Von linear zu zirkulär

Der globale Ressourcenverbrauch hat sich in den letzten Jahren vervielfacht, mit weitreichenden ökologischen Folgen. Abhilfe schaffen kann eine Wirtschaftsweise, in der nichts mehr auf dem Müll landet, sondern alles „von der Wiege zur Wiege“ geht...
Illustration: Luisa Jung
Illustration: Luisa Jung
Verena Kern Redaktion

Knapp 17 Millionen Katzen gibt es in Deutschland. Pro Jahr fallen so 630.000 Tonnen Katzenstreu an, die im Hausmüll landen. Je nach Region kann dies bis zu sechs Prozent des Haushaltsabfalls ausmachen und hohe Entsorgungskosten verursachen. Längst gibt es Alternativen. Würde man statt der heute üblichen mineralischen Katzenstreu pflanzliche Produkte – aus Stroh, Sägemehl oder Getreidehülsen – einsetzen, würde die Streu vom Müll zum Wertstoff werden. Durch ihre größere Saugfähigkeit würde die anfallende Menge nicht nur auf ein Viertel sinken. Sie könnte auch, weil kompostierbar, komplett in die Biotonne wandern und dann zu Energie umgewandelt werden. Der Kreislauf wäre geschlossen.

Doch derzeit liegt der Anteil an mineralischer Katzenstreu bei 84 Prozent. Sie steht in Verdacht, durch ihren hohen Feinstaubanteil Atemwegsprobleme zu verursachen. Ihr Abbau in Ländern wie Kanada, Spanien oder Senegal ist wenig umweltfreundlich, dazu kommen die Emissionen aus den langen Transportwegen. Doch trotz der Vorteile der pflanzlichen Katzenstreu ist es bislang nicht erlaubt, sie in der Biotonne zu entsorgen. Geht es nach Entsorgungsfirmen, wird das auch so bleiben. Sie sorgen sich, dass die Katzenfäkalien die Qualität des Biomülls beeinträchtigen könnten.
Die Frage, wie man mit Katzenstreu umgehen sollte, mag nur ein Randaspekt sein, wenn es um das Thema Kreislaufwirtschaft geht. Doch es zeigt exemplarisch, wie viel Potenzial in dem Konzept steckt – und wo es an Grenzen stößt.

Die Idee der Kreislaufwirtschaft ist, wenn man so will, das erste und fundamentalste Prinzip unseres Planeten. So funktioniert die Natur. Alles wird verwertet, nichts wird zu Müll. Wenn ein Baum stirbt, wächst aus dem Totholz neues Leben. Auch der Mensch hat lange so gelebt (und einige bis heute). Doch mit der Industrialisierung setzte sich ein neues Prinzip des Verbrauchens durch, das die natürlichen Grundlagen so sehr in Anspruch nimmt, dass ein ökologischer Kollaps kein völlig abwegiges Szenario mehr ist.

Laut UN-Umweltprogramm UNEP hat sich der globale Ressourcenverbrauch seit 1970 von jährlich 27 auf 92 Milliarden Tonnen fast vervierfacht. Der Begriff „Verbrauch“ ist dabei wörtlich zu verstehen. Über 90 Prozent der gigantischen Stoffströme, die da entnommen und verwertet werden, wird schließlich einfach nur – zu Müll. Verbraucht werden aber auch Luft, Wasser, Boden, Atmosphäre, Pflanzen und Tiere. Die wenig schonende Art, wie die Rohstoffe gewonnen und verarbeitet werden, ist für die Hälfte der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich – und auch für 90 Prozent des Verlusts an biologischer Vielfalt. „Wir durchpflügen die endlichen Ressourcen des Planeten, als gäbe es kein Morgen“, sagt UNEP-Vizechefin Joyce Msuya.

Wird nicht umgesteuert, könnte sich der Ressourcenverbrauch bis 2060 noch einmal verdoppeln – auf dann 190 Milliarden Tonnen pro Jahr. Dabei sind schon heute viele Rohstoffe knapp, selbst ein Allerweltsprodukt wie Sand, der einmal redensartlich für unerschöpfliche Fülle stand.
 

Illustration: Luisa Jung
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Eine konsequente Kreislaufwirtschaft, das ist die Idee, könnte nicht nur zu Klimaneutralität führen, sondern zu einer Welt, die klimapositiv ist.

„Bei der wachsenden Rohstoffknappheit ist Kreislauf die Antwort“, sagt Vanja Schneider, Geschäftsführer der Moringa GmbH. Das Hamburger Unternehmen hat sich nach eigenen Angaben als erster Projektentwickler Deutschlands das Cradle-to-Cradle-Prinzip (von der Wiege zur Wiege) zu eigen gemacht, kurz C2C. Gemeint ist ein kreislauforientiertes Denken und Umsetzen, bei dem verwendete Ressourcen nicht „verbraucht“, sondern „genutzt“ werden. Statt Müll zu produzieren, wie bei dem heute üblichen Cradle-to-Grave-Prinzip (von der Wiege ins Grab), bleiben die Materialien im Kreislauf. Sie sind von vornherein so gestaltet, dass man sie wiederverwenden kann. Mit einem Pilotprojekt in der Hamburger Hafen-City mit 200 Wohnungen will Moringa zeigen, wie es geht: mit recyclefähigen, schadstofffreien Materialien, die leicht demontierbar und sortenrein trennbar sind – das entscheidende Kriterium für das Wiederverwenden.

Ein „Labor“ sei das, sagt Schneider, der mit dem Projekt auch zeigen will, dass sich anfänglich höhere Investitionskosten bei C2C über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes doch rechnen können, weil die Kosten für Energie, Wartung, Instandhaltung und Rückbau geringer sind.

Gerade der Bausektor liegt in Sachen Nachhaltigkeit weit zurück. Ein großer Teil der 250 Millionen Tonnen an mineralischen Abfällen, die in Deutschland jedes Jahr anfallen und 60 Prozent der gesamten Abfallmenge ausmachen, ist Bauschutt. Statt ihn beim Abriss von Gebäuden stofflich zu trennen und so zu einem wertvollen Stofflager zu machen, wird er meist nur zum Straßenbau oder für Lärmschutzwände verwendet. Das Recycling wird zum Downcycling.

Doch es tut sich etwas. Letztes Jahr legte die Bundesregierung erstmals bundesweit einheitliche Regeln zur Wiederverwendung von Baureststoffen fest. Auch in Architektur und Baubranche wird immer häufiger über „zirkuläres Bauen“ gesprochen. „Die Bauwirtschaft“, sagt Vanja Schneider, „hat sich für das Thema geöffnet und sieht darin durchaus ein künftiges Geschäftsmodell.“

Rückenwind könnte das neu eingerichtete Bundesbauministerium geben. Die Ampel-Koalition will einen digitalen Gebäuderessourcen-Pass einführen und plant eine neue Fördersystematik, die stärker auf CO2-Vermeidung ausgerichtet ist. Bei den 400.000 neuen Wohnungen, die pro Jahr entstehen sollen, wird der C2C-Ansatz aber wohl keine Rolle spielen. „Das wäre eine Illusion“, sagt Staatssekretär Sören Bartol. „Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen und die Standards erhöhen“, so der SPD-Mann. „Die Richtung muss stimmen.“

Von einer notwendigen Beschleunigung spricht dagegen Tim Janßen. Der Ökonom hat vor zehn Jahren zusammen mit der Umweltwissenschaftlerin Nora Sophie Griefahn den gemeinnützigen Verein C2C NGO gegründet. Das Ziel: eine zirkuläre Wirtschaft, in der nichts mehr auf dem Müll landet. „Im Studium fiel mir auf, wie wenig der eigentliche Sinn des Wirtschaftens beleuchtet wird“, sagt Janßen. „Da fehlte etwas.“ Was Janßen meint, ist der Aspekt der Nachhaltigkeit, den er schließlich bei Michael Braungart, dem Erfinder des C2C-Konzepts, fand. „Es geht um eine Wirtschaftsweise, die uns und unserer Umwelt nicht nur nicht schadet, sondern nützt.“ Eine konsequente Kreislaufwirtschaft, das ist die Idee, könnte nicht nur zu Klimaneutralität führen, sondern zu einer Welt, die klimapositiv ist. Diese Vision entwirft auch die EU-Kommission mit ihrem Green Deal, in dem auch die Grundlagen für eine zukünftige Kreislaufwirtschaft gelegt werden sollen – wenn die Mitgliedsländer denn mitmachen.

Gerade arbeitet Janßens Verein an einem Leitfaden für den kommunalen Einkauf. Hier, bei den 40.000 Beschaffungsstellen in Deutschland, könnte die Transformation von linear zu zirkulär vorangetrieben werden. Vor zwei Jahren hat die Politik den Kommunen dafür ein starkes Instrument an die Hand gegeben. Im Kreislaufwirtschaftsgesetz ist nun eine Bevorzugungspflicht für umweltfreundliche Erzeugnisse verankert.  

Allerdings ist immer noch sehr viel Luft nach oben. Ob Kommunen oder Unternehmen sich für zirkuläres Wirtschaften engagieren, hängt nach wie vor von Einzelpersonen ab, die sich für das Thema begeistern. Und die genug Zeit, Erfahrung und Expertise haben, um bei den überaus komplizierten Bestimmungen des deutschen Vergabe- oder Baurechts die Chancen für nachhaltiges Handeln erkennen und nutzen zu können.  

Bei der Biotonne hat das bislang nicht funktioniert. Obwohl sie seit zehn Jahren vorgeschrieben ist, gibt es sie erst in der Hälfte der Kommunen.