Alternativen zu Dr. Google

Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren viele Menschen „Dr. Google“ – doch die Suchergebnisse sind oft angsteinflößend und selten passend. Start-ups wollen dem fachlich valide Symptomchecker entgegensetzen.

Illustration: Noemi Fabra
Illustration: Noemi Fabra
Steffen Ermisch Redaktion

Hinter dem Sodbrennen könnte Krebs stecken, die starken Kopfschmerzen sind eventuell Folge einer Gehirnblutung – und für die Müdigkeit ist womöglich eine Leberentzündung verantwortlich: Wer gesundheitliche Beschwerden in Suchmaschinen eingibt, wird regelmäßig mit wenig hilfreichen Schockdiagnosen konfrontiert. „Die Ergebnisse passen oft nicht zur tatsächlichen Erkrankung und können sogar zu einer falschen Behandlung führen“, sagt Tamás Petrovics. Mit seinem Unternehmen Xund will der Gründer eine Alternative zu „Dr. Google“ schaffen: Das Start-up hat eine Symptomdatenbank aufgebaut, die aus medizinischen Publikationen und dem Fachwissen von Ärzten gespeist wird. Per App sollen Nutzer fachlich valide Ersteinschätzungen erhalten.

Xund beansprucht für sich, dank Künstlicher Intelligenz technisch weit vorne zu sein – alleine ist das Wiener Start-up mit seiner Idee aber nicht: Weltweit gibt es mehrere Dutzend solcher Symptomchecker, darunter etwa Ada Health aus Berlin und Infermedica aus Breslau. Die Funktionsweise ist stets ähnlich. Nutzer legen zunächst ein Profil mit Daten wie dem Alter, dem Geschlecht und Risikofaktoren an. Simuliert wird dann ein Arztgespräch: Ein Chatbot fragt nach Beschwerden und erkundigt sich abhängig von den Eingaben nach Details. Bei der Auswertung werden mögliche Erkrankungen angezeigt. Bei weniger dramatischen Diagnosen machen die Apps Vorschläge dazu, was man zu Hause tun kann, in anderen Fällen wird ein Arztbesuch empfohlen.

Wagniskapitalgeber päppeln die Gesundheitshelfer derzeit mit kräftigen Kapitalspritzen auf. Ada Health etwa hat im Februar eine Finanzierungsrunde auf 120 Millionen Euro erweitern können. Infermedica hat Anfang des Jahres 27 Millionen Euro eingesammelt. Und Xund hat im Herbst immerhin sechs Millionen Euro erhalten. Die Investoren wittern ein riesiges Marktpotenzial – denn die digitale Spurensuche bei Erkrankungen ist längst ein Massenphänomen. So gab Google vor drei Jahren an, jede siebte Suchanfrage habe einen Gesundheitsbezug. Allerdings: Während der Suchmaschinenriese über sein Anzeigengeschäft daran gut verdient, fällt es den spezialisierten Anbietern noch schwer, Einnahmen zu generieren.

Die Start-ups sind deswegen dazu übergangen, ihre Systeme zahlenden Geschäftskunden anzubieten, die eigene Symptomchecker anbieten wollen. Xund arbeitet zum Beispiel mit Generali zusammen, Infermedica mit der Gothaer. Die Krankenversicherer sollen davon profitieren, dass Kunden Erkrankungen schneller erkennen und sich an den richtigen Facharzt wenden. Entlasten sollen die Symptomchecker aber auch die Ärzte: Sie können die Software nutzen, um schon bei der Online-Terminvereinbarung Beschwerden abzufragen. Die Diagnose vor Ort ersetzen die digitalen Helfer aber nicht, schon weil sie sich ganz auf die Selbstauskünfte verlassen müssen. „Das Ziel ist es nicht, Ärzten Konkurrenz zu machen“, sagt Xund-Gründer Petrovics. „Wir können aber helfen, die Patientenströme besser zu steuern.“

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