Hunde richtig auslasten – daraus ist mittlerweile ein großer Markt geworden. Hundeschulen bieten von Agility bis Frisbee zahlreiche Kurse an und das Internet ist voll von Spielzeugen, die den Vierbeiner wahlweise körperlich oder geistig so beschäftigen sollen, dass das Zusammenleben mit dem Menschen möglichst harmonisch verläuft. Denn ein ausgelasteter Hund ist ein glücklicher Hund, der nicht auf dumme Ideen kommt. Natürlich ist es richtig, dass es durchaus zu unerwünschtem Verhalten im Alltag führen kann, wenn Hunde nicht ausgelastet werden und ihren – teils rassespezifischen – Bedürfnissen nicht nachkommen können.
Was die meisten Menschen dabei jedoch vergessen: Entspannung ist für die Tiere mindestens genauso wichtig. „Wenn ich Hundebesitzern sage, dass ein Hund zwischen 16 und 18 Stunden am Tag ruht, schläft, entspannt oder döst und dieser Wert bei Welpen, kranken oder älteren Tieren auf 20 bis 22 Stunden ansteigen kann, sehe ich in der Regel in sehr erstaunte Gesichter“, sagt Martina Friedrichs. Sie ist auf Verhaltenstherapie spezialisierte Tierärztin und Hundetrainerin in Hannover und hat es immer wieder mit Hunden zu tun, die von ihrer Umwelt regelrecht überfordert sind – gerade dann, wenn sie ihre Menschen viel und überallhin begleiten. Die wenigsten Hunde, sagt die Tierärztin, kommen auf die eigentlich benötigten und so wichtigen Ruhezeiten.
Wenn das Hundegehirn keine Zeit bekommt, die vielen Außenreize – einige bewusst gesetzt, die meisten, gerade in größeren Städten, jedoch unkontrolliert auf die Tiere einprasselnd – zu verarbeiten, hat das gravierende Auswirkungen. Die Hunde werden „verhaltensauffällig“. Das kann sich in Form von Aggression äußern, aber auch extremes Bellen, unkontrolliertes Jagdverhalten oder Zerstörungswut können Anzeichen dafür sein, dass ein Hund überfordert, überreizt oder überlastet ist.
RUHE UND ENTSPANNUNG KANN GEZIELT TRAINIERT WERDEN
Deshalb plädiert Martina Friedrichs dafür, Entspannung gezielt zu trainieren. „Deckentraining lässt sich zum Beispiel sehr gut in den Alltag integrieren und bietet später dem Hund die Möglichkeit, an Orten mit mehr Trubel runterzufahren, wenn er gelernt hat, dass er keinen Job mehr hat, sobald er auf der Decke liegt.“ Wichtig für das Entspannungstraining sind Routinen. Dabei verknüpfen die Tiere einen bestimmten Ort und ein bestimmtes Ritual mit Ruhe. Zu beobachten ist das oft beim Autofahren, wo auf einen immer gleichen Ablauf – nämlich einsteigen in die Box oder angeschnallt werden – nichts mehr passiert. So lernt der Hund, im Auto kann er entspannen. Diese Verknüpfung ist auch mit einer Decke oder einem anderen Gegenstand möglich – etwa einem Pullover oder einer Jacke mit dem Geruch von Herrchen oder Frauchen. Der kann außerdem dazu beitragen, dass die Hunde sich beim Ablegen schnell wohlfühlen und abschalten. Idealerweise beginnt man ein solches Entspannungstraining schon im Welpenalter, weil dann sichergestellt ist, dass der Hund genügend Ruhephasen bekommt und negative Auswirkungen von zu wenig Entspannung gar nicht erst auftreten. Doch auch erwachsene und ältere Hunde können lernen, zu entspannen. Auch eine Box als Rückzugsort kann eine Lösung sein, wenn der Hund lernt, hier hat er seine Ruhe, wird nicht angefasst, gestört oder gestreichelt. Dabei sollte die Tür zur Box immer offen sein – zum einen aus tierschutzrechtlichen Gründen, zum anderen, weil der Hund selbst entscheiden kann, wann er sich zurückziehen will. Rückzugsorte in den eigenen vier Wänden sind für die Tiere äußerst wichtig, sagt auch Friedrichs. „Hunde brauchen Wahlmöglichkeiten zum Schlafen und die sollten möglichst abseits vom Geschehen sein. Direkt gegenüber der Haustür entspannt es sich natürlich nicht so gut.“ Ob der Vierbeiner auf die Couch oder mit ins Bett darf, ist Geschmackssache. Dass damit jedoch gleich die hündische Weltherrschaft verbunden ist, ist ein Mythos einer veralteten Dominanztheorie, die wissenschaftlich lange widerlegt ist und im Hundetraining nichts mehr
zu suchen hat. Im Gegenteil: Kontaktmöglichkeiten sind wichtig für die Entspannung, erklärt Martina Friedrichs: „Der Hund ist ein hochsoziales Lebewesen, das die Möglichkeit braucht, in der Nähe seines menschlichen Sozialpartners zu schlafen und zu ruhen“.
»Es gibt Hunde, die brauchen das sogenannte Kontaktliegen, die Berührung mit ihrem Menschen.«
Hunde nachts wegzusperren ist also keine Option. Wie eng die Hunde beim Schlafen den Kontakt zum Menschen suchen, ist individuell. „Es gibt Hunde, die brauchen das sogenannte Kontaktliegen, also die Berührung mit ihrem Menschen, um sich sicher genug zum Entspannen zu fühlen“, gibt Friedrichs zu bedenken.
BESSER SCHLAFEN MIT HUND IM BETT?
Auch für Menschen kann es Vorteile haben, sich das Bett mit ihrem Hund zu teilen, wie ein Team des Canisius College in Buffalo, New York, bereits 2020 herausgefunden hat. Demnach hatten vor allem Frauen, die mit Hund im Bett schlafen, einen besseren Schlaf als diejenigen, die neben ihrem Partner oder ihrer Katze schlafen. Sie gingen früher ins Bett und wachten morgens ausgeruhter auf. Das Team um Christy Hoffman fand außerdem heraus, dass tendenziell ältere Menschen und Singles ihr Bett mit kleinen Hunden teilen.
Ein anderer interessanter Aspekt: Hunde stören den Schlaf durch nächtliche Bewegung sehr wohl. Über einen Tracker fand das Team heraus, dass Frauen dreimal häufiger von einem inaktiven in einen aktiven Zustand übergingen, wenn sich ihr Hund im Bett in der vorangegangenen Minute bewegt hatte. Allerdings erinnerten sich die Frauen nur in 22 der 124 untersuchten Nächte daran, dass ihr Hund ihren Schlaf gestört hatte. „Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass Hunde als Bettgenossen trotz der Störungen, die sie verursachen, möglicherweise ein psychologisches Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit während des Schlafs erfüllen“, interpretiert Hoffman die Forschungsergebnisse.