Umwelt-Alarm

Juli 2016 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Umwelt-Alarm

Die zunehmende Umweltverschmutzung macht krank. Stickstoffdioxid, Feinstaub und Ozon belasten die Atemwege.

Lars Klaaßen / Redaktion

Ein Mensch hat rund 300 Millionen Lungenbläschen, die auf eine Gesamtoberfläche von 80 bis 120 Quadratmetern kommen. Neugeborene nehmen 40 Atemzüge pro Minute, bei Erwachsenen sind es 16 bis 20. Ohne Luft zum Atmen machen wir es nicht lange. Obwohl Smog-Alarm, wie er derzeit in chinesischen Industriemetropolen regelmäßig ausgerufen wird, hierzulande der Vergangenheit angehört, steht es auch hierzulande mit der Luftqualität nicht zum Besten. Die Messdaten der Länder und des Umweltbundesamtes (UBA) für das Jahr 2015 ergaben: Die Luft in deutschen Städten ist nach wie vor zu stark mit Stickstoffdioxid belastet. Wie in den Vorjahren gab es auch 2015 an rund 60 Prozent der verkehrsnahen Messstationen Überschreitungen des Grenzwertes von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³) im Jahresmittel. In Ballungsräumen überwachen die Luftmessnetze der Bundesländer mit über 640 Messcontainern die Luftqualität. Verunreinigungen können aber auch Tausende von Kilometern zurücklegen und sich weltweit in der Erdatmosphäre ausbreiten.

 

Stickstoffdioxid kann insbesondere in Kombination mit Feinstaub zu Gesundheitsschäden an Atemwegen sowie Herz- und Kreislaufsystem führen. Zu den besonders verbreiteten chronischen Krankheiten zählt Asthma. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit schätzungsweise 235 Millionen Menschen betroffen. In Deutschland leiden etwa zehn Prozent der Kinder und fünf Prozent der Erwachsenen daran. Atemwegserkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit. Auch die Zunahme von Allergien und Autoimmunerkrankungen wird in Verbindung mit Luftverschmutzung gebracht. Doch bei den meisten dieser Krankheiten spielen genetische Faktoren eine erhebliche Rolle. Treten dieses zusammen mit ungünstigen Umwelteinflüssen auf, steigt das Risiko einer Erkrankung. Hat ein Mensch etwa starken Stress, erkrankt er an einem bestimmten Virus oder ist eine Frau schwanger, kann das Immunsystem überreagieren. 

 

In den Ballungsräumen stoßen vor allem Verbrennungsmotoren schädliche Emissionen aus. „Diesel-Pkw müssen schrittweise aus den Innenstädten verschwinden, Umweltzonen sollten ausgeweitet und verschärft werden“, sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. „Und wir brauchen deutlich mehr Elektromobilität – nicht nur beim Auto.“ Hinzu kommt eine erhebliche Ozonbelastung: In den sommerlichen Schönwetterperioden des vergangenen Jahres mit zum Teil extremen Temperaturen traten seit langem erstmals wieder hohe Ozonkonzentrationen und sogar Werte über der Alarmschwelle von 240 µg/m³ auf. Der mit 283 µg/m³ gemessene Maximalwert des Jahres 2015 war der höchste Messwert seit dem Hitzesommer 2003. 

 

Im Vergleich zu den vergangenen zehn Jahren war 2015 überdurchschnittlich mit Ozon belastet, kommt aber an die hohe Belastung zu Beginn der 1990er Jahre nicht heran. Es gibt trotzdem keinen Grund zur Entwarnung: „Weiterhin müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Ozonbelastung zu verringern. Denn der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Schwellenwert von 100 µg/m³ (im Mittel über acht Stunden) wird in Deutschland nicht flächendeckend eingehalten“, so Krautzberger. Erhöhte Ozonkonzentrationen können bei Menschen Reizungen der Atemwege, Husten, Einschränkungen der Lungenfunktion bis hin zu deutlichen Atembeschwerden hervorrufen.

 

Langfristig betrachtet war 2015 mit Blick auf Feinstaub zwar eines der am geringsten belasteten Jahre. Der EU-Tagesgrenzwert wurde lediglich an zwei verkehrsnahen Messstationen in Stuttgart und Berlin überschritten. Doch die WHO empfiehlt auch beim Feinstaub eine deutlich niedrigere Schwelle, nach der nicht öfter als an drei Tagen im Jahr die Tagesmittelwerte über 50 µg/m³ liegen sollen. Dieser Wert wurde nur an 23 Prozent aller Messstationen eingehalten. Es ist erwiesen, dass eingeatmeter Feinstaub beim Menschen gesundheitsschädlich wirkt. Die möglichen Folgen reichen von Schleimhautreizungen und lokalen Entzündungen in der Luftröhre und den Bronchien bis zu verstärkter Plaquebildung in den Blutgefäßen, einer erhöhten Thromboseneigung oder Veränderungen der Regulierungsfunktion des vegetativen Nervensystems.

 

Meistens ist die Luftqualität in Deutschland gesundheitlich unbedenklich. Wer einer Risikogruppe für die Wirkung von Luftverunreinigungen angehört, sollte sich vor einer Reise erkundigen, inwiefern am Ziel Smog ein gesundheitliches Risiko darstellen könnte. Besonders betroffen sind China, die Mongolei, Indien, Brasilien, einige Länder des Nahen Ostens und einige Regionen in Afrika. Und dort wiederum die großen Ballungsräume. Die WHO veröffentlicht eine weltweite Übersicht, einige Länder geben sogenannte Air Quality Indices (AQI) bekannt, die eine schnelle Orientierung über die aktuelle Situation ermöglichen sollen und berichten ihre Werte an die Internetseite www.airqualitynow.eu.