Modell für die Zukunft

Die heutige Landwirtschaft bedroht die Artenvielfalt und verschärft die Klimakrise. Dabei waren Nachhaltigkeit und Landwirtschaft lange nicht auseinanderzudenken. Wie kommen wir wieder dahin zurück? 

Illustration: Luisa Jung
Illustration: Luisa Jung
Sarah Kröger Redaktion

Der Schwarzwald. Dichte, immergrüne Wälder überziehen sanfte Hügel. Heideähnliche Hochweiden sind Heimat für seltene Insektenarten, wie die Alpinen Gebirgsschrecke, in den wunderschönen Karseen sind seltene Torfmoose und Hochmoor-Libellenarten zu Hause. Ohne die Landwirtschaft wären viele dieser Grünflächen von Wald bedeckt und weniger artenreich. „Ursprünglich hat die Landwirtschaft dafür gesorgt, dass wir in Mitteleuropa ganz unterschiedliche Lebensraumtypen hatten“, erklärt Knut Ehlers, Agrarwissenschaftler und Leiter des Fachgebiets Landwirtschaft im Umweltbundesamt. Erst durch Ackerbau und Beweidung konnte eine Kulturlandschaft entstehen, die für viele Tiere und Pflanzen zum Lebensraum wurde. So entstanden artenreiche Lebensräume, wie Heiden oder Magerwiesen.

Doch je effizienter die Landwirtschaft wurde, desto mehr ging die Lebensraum- und Artenvielfalt verloren. Die Effizienzsteigerungen waren enorm. Heute kann ein Landwirt 137 Menschen ernähren – fast doppelt so viele wie noch 1990. „Wenn wir an das Nachkriegseuropa in den 1950er-Jahren denken, ist es verständlich, dass sich die Landwirtschaft stark darauf fokussiert hat, immer mehr und günstiger zu produzieren“, meint Knut Ehlers. Das primäre Ziel war eine effiziente Produktion, die auch politisch gefördert wurde. Andere Faktoren, wie Umweltschutz, wurden vernachlässigt. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe setzten auf wenige, besonders ertragreiche Nutzpflanzen wie Mais, Reis oder Weizen, die mit viel Dünge- und Pflanzenschutzmitteln angebaut wurden.

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft wurden in den letzten Jahrzehnten viele der geschaffenen Lebensräume wieder zerstört. Aus vielfältigen Äckern und Wiesen wurden monotone, artenarme Flächen. Die einseitigen Kulturfolgen haben den Boden stark ausgelaugt. Viele Landwirtinnen und Landwirte würden gerne umwelt- und tierfreundlicher produzieren, können es sich momentan aber nicht leisten, sagt Knut Ehlers. Sein Vorschlag ist, dass sie mehr finanzielle Unterstützung bekommen, zum Beispiel bei der Umstellung des Betriebes auf eine nachhaltigere Landwirtschaft: „Letztendlich läuft es auf eine Transformation des Landwirtschaftssystems hinaus. Dafür müssen wir Geld in die Hand nehmen und die Betriebe beim Umbau unterstützen.“

Ebenso wichtig wäre es, wenn die EU-Subventionen mehr Umweltschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft fördern würden. Aktuell passiere das in einem zu geringen Maße. Der Großteil des Geldes wird in Form von „Flächen-Prämien“ verteilt, bei der die Betriebe pro Hektar subventioniert werden. Diese Unterstützung ist zwar an die Einhaltung gewisser Mindeststandards gebunden, die sind jedoch so niedrig angesetzt, dass fast alle Höfe sie automatisch erfüllen, erklärt Knut Ehlers. Sinnvoller wäre es, sämtliche Agrarsubventionen gezielt für mehr Umwelt- und Klimaschutz und die Förderung des Tierwohls auszugeben. „Dann würden wir den Umbau der Landwirtschaft sinnvoll unterstützen. Momentan geben wir jedoch zu viel Geld dafür aus, das aktuelle Landwirtschaftssystem zu zementieren.“

Auch die Preise für nachhaltig hergestellte Produkte müssen sich ändern, fordert Knut Ehlers. Denn eine nachhaltige Landwirtschaft ist mit mehr Aufwand verbunden. Daher kann der Ökolandwirt seine Produkte nicht so günstig wie Produkte aus konventioneller Landwirtschaft anbieten. „An der Ladentheke ist dann das Produkt besonders günstig, das besonders schädlich für die Umwelt ist“, sagt der Agrarwissenschaftler. Das sei genau der falsche Anreiz. Das Umweltbundesamt schlägt daher vor, bei tierischen Produkten, die wesentlich stärkere negative Umweltauswirkungen haben, die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Pflanzliche Produkte würden dann von einem niedrigeren Mehrwertsteuersatz profitieren. „So müsste jemand, der sich stärker pflanzenbasiert und damit umweltfreundlicher ernährt, weniger für seine Nahrungsmittel bezahlen.“

Auf dem 500 Jahre alten Hof Lebensberg in Rheinland-Pfalz entsteht gerade ein Modellprojekt für nachhaltige Landwirtschaft. Das junge und hochmotivierte Hof-Team kombiniert auf dem 100 Hektar großen Hof regenerative Anbausysteme, um zu zeigen, dass Landwirtschaft, Klima- und Umweltschutz Hand in Hand gehen können. Dazu probieren sie unterschiedliche Methoden aus: ein regeneratives Agroforstsystem zum Beispiel, bei dem zwischen den Gemüsebeeten Bäume, Sträucher, Beeren und Kräuter wachsen. Dieser Ansatz sorgt für eine hohe Bodenfruchtbarkeit, bietet einen Rückzugsort für Vögel und Insekten und baut Nahrung platzsparend auf unterschiedlichen Ebenen an. Oder eine holistische Weidetierhaltung, die das natürliche Verhalten von Herdentieren nachahmt. Hier werden die Tiere häufig auf neue Flächen versetzt, alte Flächen erhalten genügend Regenerationszeit. Das erhöht die Bodenfruchtbarkeit, steigert den Flächenertrag des Graslandes und sorgt für die Gesundheit der Tiere, die stets frisches und sauberes Futter haben. Die Hofgemeinschaft möchte ein Vorbild für andere Landwirtinnen und Landwirte sein. Michael König, der den Hof gekauft und das Projekt initiiert hat, ist sich bewusst, dass diese sich nicht nur allein vom Idealismus überzeugen lassen. „Wir wollen einen Modellbetrieb hier aufbauen, der zeigt, dass es anders geht. Dazu gehört eben auch, dass der wirtschaftlich ist“, erklärt der Nachhaltigkeitsberater im Interview mit dem SWR. Janine Rabe, die den Hof mitbewirtschaftet, ist zuversichtlich: „Es gibt weltweit schon Pionierbetriebe, die zeigen, dass das möglich ist, die überdurchschnittliche Erträge haben.“

Um die Landwirtschaft in Deutschland wieder nachhaltiger zu gestalten, braucht es finanzielle Unterstützung und erfolgreiche Vorbilder. Doch reicht das? Müssen einfach nur alle landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland auf Biolandwirtschaft umsteigen? „Nein“, sagt Knut Ehlers. „Bleibt der hohe Anteil von tierischen Produkten in unserer Ernährung gleich, wäre auch eine reine Ökolandwirtschaft mit massiven negativen Umweltauswirkungen verbunden. Wer eine nachhaltige Landwirtschaft möchte, kommt an einer Anpassung seiner Ernährungsgewohnheiten nicht vorbei.“
 

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