Darmkrebsvorsorge: Durchbruch dank KI

Dezember 2019 | stern | Meine Gesundheit

Darmkrebsvorsorge: Durchbruch dank KI

Früh erkannt, verliert der Darmkrebs seinen Schrecken. Neue, bahnbrechende Technologien in der Endoskopie könnten das Kolonkarzinom sogar ausrotten – theoretisch.

Univ.-Prof. Dr. med. Helmut Neumann Leiter interdisziplinäre Endoskopie und molekulare endoskopische Bildgebung Universitätsmedizin Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Fujifilm / Unternehmensbeitrag

Herr Prof. Neumann, als Patient bekommt man Neuerungen oder gar Innovationen in der Endoskopie selten mit. Daher die Frage: Was hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren getan?
Leider, muss man sagen, bekommen Patienten die Neuerungen nicht mit. Denn gerade mit Blick auf die Qualität der Bildgebung hat sich in den letzten drei Jahren sehr viel auf dem Gebiet der Endoskopie getan. Beispiel Darmkrebsvorsorge: Wir haben bis vor kurzem bei der Koloskopie tatsächlich rund 30 Prozent der Läsionen übersehen. Viele Läsionen liegen sehr flach auf der Darmoberfläche auf und sind daher schwer zu erkennen. Dank neuer LED-Technik und deutlich stärkerer Kontrasteinstellungen, können wir heute jedoch signifikant mehr Läsionen erkennen.

 

Wie darf man sich diese verbesserte Bildqualität vorstellen?
Ich ziehe gerne den Vergleich zum Autoscheinwerfer, um den Patienten die technische Entwicklung in der Endoskopie zu verdeutlichen. Früher ist man mit H7-Glühbirnen gefahren. Natürlich sah man da gut. Doch im direkten Vergleich zur Nachfolgetechnologie Xenon merkte man schon einen deutlichen Unterschied. Und heute werden auch in Autoscheinwerfern LED-Lampen verbaut – mit einem wesentlich besseren Sichtfeld für den Fahrer. In der Endoskopie kommt dann noch die Linked-Color-Imaging-Technologie hinzu, mit der es Fujifilm uns Ärzten ermöglicht, Kontraste so zu verstärken, dass Läsionen besser zu erkennen sind.

 

Welche Auswirkungen hat das auf die Darmkrebsbehandlung?
Darmkrebs ist mittlerweile leider sehr häufig. Andererseits geht den Kolonkarzinomen immer ein Adenom, eine meist gutartige Geschwulst aus Drüsengewebe, voraus. Mit anderen Worten: Früh erkannt, lässt sich Darmkrebs gut behandeln. Tückisch wird er erst, wenn er ausgebrochen ist, was ihn in den meisten Fällen dann unheilbar macht.

 

Lässt sich die Bildgebung denn noch weiter verbessern?
Technisch sind wir heute tatsächlich schon sehr weit. Allerdings sind auch wir Ärzte nur Menschen, haben gute und schlechte Tage, sind vielleicht mal müde oder nicht so konzentriert. Auch das hat natürlich Einfluss auf die Detektionsrate. Gemeinsam mit Fujifilm arbeiten wir daher an KI-basierten Systemen, um die Früherkennung weiter zu verbessern. Der dahinterliegende Algorithmus vergleicht in Echtzeit, was wir über das Endoskop sehen. Basis sind neuronale Netze, die es dem Computer quasi ermöglichen, zu lernen, was Läsionen sind. Die finale Entscheidung liegt natürlich weiterhin beim Arzt. Die immense Unterstützung, die wir durch diese KI-basierten Systeme bekommen, könnte jedoch den großen Durchbruch bringen.

 

Durchbruch in der Form, dass Darmkrebs keine Rolle mehr spielen würde?
Genau. Denn wie gesagt, sind die Vorstufen in Form der Adenome behandelbar. Würden alle Adenome entdeckt, was mit der kontinuierlichen Weiterentwicklung von KI-basierten Systemen durchaus realistisch ist, gäbe es theoretisch auch keinen Darmkrebs mehr.

 

Wobei dafür natürlich jeder Patient seine Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen müsste.
Das ist richtig und tatsächlich sprechen Sie hier einen wichtigen Punkt an. Denn Darmkrebsvorsorge ist bei den Krankenkassen beispielsweise ab dem 50. Lebensjahr vorgesehen. Zum einen zeigt die Statistik, dass aber nur rund 20 bis 25 Prozent der Patienten diese Vorsorge auch in Anspruch nehmen. Zum anderen steigt die Anzahl der Neuerkrankungen gerade bei deutlich jüngeren Patienten ab dem 30. Lebensjahr deutlich an. Die Gründe hierfür sind noch nicht klar. Jedoch erwarten wir dadurch, in etwa zehn Jahren wieder mehr Darmkrebsfälle zu sehen und behandeln zu müssen, weil diese jungen Patienten derzeit eben nicht untersucht und in der Vorsorge berücksichtigt werden.

 

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