Ruf nach Nachhaltigkeit

Oktober 2021 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Ruf nach Nachhaltigkeit

Weniger Fleisch essen, mehr Fahrrad fahren, Slow statt Fast Fashion – es gibt vieles, was jeder von uns tun kann, um zum Klimaschutz beizutragen. Dazu gehört auch das Wohnen.

Illustration: Malcom Fisher
Iunia Mihu / Redaktion

Rund 90 Prozent unserer Zeit verbringen wir in Räumen – Gebäude sind unsere Lebensräume. Wir schlafen darin, essen, lernen, arbeiten, konsumieren, meditieren. Die Beschaffenheit eines Hauses hat Einfluss auf unser Wohlbefinden und gleichzeitig auch auf unsere Umwelt. Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit beim Bauen wird zunehmend lauter. Denn: Der ökologische Fußabdruck der Baubranche ist riesig. Laut der Deutschen Energie-Agentur (dena) entfallen rund 35 Prozent des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs auf Gebäude. „Insgesamt wenden die Deutschen für Raumwärme, Warmwasser, Beleuchtung und Kühlung in Wohn- und Nichtwohngebäuden rund 73 Milliarden Euro auf. Der größte Anteil des Energieverbrauchs in Gebäuden entfällt auf Wohnhäuser: In Ein- und Zweifamilienhäusern werden 39 Prozent der gesamten Energie genutzt, Mehrfamilienhäuser schlagen mit 24 Prozent zu Buche. Die restlichen 37 Prozent am Gebäudeenergieverbrauch gehen auf das Konto der Nichtwohngebäude“, heißt es in einer Mitteilung der dena.

 

Bauen kostet Energie

 

Um ein Gebäude zu errichten, werden Flächen und eine große Menge natürlicher Ressourcen benötigt. Allein um Baustoffe herzustellen, benötigt man viel Energie, häufig stammen diese aus nicht-erneuerbaren Quellen wie Erdöl und Erdgas. Die Folge ist ein Ressourcenverbrauch, den wir uns so eigentlich nicht mehr leisten können. Nachhaltig baut, wer vorausschauend denkt und vor allem in der Planungsphase alle Aspekte mit bedenkt – denn die Bauphase ist nur der Anfang. Wird nämlich ein Haus etwa mit einer Ölheizung beheizt oder kann das Gebäude nur mit dem Auto erreicht werden, hat das mit Nachhaltigkeit nur noch wenig zu tun.
Entscheidend ist auch die Frage nach der Nutzung des Gebäudes – Arbeits-, Wohnraum oder eine Mischform – und wie es instand gehalten wird. „Ein Gebäude ist immer die Summe seiner Teile – aber ob die Summe nachhaltig ist, wird nicht nur von den Materialien bestimmt, die eingesetzt werden. Es sind mehrere Faktoren, die eine Rolle spielen“, sagt Felix Jansen von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Der Verein macht seit 2007 auf die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienbranche aufmerksam. Mittlerweile zählt die DGNB mehr als 1.400 Mitgliedsorganisationen weltweit, ein Zusammenschluss aus Architekten, Investoren, Planern, Kommunen und Wissenschaftlern. Zudem hat der Verein ein eigenes Zertifizierungssystem für Gebäude entwickelt, welches den gesamten Lebenszyklus eines Projekts bewertet anstatt einzelne Bestandteile.

 

Je langlebiger, desto nachhaltiger

 

Experten definieren ein rundum nachhaltig gebautes Gebäude also nicht nur anhand der Bausubstanz. Es muss gut für die Umwelt und auch gut für den Menschen sein. Bei der Planung und Erstellung eines Gebäudes ist es daher wichtig, das ganze Bild zu betrachten. Und je früher sich Bauherren und Planer zusammensetzen und verschiedene Szenarien und Aspekte durchdenken, desto besser. Denn: Als hundertprozentig nachhaltig kann man ein Gebäude eigentlich nur bezeichnen, wenn es auch zukunftsfähig, möglichst langlebig und gesund für Mensch und Umwelt ist.


Auch die Barrierefreiheit eines Gebäudes spielt in Bezug auf die Nachhaltigkeit eine Rolle. Darüber hinaus sind eine klimafreundliche Instandhaltung sowie die Qualität der Innenraumluft, die Schalldämmung bis hin zur Raumbeleuchtung von Bedeutung. Und sollte das Gebäude dann doch irgendwann einmal abgerissen werden, sind die Bestandteile idealerweise weiter verwertbar. Das Gebäude von heute ist das Rohstofflager für morgen. „Da stehen wir zwar noch relativ am Anfang, das Thema Ressourcenschutz beim Bauen wird aber kommen“, sagt Jansen.

 

Green Deal

 

Veränderung braucht ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein, der Gestaltungswille bei Bauherren und Planern nehme aber zu – wenn auch nur langsam. Jansen: „Diejenigen, die sich konsequent für Nachhaltigkeit einsetzen, müssen sich stellenweise immer noch rechtfertigen – und denjenigen, die das konsequent verweigern, wird es noch zu leicht gemacht.“ Das gelte vor allem für größere Firmen und Investoren, die mit Immobilien als Investment arbeiten. Neue Anreize – und damit auch eine größere Verbindlichkeit – kommen aus Brüssel. Der European Green Deal sieht vor, dass in den kommenden Jahren die Renovierungsquote in den Mitgliedsstaaten verdoppelt wird. Derzeit stagniert sie zwischen 0,4 und 1,2 Prozent – viel zu niedrig, konstatiert die EU-Kommission.


Höchste Zeit zu handeln, denn die Gebäude in der EU sind regelrechte Klimakiller. „Insgesamt entfallen auf Gebäude in der EU 40 Prozent des Energieverbrauchs und 36 Prozent der Treibhausgasemissionen. Dies verteilt sich vor allem auf die Phasen Bau, Nutzung, Renovierung und Abriss. Die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden ist daher für die Verwirklichung des ehrgeizigen Ziels des europäischen Grünen Deals, bis 2050 klimaneutral zu werden, von entscheidender Bedeutung“, heißt es auf der Webseite der EU.

 

Erweiterte Förderung

 

Monetäre Anreize seitens des Gesetzgebers sind wichtig, um die Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit im Baubereich anzukurbeln. In Deutschland gilt seit diesem Sommer eine Neuauflage der staatlichen Unterstützung für energie-optimierte Neubauten und Sanierungen. Im Rahmen der „Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG)“ wird erstmals der nachhaltige Hausbau gefördert. Neben den bisher bekannten Effizienzhaus-Klassen (EH), gibt es zusätzlich Nachhaltigkeits-Klassen (NH). Jansen von der DGNB dazu: „Man merkt: Viele wollen das, weil es dafür jetzt plötzlich Geld gibt. Dabei geht es beim Bauen vor allem auch um die Kosten, die anfallen, wenn das Haus einmal steht.“ Eine nachhaltige Bauweise rechnet sich oft später, in der Betriebskostenabrechnung.

 

Hype um Holz

 

Wichtig ist, dass keine Schad- und Risikostoffe verbaut werden – sonst ist das Haus nicht mehr nachhaltig. Bei der Materialwahl geben folgende Fragen Orientierung: Welche Materialien stehen mir zur Verfügung, die in ihren Eigenschaften möglichst wenig CO2 verbrauchen? Dabei geht es darum, sich den gesamten Lebenszyklus eines Materials genau anzuschauen, also von der Herstellung, Verarbeitung bis hin zur Nutzung und späteren Instandhaltung. „Wenn ich Holz verbaue, das aber erst einmal um die halbe Welt transportiert werden muss, ist es nicht mehr nachhaltig“, so Felix Jansen. Zwar sei es gut, dass Holz eine Renaissance erlebe, da es viele umweltfreundliche Eigenschaften hat, aber: „Wenn plötzlich alle Förderungen nur noch in den Holzbau gehen, ist es zu eindimensional und schränkt Planer unnötig ein.“ Derzeit ist die weltweite Nachfrage nach Holz so groß wie nie – der gestiegene Bau-Boom während der Corona-Pandemie könnte der Grund dafür sein. Dadurch ist die Nachfrage im In- und Ausland gestiegen und viele Sägewerke exportieren massiv – vor allem in die USA und nach China.


Bei der Materialwahl für ein nachhaltig gebautes Gebäude wird es Zukunft darum gehen, die effizienteste und bestmögliche Mischung für ein Bauvorhaben zu finden. Denn es gibt nicht das perfekte nachhaltige Baumaterial. „Für jedes Bauvorhaben muss eine individuelle Lösung her. Und je früher sich Bauherren, Ingenieure und Architekten zusammensetzen, umso besser können die verschiedenen Kriterien berücksichtigt werden, ohne dass unnötige Mehrkosten entstehen“, sagt DGNB-Sprecher Felix Jansen.

 

Abrisse hinterfragen

 

Die Klimakrise ist nur zu bewältigen, wenn man nicht nur auf Neubau setzt – häufig ist es nachhaltiger und ressourcenschonender, bestehende Gebäude zu erhalten und im Sinne einer umweltfreundlichen und für den Menschen gesunden Nutzung weiterzuentwickeln. Darauf macht etwa der Verein „Architects for Future“ aufmerksam. Die Bewegung setzt sich – so wie „Fridays for Future“ – für die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens ein und fordert einen nachhaltigen Wandel in der Baubranche. Mit Hinblick auf Ressourcenknappheit und schwindende Biodiversität fordern sie etwa, Abrisse stets kritisch zu hinterfragen und bei der Planung von Bauflächen umzudenken, um einen gesunden Lebensraum und Artenvielfalt zu fördern.

 

Baustoffe der Zukunft

 

Um zukünftig ökologischer und nachhaltiger bauen zu können, benötigt man Alternativen zu Stahl und Beton. Hier eine kleine Übersicht.

 

Lehm: Der älteste Baustoff der Menschheit wird in der Baubranche als nachhaltiges Material wiederentdeckt. Lehm braucht wenig Energie in der Herstellung und ist außerdem wiederverwendbar, kompostierbar und langlebig. Außerdem nimmt Lehm Luftfeuchtigkeit auf und sorgt für ein kühles Raumklima – ideal an heißen Sommertagen.

 

Kork: Man denkt sofort an Weinkorken, aber das nachwachsende Material aus der Rinde der Korkeiche kann noch viel mehr. Es dämmt etwa sehr gut Wärme, Schall und Vibration. Kork eignet sich als Isolationsmaterial, etwa beim Innenausbau für Wandbeschichtungen und Fußböden.

 

Hanf: Die Pflanze gilt als ökologisches Multitalent. Neben der Textilindustrie, Kosmetik und Nahrungsmittelherstellung ist Hanf auch für die Baubranche ein vielseitiger Rohstoff. Er lässt sich etwa zu Dämmwolle, Bodenplatten, Ziegeln oder Putz weiterverarbeiten. Hanfkalk und Hanflehm gelten als ideale Innen- oder Außendämmung in der Sanierung.

 

Flachs: Die Pflanze besitzt hervorragende bauphysikalische Eigenschaften. Natürliche Bitterstoffe machen sie resistent gegen Schädlingsbefall durch Insekten oder Nagetiere. Zudem ist Flachs widerstandsfähig gegen Schimmelbefall. Dämmstoffe aus Flachs sind zugfest und dehnbar und können problemlos Feuchtigkeit aufnehmen.

 

Pilze: Die in der Erde wachsenden Pilzfäden sind ein idealer Baustoff und könnten in Zukunft konventionelle Materialien wie Beton ersetzen, meinen Forscher. Im Rahmen von Forschungsprojekten konnte man bereits Dämmmaterial aus Pilzfäden herstellen – eine vielversprechende nachhaltige Alternative zu Kunststoffschäumen wie Styropor. Pilzmaterial bietet noch einen weiteren Vorteil: Wird es gepresst, erreicht es einen ähnlichen Härtegrad wie Sperrholz.