Zucker im Blut

Juli 2016 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Zucker im Blut

Die Zahl der Diabetes-Erkrankungen nimmt rapide zu. Wie kann der Trend gestoppt werden?

Sabine Philipp / Redaktion

Man spricht schon von einer Epidemie. In ihrem ersten globalen Diabetes-Report geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass 422 Millionen Erwachsene an Diabetes leiden. Das sind 8,5 Prozent aller Volljährigen weltweit. Seit 1980 hat sich die Zahl nahezu vervierfacht, in Europa ist sie von 33 auf 64 Millionen gestiegen. Vor allem der Typ-2-Diabetes ist auf dem Vormarsch.

 

»Risikofaktor ist Über-gewicht in Folge von Bewegungsmangel und falscher Ernährung.«

 

In Deutschland sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) mehr als 6 Millionen Erwachsene betroffen, wobei 80 bis 90 Prozent am Typ-2-Diabetes leiden. „Ein sehr hoher Risikofaktor ist Übergewicht in Folge von Bewegungsmangel und einer hochkalorischen Ernährung“, erklärt Martin Hrab  de Angelis, Vorstand des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), einem vom BMBF und den Ländern geförderten Verbund, der bundesweit gemeinsam an neuen Ansätzen zur Prävention und Therapie des Diabetes forscht. 

 

Wie Diabetes entsteht

 

Aber: Auch schlanke Menschen erkranken. „Bei einigen Patienten speichert der Körper das Fett in der Leber, was zu einer nicht alkoholbedingten Fettleber und in der Folge zu einem Typ-2-Diabetes führen kann“, erläutert Hrab  de Angelis. Eine Ursache für Diabetes-Typ-2 ist die Insulinresistenz. „Bei gesunden Menschen nehmen die Muskelzellen und das Gehirn die Kohlenhydrate, also die Zucker, mithilfe des Hormons Insulin auf. Bei einem Typ-2-Diabetes funktioniert das Prinzip nicht mehr; das Insulin verliert seine Wirkung, und der Zucker verbleibt im Blut.“ Der Genetiker vergleicht den Vorgang gern mit einem verklebten Türschloss. „Die Betazellen der Bauchspeicheldrüse produzieren verstärkt Insulin, bis sich die Produktion erschöpft, und der Körper das Hormon kaum mehr herstellt“.   

 

Die Vorgänge im Körper sind dabei sehr komplex. Und immer wieder finden die Forscher neue Faktoren, die mit hineinspielen. So wurden vor wenigen Jahren erst die so genannten Inkretine entdeckt. „Das sind Hormone, die Darmzellen nach der Nahrungsaufnahme ausschütten“, erläutert Hrab  de Angelis. „Sie spielen nicht nur bei der Entstehung des Sättigungsgefühls eine wichtige Rolle. Sie führen auch zu einer gesteigerten Insulinausscheidung und haben eine positive Wirkung auf die insulinproduzierenden Zellen.“ Mittlerweile sind auch Medikamente auf dem Markt, die diese Wirkung nachahmen.  

 

Keine Heilung in Sicht

 

Von einer Heilung der Stoffwechselkrankheit ist man aber noch immer weit entfernt. Ein großer Teil der Patienten kann jedoch im Anfangsstadium durch eine Ernährungsumstellung und sportliche Betätigung den Ausbruch der Symptome verhindern. Auch im Hinblick auf die allgemeine Vorsorge ist gerade Sport ein entscheidender Faktor. Hrab  de Angelis nennt die Gründe: „Zum einen verbrennt der Körper durch die Bewegung Energie, was sich natürlich positiv auf das Gewicht auswirkt. Zum anderen stärkt Sport das Immunsystem und hat einen positiven Einfluss auf die Insulinausschüttung und -aufnahme.“ 

 

Allerdings reagieren nicht alle Patienten mit einem entstehenden Typ-2-Diabetes auf die Lebensstiländerung. Forscher der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen setzen daher aktuell eine Studie an acht DZD-Standorten um, um die Ursachen zu erforschen. 

 

Indes haben DZD-Forscher vom Helmholtz Zentrum München und der TU München möglicherweise entdeckt, warum Diabetes-Typ-2 weltweit so stark zunimmt. Versuche an Mäusen haben gezeigt, dass die Tiere sehr viel schneller zunehmen, wenn ihre Eltern durch fettreiche Ernährung dick wurden und in der Folge einen Typ-2-Diabetes entwickelt hatten. Über die Eizellen und Spermien wurde diese Information epigenetisch an die Nachkommen weitergegeben. Epigenetisch heißt in diesem Fall, dass die Regulation von Genen rückkehrbar weiter vererbt wird, ohne die Gene selbst zu verändern. Daraus schöpfen die Forscher die Hoffnung, dass sich der Teufelskreis durchbrechen lässt. „In einem nächsten Schritt möchte Professor Beckers von unserem Institut mit Kollegen aus Tübingen, Heidelberg und Leipzig erforschen, ob sich diese Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen lassen“, so Hrabeˇ  de Angelis, der gleichzeitig Initiator der Mausstudie ist. 

 

Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung

 

Der Typ-1-Diabetes hingegen trifft vor allem Kinder und Jugendliche. Er ist eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem greift die insulinproduzierenden Betazellen an und zerstört sie. Infolgedessen kann der Körper kein Insulin mehr produzieren. Die Ursachen sind noch nicht komplett erforscht. Man weiß aber, dass die Krankheit familiär gehäuft auftritt. 

 

Anlass zur Hoffnung gibt die Pre-Point-Studie. Dabei bekamen Kinder im Alter zwischen zwei und sieben Jahren mit einem hohen Erkrankungsrisiko ein halbes Jahr lang Insulinpulver verabreicht. Zweck war, das Immunsystem entsprechend zu trainieren, damit es die Zellen nicht bekämpft. Die Ergebnisse stimmen die Forscher positiv. Nun möchten sie in der Nachfolgestudie Pre-Point Early testen, ob sie den Effekt auch bei Kleinkindern zwischen sechs Monaten und zwei Jahren bestätigen können.

 

 

Welche Rolle das Umfeld spielt



Laut Robert-Koch-Institut sind Menschen mit einem niederen Bildungsstatus häufiger adipös und treiben weniger Sport. So verwundert es wenig, dass das Institut einen Zusammenhang zwischen Erkrankungsrisiko und Bildungsstatus feststellt. Die RKI-Forscher konstatieren aber auch ein Gefälle innerhalb Deutschlands: So gaben in den neuen Bundesländern und Berlin 11,5 Prozent der Frauen und 9,5 Prozent der Männer einen diagnostizierten Diabetes an; in den alten Bundesländern waren es 8,7 Prozent und 7,9 Prozent. Gemeinsam mit Kollegen aus dem Helmholtz Zentrum München und dem Deutschen Diabetes Zentrum haben die RKI-Forscher die Daten analysiert und herausgefunden, dass das Risiko für Typ-2-Diabetes und Adipositas steigt, wenn man in einer sozioökonomisch benachteiligten Region lebt – und zwar unabhängig vom individuellen Sozialstatus. Das Umfeld, so ein Fazit, wird man wohl stärker beim Planen von Präventionsmaßnahmen berücksichtigen müssen.