Als ich die Diagnose Brustkrebs im Frühstadium bekam, war ich wie betäubt“, sagt Sonja Hartel (Name geändert). „Da einige Frauen in meiner Familie Brustkrebs hatten, wusste ich zwar, dass mein Risiko, ebenfalls daran zu erkranken, hoch war. Der Tatsache dann ins Auge schauen zu müssen, war trotzdem ein Schock.“ Vieles sei ihr durch den Kopf geschossen. „Wie geht es mit meiner Familie, mit der Tochter im Teenageralter weiter, wenn ich so krank bin?“ Wie mit der Arbeit? Angst habe sie vor allem vor der Chemotherapie und ihren Nebenwirkungen gehabt, erinnert sich die 53-jährige Lehrerin. Ihre Ärztin riet ihr zu einem Test, der zeigen könne, welche Gene ihren Tumor bestimmten.
Hartel hatte Glück, die Untersuchung ihrer Gewebeprobe ermöglichte es den Ärzten, ein genaues Tumorprofil zu erstellen, anhand dessen sie sich für eine Strahlen- und Hormontherapie entschieden und auf die Chemo verzichteten. „Auch das war kein Spaziergang“, erinnert sich die Patientin. „Doch mit den Nebenwirkungen konnte ich leben und heute geht es mir gut.“ Gentests helfen, unnötige Behandlungen zu vermeiden. Oft sind sie der Schlüssel für personalisierte, auf das individuelle Tumorgenom abgestimmte Therapien. Die Gesamtheit der Erbinformation in der Tumorzelle, also deren Genom, ist so individuell wie die Betroffenen selbst. Je mehr man darüber weiß, desto besser gelingt es, Patienten und Patientinnen so individuell und damit gleichzeitig so schonend und so wirkungsvoll wie möglich zu behandeln.
Immuntherapien haben sich seit ihren Anfängen in den 1990er-Jahren einen festen Platz in der modernen Krebstherapie erobert. Erfolge gibt es unter anderem bei schwarzem Hautkrebs, Nierenkrebs und nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom.
ES GIBT VERSCHIEDENE ANSÄTZE
Mit unterschiedlichen Methoden versuchen die Therapien, die körpereigene Abwehr dazu zu bringen, Krebszellen zu bekämpfen. Grundsätzlich kann das Immunsystem Zellen erkennen, die sich von gesunden Körperzellen unterscheiden, und reagiert entsprechend. Tumorzellen sind aber oft perfekt getarnt, verändern sich ständig oder haben die Fähigkeit, Immunreaktionen zu blockieren. Diese Überlebensmechanismen der Tumorzellen sollen von Immuntherapien außer Kraft gesetzt werden, während gleichzeitig die körpereigene Abwehr für bestimmte Merkmale der Krebszellen sensibilisiert wird. Die Therapien funktionieren auf unterschiedliche Weise.
IMMUN-CHECKPOINT-INHIBITOREN
Spezielle Medikamente, die „Immun-Checkpoint-Inhibitoren“, können als Antikörper die Blockierung der Immunzellen lösen, die durch Krebszellen hervorgerufen wird. Sie lockern damit eine Bremse, die im gesunden Körper überschießende Reaktionen des Immunsystems verhindern soll. Erfolge gibt es u.a. bei Lungenkrebs, Darmkrebs und schwarzem Hautkrebs. Für 2026 wird die teilweise vorläufige Zulassung einiger weiterer immuntherapeutischer Medikamente erwartet. Allen voran „Nogapendekin alfa inbakicept“, eine neue vielversprechende Therapiemöglichkeit bei Blasenkrebs. Auch bei Lungenkarzinom und fortgeschrittenem Brustkrebs sollen künftig noch weitere Arzneimittel zum Einsatz kommen.
MRNA-IMPFSTOFFE
Zu den Hoffnungsträgern bei den Immuntherapien zählen Impfungen mit Messenger-Ribonucleic-Acid-Impfstoffen (mRNA). Ihre Wirksamkeit wird zurzeit in Studien geprüft. Ob es noch 2026 zu einer Zulassung kommt, ist unklar. Typisch für Krebszellen sind Antigene, bestimmte Proteine, die an ihrer Oberfläche gehäuft auftreten. Durch die Impfung wird das Immunsystem mit diesen Proteinen konfrontiert. Für ein solches Vakzin werden die Krebszellen zunächst genau untersucht. Es gilt, die Erbinformationen zu finden, die den Bauplan für die Eiweiße an ihre Oberfläche liefern. Diese Gene werden in Boten-RNA verpackt, über den Impfstoff verabreicht und dann vom Körper nachgebaut. Das Immunsystem lernt also über einen Umweg, die Eiweiße an der Oberfläche der Tumorzellen wahrzunehmen, um sie zu bekämpfen.
CAR-T-ZELL-THERAPIEN
CAR-T-Zell-Therapien eliminieren Zellen mit einer bestimmten Oberflächenstruktur. Leider können hier die Nebenwirkungen heftig sein, da die CAR-T-Zellen ständig aktiv sind und manchmal unerwünschte Effekte erzeugen. Für die Therapie werden zunächst Immunzellen, so genannte T-Zellen, aus dem Körper der Patienten entnommen und im Labor zu CAR-T-Zellen umgebaut. Das heißt, ihre Oberfläche wird mit einem im Labor zusammengebauten Antigenrezeptor (CAR) versehen, durch den sie Tumorzellen anhand ihrer spezifischen Oberfläche erkennen können. Die CAR-T-Zellen werden vermehrt und nach einer vorbereitenden Chemotherapie über eine Infusion verabreicht. Erfolge gab es bisher vor allem bei fortgeschrittenen Lymphomen und Blutkrebs.
KÜNSTLICHE ANTIKÖRPER
Antikörper sind Eiweißmoleküle, die als Teil des Immunsystems Oberflächenstrukturen erkennen können, die typisch für Krebszellen sind. Für die Krebsbehandlung werden sie künstlich hergestellt, um an eine individuelle molekulare Zielstruktur anzudocken. Wenn sie sich an Krebszellen binden, führt dies entweder direkt zu deren Absterben oder bewirkt, dass das körpereigene Abwehrsystem die Tumorzellen als „fremd“ erkennt und bekämpft. Die Antikörper gibt es über Infusionen oder als Spritze. Zu den Medikamenten gehören Tyrosinkinase-Hemmer, die in die Zellen eindringen, die Wachstum und Vermehrung der Tumorzellen steuern, oder Angiogenese-Inhibitoren, die verhindern, dass sich um den Tumor herum Blutgefäße bilden und ihn mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen.
Immuntherapien können zu höheren Überlebenschancen führen, teilweise sogar zur Rückbildung der Erkrankung. Sie haben oft mildere Nebenwirkungen als Chemo- oder Strahlentherapie. Auf der Webseite der Deutschen Krebshilfe berichtet eine 28-jährige Patientin, nach ihrer Darmkrebsdiagnose und mehreren Chemos hätten Ärzte kaum noch eine Chance für sie gesehen. Nach zwei Jahren Immuntherapie sagt sie: „Meine Metastasen waren geschrumpft und auch die Tumormarker waren geringer als vor der Therapie.“ Sie geht den Jakobsweg, reist nach Indonesien. Die Tumormarker bleiben einstellig. Wie gut Immuntherapien wirken, hängt allerdings stark von der Krebsart und dem individuellen Tumorprofil ab.