Mit Plasma gegen offene Wunden

Juli 2016 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Mit Plasma gegen offene Wunden

Gerade Diabetiker haben oft große Probleme mit der Wundheilung, weshalb sie nicht selten von Amputationen betroffen sind. Nun geben neue Therapieformen Hoffnung. ­

Dr. med. Wolfgang Tigges, Chefarzt Klinik für Gefäßmedizin am Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg
Cinogy GmbH / Unternehmensbeitrag

Herr Dr. Tigges, warum landen so viele Diabetes-Patienten bei Ihnen in der Gefäßchirurgie?

 

Bei rund 60 Prozent der Diabetes-Patienten treten Durchblutungsstörungen auf. Ähnlich wie auch Nervenschäden entwickeln sie sich allmählich und oftmals unbemerkt. Und nicht jeder Diabetiker wird auch regelmäßig auf Durchblutungsstörungen oder Nervenschäden untersucht. 

 

Und die Betroffenen merken nichts?

 

Diabetes ist eine häufige Ursache für Polyneuropathie. Das ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die beispielsweise mit Muskelschwäche und Gefühlsstörungen einhergeht. Das ist der Grund, warum viele Diabetes-Patienten Berührungen oder gar Schmerzen an den Füßen nicht mehr spüren. Unter Umständen nehmen sie ihre Füße gar nicht mehr als Teil ihres Körpers war. Dann spricht man vom sogenannten Neglect-Syndrom. Wenn also der Schuh zu eng ist oder sich ein Stein im Schuh verirrt hat, merken es Diabetiker nicht und stellen dann eher zufällig fest, dass sie eine offene Wunde am Fuß haben. 

 

Was mit den bereits angesprochenen Durchblutungsstörungen zu einer gefährlichen Kombination wird.

 

Genau. Treten erst einmal offene Wunden an den Füßen auf, sind diese aufgrund der Durchblutungsstörungen oftmals schwer unter Kontrolle zu bringen. Hinzu kommt, dass bei Diabetikern auch die körpereigene Infektionsbekämpfung deutlich geringer ist. sodass sich Keime, die ein großes Problem bei der Wundheilung sind, nahezu ungehindert ausbreiten können. 

 

Mit welchen Folgen für die Patienten?

 

Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Major-Amputation. Wenn die Wunde ständig fortschreitet und nicht in den Griff zu bekommen ist, muss unter Umständen der Unterschenkel oder sogar der Oberschenkel amputiert werden. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 15.000 Major-Amputationen und 40.000 Minor-Amputationen durchgeführt. Die großen Eingriffe sind vor allem für ältere Patienten schlimm, da sie so fast zwangsläufig zum Pflegefall werden. Zudem wären Amputationen vielfach vermeidbar.

 

Wie genau kann man Amputationen vermeiden?

 

Ist der Stoffwechsel bei Diabetikern gut eingestellt, ist das in der Regel schon eine gute Vorbeugung. Zudem können interdisziplinäre Therapieansätze dazu beitragen, dass präventive Maßnahmen besser ineinandergreifen. Und natürlich ist es wichtig, dass Diabetiker regelmäßig auf Durchblutungsstörungen untersucht und die medikamentösen Therapien gegebenenfalls nachadjustiert werden. Denn wenn es regelmäßige Kontrollen und auch Schulungen der Patienten gibt, werden in der Regel Probleme frühzeitig erkannt und Amputationen können somit oftmals tatsächlich vermieden werden – vor allem auch Minoramputationen wie etwa der Zehen, da auch bei diesen Patienten innerhalb der nächsten Jahre Majoramputationen drohen. Es besteht also auch durch diese kleineren Amputationen bereits das Risiko, dass größere Amputationen folgen. 

 

Doch wenn erst einmal Wunden auftreten, die schlecht abheilen, kommen Patienten um eine Amputation nicht mehr herum?

 

Diese Frage lässt sich pauschal natürlich nicht beantworten. Eine Amputation ist immer ein schwerwiegender Eingriff und kann in den meisten Fällen durch eine Verbesserung der Durchblutung vermieden werden. In ausweglosen Fällen kann mit einer Kombination von lokalen Maßnahmen, wie etwa mit Einsatz von Plasmatherapie, eine Wundheilung erreicht werden.

 

Was genau ist eine Plasmabehandlung?

 

Ganz einfach dargestellt, wird bei dieser Behandlung Plasma in Form kleiner harmloser Blitze an die Haut abgegeben. Das fördert vor allem die kapillare Durchblutung durch eine Tiefenstimulation. Die Wunde kann so wieder mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Außerdem kann die Anzahl der Bakterien durch die Plasma-Behandlung reduziert werden – insbesondere auch die von resistenten Keimen. 

 

Das klingt vielversprechend.

 

Ist es auch. Wir haben bisher einige Patienten mit Plasma behandelt und konnten Erfolge sehen, die wir so nicht unbedingt erwartet hätten. 

 

Könnte die Plasma-Behandlung zum Standard bei Wundheilungsproblemen werden?

 

Ich bin häufiger als Referent tätig und setze mich in den Vorträgen auch mit Neuerungen in der Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden auseinander. Dabei ist mir in der jüngsten Vergangenheit aufgefallen, dass die Behandlung mit dem sogenannten Kaltplasma wenig bis gar nicht bekannt ist und damit natürlich auch erst recht nicht die Anwendung von dieser relativ neuen Wundbehandlung umgesetzt ist.  Mit anderen Worten: Die Methode ist im Alltagsgebrauch in den Wundambulanzen noch relativ neu. Außerdem ist es schwierig, evidenzbasierte Zahlen zu bekommen, um somit die Wirkung der Methode auch wissenschaftlich zu belegen. Das liegt vor allem daran, dass hierfür zum einen viel Erfahrung nötig ist, um die Effekte in einer Studie verdeutlichen zu können. Zum anderen gleicht kein Patient, keine Wunde der anderen, was ebenfalls den Evidenznachweis erschwert. 

 

Wie sind Sie auf die Plasma-Behandlung aufmerksam geworden?

 

Ich beschäftige mich seit rund 20 Jahren mit der Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden. Außerdem bin ich in einigen wissenschaftlichen Vereinigungen tätig die das Thema Behandlung von Patienten mit  chronischen Wunden inhaltlich vertreten. Ich werde häufig mit neuen Methoden und Anwendungen in der Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden konfrontiert und neben aller Zurückhaltung, die in der Einschätzung für die Vorteile und Sinnhaftigkeit des Einsatzes neuer Produkte geboten ist, erschließen sich auch gelegentlich neue Lösungen für die Patienten. Denn letztendlich geht es um ihre Lebensqualität. 

 

Was raten Sie betroffenen Patienten?

 

Amputationen haben eine höhere Komplikationsrate als beispielsweise eine Bypass-OP. Häufig kann die Durchblutung durch Ballontechniken oder weit in den Fussbereich reichende Bypassoperationen verbessert werden, obwohl solche Möglichkeiten bereits andernorts verworfen wurden. Deshalb sollte vor schwerwiegenden Eingriffen immer eine Zweitmeinung eingeholt werden, durch die dann gegebenenfalls auch Außenseitermethoden wie die Plasmabehandlung Anwendung finden und erfolgreich sein können.

 

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