Frau Zeckel, Adipositas ist weltweit auf dem Vormarsch. Was macht die Erkrankung so brisant?
Die Dynamik ist erschreckend: Bis 2035 könnte laut World Obesity Federation fast die Hälfte der Weltbevölkerung betroffen sein. In Deutschland lebt bereits mehr als die Hälfte der Erwachsenen mit Übergewicht, ein Fünftel mit Adipositas. Die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Folgen sind gravierend, dennoch wird die Erkrankung oft bagatellisiert.
Woran liegt es, dass Adipositas trotz dieser Faktenlage oft nicht als ernstzunehmende Krankheit angesehen wird?
Tief verwurzelte gesellschaftliche Vorstellungen stehen im Weg. Viele glauben, Körpergewicht sei nur eine Frage der Selbstdisziplin. Wissenschaftlich ist aber belegt: Adipositas ist eine komplexe, chronische Erkrankung, beeinflusst durch genetische und hormonelle Faktoren. Menschen kämpfen mit Vorurteilen und biologischen Mechanismen, die eine Gewichtsreduktion erschweren.
Wie wirken sich diese gesellschaftlichen Vorstellungen auf den Alltag der Betroffenen aus?
Vor allem durch Stigmatisierung. Wer mit Adipositas lebt, wird oft auf sein Verhalten reduziert, statt auf medizinische Bedürfnisse. Viele zögern, Hilfe zu suchen – aus Angst vor Stigmatisierung. Das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt ist aber der erste Schritt zur Therapie.
Wie begegnet Lilly dieser gesellschaftlichen Tabuisierung?
Mit Aufklärung und Dialog. Wir stärken das Bewusstsein für Adipositas als Erkrankung, fördern Studien und Informationskampagnen. Besonders wichtig ist uns die Prävention: Frühzeitige medizinische Unterstützung kann schwere Verläufe verhindern und die Lebensqualität erhöhen.
Was bedeutet das konkret für die medizinische Behandlung?
Lebensstiländerungen sind wichtig, aber oft nicht ausreichend. Ein nachhaltiges Gewichtsmanagement braucht medizinische Begleitung. Schon eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Prozent senkt das Risiko für Folgeerkrankungen. Viele Betroffene bleiben zu lange allein, ohne Zugang zu Programmen oder ärztlicher Unterstützung. Je früher die Therapie beginnt, desto besser sind die Aussichten.
Die Forschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Welche neuen Perspektiven ergeben sich daraus für die Behandlung?
Neue therapeutische Ansätze wirken gezielt auf körpereigene Regulationsmechanismen, etwa hormonelle Prozesse. Das eröffnet neue Perspektiven, Gewicht zu verlieren und zu halten. Wichtig ist eine kontinuierliche, angepasste Behandlung – Ernährung, Bewegung und medikamentöse Therapie müssen zusammenspielen.
Damit diese Fortschritte auch bei den Betroffenen ankommen – was muss sich politisch und im öffentlichen Diskurs ändern?
Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Die Anerkennung von Adipositas als chronische Krankheit war ein wichtiger Schritt, aber solange sie als Lifestyle-Thema gilt und Therapien nicht erstattungsfähig sind, bleibt sie unterversorgt. Es braucht politischen Willen, Versorgungslücken zu schließen, mehr Empathie und Wissen. Menschen mit Adipositas verdienen eine Versorgung, die ihre Erkrankung ernst nimmt.
meinwegmitadipositas.de
PP-TR-DE-3734 November 2025