendungen

Die Digitalisierung soll den Ärztinnen und Ärzten völlig neue diagnostische Möglichkeiten eröffnen. Doch vor allem viele Niedergelassene sehen Risiken.