Natur und viel Bewegung

Juni 2015 | Die Zeit | Leben mit Krebs

Natur und viel Bewegung

Eine Krebstherapie fordert alles vom Körper. Nebenwirkungen bleiben da nicht aus. Komplementäre Heilverfahren können sie reduzieren.

Sabine Philipp / Redaktion

Montagmorgen im Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität zu Köln (IWENV): Eine Brustkrebspatientin leidet nach der Chemotherapie am Hand-Fuß-Syndrom: Die Haut an den Hand-innenflächen und an den Fußsohlen wird dünn, rissig und hat sich entzündet. Der Leidensdruck ist hoch: „Zuweilen können Patienten nicht einmal eine Gabel halten“, erklärt Josef Beuth, Gründer und Leiter des Instituts. Der Arzt empfiehlt seiner Patientin eine Leinsamenbehandlung. Dazu wird geschroteter Leinsamen etwa fünf Minuten in Wasser aufgekocht, bis das Eiweiß herausquillt. Sobald die Masse abgekühlt ist, soll sie ihre Hände und Füße darin baden. 

 

„Das ist eine relativ einfache Maßnahme, die wenig kostet und die völlig unbedenklich ist“, so Beuth. Er hat viele solcher Tipps aus der Naturheilkunde parat, die er in seinen Sprechstunden im Institut und in Kliniken in ganz Nordrhein-Westfalen gerne teilt. Und er führt auch selbst Studien zu komplementären Heilmethoden durch. Denn die meisten Verfahren sind nicht ausreichend auf ihre Wirksamkeit geprüft. 

 

Komplementär heißt: zusätzlich zur Krebstherapie. Die Methoden sollen helfen, die Nebenwirkungen von Krebs und von Krebstherapien zu lindern. „Den Krebs heilen können diese Verfahren natürlich nicht“, stellt der Mediziner gleich zu Beginn klar. Von alternativen Heilverfahren, also Methoden, die anstatt einer bewährten Krebstherapie durchgeführt werden, rät er dringend ab. Und er warnt vor unseriösen Maßnahmen, die viel kosten, und die im besten Fall wirkungslos sind. Gemeinsam mit der Krebsgesellschaft NRW informiert er auf der Seite www.komplementaermethoden.de über diese Praktiken.

 

Manchmal kann es auch zu Wechselwirkungen kommen. So wie bei der Misteltherapie, auf die viele Patienten und auch einige Ärzte schwören. Das Mittel wird unter die Haut gespritzt und soll das Immunsystem stärken. Aber: „Die Misteltherapie kann die Haut sensibilisieren. Während einer Chemo- und Strahlentherapie kann das zu Hautschäden führen“, warnt
Beuth. Immuntherapien empfiehlt er ohnehin nur bei einer nachgewiesenen Schwäche des Immunsystems. Er rät seinen Patienten immer, nach einer Standardtherapie erst einmal sechs bis acht Wochen zu warten. In dieser Zeit würden sich die Körpersysteme meist wieder von selbst regulieren. 

 

Danach empfiehlt er ein in Routineprogrammen enthaltenes Blutbild, mit dem man prüfen kann, ob der Patient ein geschwächtes Immunsys-tem hat. Wenn das nicht der Fall ist, rät er von einer Behandlung ab. Denn besser werde das Immunsystem dadurch nicht. Besondere Vorsicht ist bei Tumoren des Blutsystems angesagt, etwa bei Leukämien oder Lymphomen. „Bei diesen Erkrankungen kann eine Immuntherapie die kranken Zellen aktivieren und zum Wachsen anregen“, gibt Beuth zu bedenken. Um solche Wechselwirkungen zu verhindern, sollten Patienten die komplementären Maßnahmen immer mit ihrem behandelnden Arzt absprechen.

 

Eine Maßnahme, die er mit gutem Gewissen empfehlen kann: drei bis vier Stunden körperliche Aktivität pro Woche; am besten in einer Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining. „Sport senkt das Risiko von Neuerkrankungen, er vertreibt die Müdigkeit und setzt Glückshormone frei“, erklärt der Gründer der gemeinnützigen Jolly Beuth-Stiftung. Viele Patienten, insbesondere  Brust- und Prostatakrebspatientinnen und -patienten, leiden nach Chemo-, Strahlen- und Antihormontherapien jedoch an trockenen Schleimhäuten. Das betrifft auch die Gelenke, wo es zu schmerzhaften Arthrosebeschwerden kommen kann. Beuth und seine Kollegen haben auch deshalb im Rahmen einer Untersuchung mehr als 1.000 Patienten ein Selen-Enzym-Linsenextrakt verabreicht. Bei etwa 70 Prozent kam es zu einer signifikanten Verbesserung der Beschwerden, so dass einer körperlichen Aktivierung nichts mehr im Wege stand. Im weiteren Verlauf konnten etliche Patienten dann die Medikation absetzen; die Aktivierung von Muskeln bewirkt eine unbedenkliche Freisetzung von Hormonen. Und die aktiviert die Schleimhaut in den Gelenken zur Freisetzung von Flüssigkeit.