Wanderpause auf einer Alm in den Südtiroler Bergen. Die Kinder sind erschöpft und hungrig. Hinter der Hütte hoppeln zwei Hasen, um die Ecke liegen zwei Schweine im Matsch. Die sechsjährige Tochter lässt Spinatknödel und Hasen links liegen und tritt ans Gatter. Sie betrachtet die Schweine, ungewohnt still. „Sieh nur, wie schön die Schweine sind, Mama“, sagt sie leise, fast andächtig. „Wie entspannt sie daliegen. Schweine sind wirklich tolle Tiere.“
Man muss dazu wissen: Dieses Kind isst kein Fleisch. Es hat nie Schweinefleisch gegessen und hält das Töten von Tieren für Unrecht. Und doch bringt es diesem Nutztier, dessen Artgenossen in Mastställen oft ein kurzes Leben fristen, fast dieselbe Zärtlichkeit entgegen wie der eigenen Katze zuhause. In diesem flüchtigen Moment steckt eine gesellschaftliche Frage: Was ist es, das uns zu Tieren hinzieht – ob sie nun auf unserem Sofa schlafen oder hinter einem Zaun in den Bergen leben?
EIN SPIEGEL AUF VIER PFOTEN
Nie zuvor haben wir uns mit so vielen Tieren umgeben wie heute. In fast jedem zweiten deutschen Haushalt lebt ein Haustier. In Deutschland leben knapp 34 Millionen Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Ziervögel. Im Jahr 2000 waren es noch etwa 20 Millionen. Ihre Halterinnen und Halter geben Milliarden für Futter aus, richten ihnen Profile in sozialen Netzwerken ein – und trauern um sie, wenn sie sterben, oft wie um einen Angehörigen.
Woher rührt diese Zuneigung? Der amerikanische Biologe Edward O. Wilson prägte dafür 1984 den Begriff der „Biophilie“. Gemeint ist die angeborene emotionale Verbundenheit des Menschen mit anderen Lebewesen – ein Erbe jener Jahrmillionen, in denen unser Überleben davon abhing, Tiere zu erkennen und ihr Verhalten lesen zu können. Die Aufmerksamkeit ist geblieben, auch wenn die Raubtiere aus unserem Alltag verschwunden sind. Heute richtet sie sich auf den Hund im Park oder den Igel im Garten. Ganz selbstlos ist diese Liebe allerdings nicht. Das Haustier ist auch ein Spiegel unserer Sehnsüchte. Nicht selten füllt es eine Leerstelle. In Japan, wo Soziologen längst von einer „Hyper-Solo-Gesellschaft“ sprechen und vier von zehn Menschen sich einsam nennen, wird das Haustier zum Lebensgefährten. Auch hierzulande wächst diese Gemeinschaft. Wie tief sie ein Leben verändert, hat unlängst die erste große soziologische Feldstudie zum Thema gezeigt: Das Team um die Kasseler Soziologin Kerstin Jürgens, das für das Buch „Leben und Arbeiten mit Tieren“ Halterinnen und Halter über Jahre begleitete, stieß auf einen überraschenden Befund. Tiere ordnen ganze Biografien neu: den Tagesablauf, den Freundeskreis, den Wohnort, mitunter die Wahl des Partners, des Berufs, ja die Frage nach eigenen Kindern. Das Tier, schreiben die Forscher, werde zu einer eigenen „Lebensform“. In einer Gesellschaft, in der jeder vierte Tierhalter allein lebt, wird das Tier oft zum verlässlichsten Vertrauten.
Warum ausgerechnet jetzt dieser Boom? Kerstin Jürgens nennt unterschiedliche Gründe: Für manche ist ein Tier Statussymbol. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder Verantwortung übernehmen. Wer mit Tieren aufgewachsen ist, vermisst sie später oft. Darüber hinaus diagnostiziert Jürgens einen gesellschaftlichen Wandel: Tiere schenken Menschen eine Form von Resonanz, die viele in digitalen Beziehungen vermissen.
Auch die Wahl des Tieres kommt nicht von ungefähr. Sie verrät etwas über ihre Halterinnen und Halter, die im Tier oft ein Stück von sich selbst erkennen. Tatsächlich unterscheiden sich Hunde- und Katzenmenschen in Persönlichkeitstests. In einer Studie des Psychologen Sam Gosling ordneten sich 4.565 Teilnehmende selbst als Hunde- oder Katzenfreunde ein und absolvierten einen Persönlichkeitstest. Die Hundefreunde erwiesen sich im Durchschnitt als extravertierter, verträglicher und gewissenhafter, die Katzenfreunde als offener für neue Erfahrungen und etwas neurotischer. Goslings Deutung: Die Eigenschaften des Tieres sprechen offenbar Menschen an, die ihnen in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen ähneln. Auch das Pferd steht für viele Menschen für eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit einem körperlich überlegenen Wesen. Dass darin mehr steckt als bloße Projektion, legen verhaltensbiologische Studien nahe: Pferde erkennen ihre feste Bezugsperson und suchen deren Nähe stärker als die von Fremden. Auch die Halterinnen und Halter aus Jürgens’ Studie beschreiben ihr Verhältnis als „Gefährtenschaft“. Sie wollen dem Tier auf Augenhöhe begegnen, es nicht dominieren, sondern „zur Entfaltung bringen“. „Meist war dabei schon durch die Erfahrungen in der Kindheit der Wunsch nach einem bestimmten Tier angelegt“, sagt Jürgens.
Wohin sich diese Bindung steigern kann, führen prominente Tierhalterinnen und Tierhalter vor Augen. Karl Lagerfeld ließ seine Katze Choupette von eigenem Personal umsorgen. George Clooney lebte achtzehn Jahre mit einem Hängebauchschwein namens Max zusammen. Aus solcher Zuneigung ist längst ein Milliardengeschäft entstanden: mit tierischen Internetstars, Preisverleihungen für „Petfluencer“ und Fernsehsendungen wie „hundkatzemaus“, die seit 2001 auf VOX läuft. Vom Hundefriseur über Tierphysiotherapie bis zur Tierbestattung ist ein ganzer Dienstleistungszweig entstanden, der längst mehr umfasst als die Grundversorgung. Für Kerstin Jürgens ist das Ausdruck eines veränderten gesellschaftlichen Status: „Wir schreiben dem Tier heute einen anderen Rang zu als noch vor fünfzig Jahren, als es draußen gehalten und mit Essensresten versorgt wurde.“ Der Kern aber bleibt derselbe: Wir suchen im Tier ein Gegenüber, das uns guttut. Und diese Suche endet nicht an der Wohnungstür.
Denn es gibt noch eine zweite Sehnsucht, eine ältere, die sich mit dem Sofa nicht begnügt. Die Sehnsucht nach dem Tier, das sich uns entzieht, das keinen Spitznamen trägt, kein Körbchen und keinen Instagram-Account braucht; nach Wolf, Luchs oder Bär. Ihre Rückkehr nach Mitteleuropa gehört zu den bemerkenswertesten Naturgeschichten der Gegenwart. Im Jahr 2000 wurden in der sächsischen Lausitz erstmals seit mehr als 150 Jahren wieder Wolfswelpen in Deutschland nachgewiesen. Heute gibt es in Deutschland 219 Wolfsrudel. Auch in den Alpen streifen wieder Braunbären umher. Viele von ihnen gehen auf Tiere zurück, die im Rahmen des EU-Projekts LIFE Ursus ab 1999 aus Slowenien angesiedelt wurden. Für viele ist das ein Grund zur Freude. Rund achtzig Prozent der Deutschen, meldet der Naturschutzbund NABU, begrüßen die Heimkehr des Wolfs. Er ist zum Sinnbild geworden für eine Natur, die sich erholt. Vielleicht auch für eine späte Wiedergutmachung: Denn jahrhundertelang hatten die Menschen Wölfe gejagt, ausgerottet und sie im Märchen zum Bösen erklärt. der Wolf nun von selbst zurückkehrt, ohne unser Zutun, erscheint manchem beinahe als Wunder. „Wir leben ja zusammen auf einer Erde“, sagt der Wolfsforscher Peter Sürth. Er hat in Rumänien jahrelang Wölfe, Bären und Luchse erforscht. Es gehe nicht darum, das lästige Tier verschwinden zu lassen, sondern das Miteinander zu gestalten.
Das Bild vom wilden Wolf ist aber auch immer eine Projektion. Der Wolf im Kopf ist ein Wesen, das lautlos durch verschneite Wälder streicht. Das wirkliche Tier, das nachts an einem Weidezaun steht, ist ein anderes. Und dort, wo wir beide verwechseln, gibt es ein Problem.
WENN DIE WILDNIS ZURÜCKSCHLÄGT
Der Wolf weiß nichts von seinem Imagewandel. Er reißt noch immer Schafe. Die Zahl der gerissenen oder verletzten Weidetiere in Deutschland ist von 40 im Jahr 2006 auf rund 4.300 im Jahr 2024 gestiegen. Bund und Länder geben inzwischen jährlich mehr als 23 Millionen Euro für Herdenschutz aus. Für den Schäfer, der morgens seine gerissene Herde findet, geht es nicht um ein Symbol, sondern um seine Existenz.
Ein Riss geht mitten durch den Naturschutz. NABU, WWF und BUND werben gemeinsam mit Schäfern für ein Nebeneinander und nennen die Rückkehr des Wolfs und den Erhalt artenreicher Weiden „zwei Seiten derselben Medaille“. Zugleich mahnen selbst Wildtierschützer zur Nüchternheit. Klaus Hackländer, Präsident der Deutschen Wildtier Stiftung, begrüßt die Rückkehr des Wolfs und fordert dennoch ein Management, das im Zweifel auch den Abschuss einzelner Tiere einschließt. „Man kann das Thema nicht mehr romantisieren“, sagt er. Wenn Wildnis Menschen tötet, verändert sich die Debatte schlagartig. Im April 2023 griff die Bärin JJ4 im Trentino einen 26-jährigen Jogger tödlich an. Es war der erste dokumentierte tödliche Bärenangriff in Italien seit Jahrhunderten. Die Stimmung kippte. Mehrere Bären wurden illegal erschossen, die Provinz erlaubte zusätzliche Abschüsse. JJ4 selbst kam später in ein Gehege im Schwarzwald. Die Erinnerung an den „Problembären“ Bruno, der 2006 in Bayern erschossen wurde, war plötzlich wieder präsent. Auch in Deutschland verschob sich die Debatte. Kaum war der Wolf zurückgekehrt, wurde über seine Aufnahme ins Jagdrecht gestritten. Der Widerspruch unserer Tierliebe trat offen zutage: Wir sehnen uns nach Wildnis, aber nur solange sie auf Abstand bleibt.
Denn ein Bär, der einen Menschen tötet, tut nichts Falsches. Er tut, was ein Bär tut. Manche Tiere lassen sich domestizieren, andere nicht. Und die bittersten Missverständnisse entstehen dort, wo wir diesen Unterschied vergessen. Sogar beim Hund. Immer wieder kommt es zu – mitunter tödlichen – Angriffen sogenannter „Kampfhunde“, die daraufhin auf den Rasselisten landen. Die Statistik freilich spricht eine andere Sprache: In Bayern entfielen 2023 von rund 1.480 gemeldeten Beißvorfällen nur etwa 84 auf gelistete Hunde; das sind keine sechs Prozent. Und die vielzitierte Verhaltensforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover kam zu dem Schluss, dass sich Aggressionsverhalten nicht allein an der Rasse festmachen lässt: Hunde vom Pitbull-Typ zeigten im Wesenstest keinen bedeutsamen Unterschied zu anderen. Nicht das Tier hatte versagt, sondern der Mensch, der es falsch erzogen, überfordert oder gar bewusst aggressiv gemacht hatte. „Tiere sind keine Ware“, lautet ein Kernsatz von Organisationen wie PETA. Dahinter verbirgt sich eine unbequeme Wahrheit über die Grenzen der Zähmung. Der Hund ist über dreißigtausend Jahre hinweg zum Gefährten geworden, das Schwein über Jahrtausende. Der Bär und der Wolf sind es nie geworden und werden es auch nie.
KEINE ROMANTIK, SONDERN PFLICHT
Am Ende führt jede Spur zu uns zurück. Wir sehnen uns nach Wildheit, allerdings nur nach ihrer schönen Seite. Die Faszination für Tiere ist zu einem guten Teil die Faszination für ein Bild, das wir uns selbst von ihnen gemacht haben. Die Soziologin Kerstin Jürgens sieht darin nicht einmal einen Widerspruch. „Tiere sind letztlich immer anders als ein Mensch, egal ob Haus- oder Wildtier“, sagt sie. „Genau das macht die Faszination aus.“ Das andere Lebewesen bleibt uns fremd – und vielleicht ist gerade diese Fremdheit der Grund, warum wir ihm mit Achtung begegnen. Das schmälert seinen Wert nicht. Es verpflichtet uns vielmehr. Ob Schwein auf der Alm, Katze auf der Couch, Huhn im Maststall oder Wolf im Wald: Unser Umgang mit ihnen liegt in unserer Hand. Gerade deshalb stehen wir in ihrer Schuld. Das ist keine Frage des Mitgefühls, sondern eine ethische.
Die Schweine auf der Alm sind längst Erinnerung. Die eigene Katze ist inzwischen siebzehn. Sie altert, strauchelt, verliert die Orientierung, sucht unsere Nähe seltener und wird störrisch. Auch diesen letzten Lebensabschnitt gehen wir mit ihr wie mit einem Familienmitglied – dankbar für all die gemeinsamen Jahre, in denen sie uns gezeigt hat, wie viel Nähe zwischen zwei so unterschiedlichen Wesen möglich ist.
8 DINGE, MIT DENEN SIE TIEREN WIRKLICH HELFEN KÖNNEN:
1. ERST INS TIERHEIM SCHAUEN.
Wer ein Haustier sucht, sollte zuerst im Tierheim nach einem passenden Tier suchen. Außerdem gilt: Finger weg von Qualzuchten wie extrem kurznasigen Hunden oder Katzen.
2. VERANTWORTUNG STATT SPONTANKAUF.
Ein Hund lebt bis zu 15 Jahre, eine Katze oft deutlich länger. Vor der Anschaffung ehrlich prüfen, ob Zeit, Geld und Platz dauerhaft reichen. Freigängerkatzen möglichst kastrieren lassen.
3. TIERWOHL BEIM EINKAUF UNTERSTÜTZEN.
Weniger, dafür hochwertigere Tierprodukte kaufen – möglichst von Weide- oder Bio-Betrieben. Wer regionale Wolle, Milch oder Fleisch aus Weidehaltung wählt, unterstützt zugleich den Herdenschutz.
4. WILDTIEREN LEBENSRAUM LASSEN.
Den Garten naturnah gestalten, Mähroboter nachts und in der Dämmerung ausgeschaltet lassen, Wildtiere nicht füttern und Müll sichern. Katzen während der Brutzeit möglichst im Haus halten.
5. WILDTIERE NICHT STÖREN.
Im Wald Abstand halten, Rehkitze oder Jungvögel nicht anfassen und Wildschweine mit Frischlingen weiträumig umgehen. Verletzten Wildtieren nur nach Rücksprache mit einer Wildtierstation oder dem zuständigen Jagdpächter helfen.
6. SICH ENGAGIEREN.
Im Tierheim helfen, eine Tierpatenschaft übernehmen oder seriöse Tierschutzorganisationen unterstützen. Geldspenden helfen Tierheimen oft mehr als Sachspenden.
7. TIERVERSUCHSFREIE PRODUKTE WÄHLEN.
Bei Kosmetik und Reinigungsprodukten auf tierversuchsfreie Herstellung achten. Orientierung bieten Siegel wie Leaping Bunny.
8. AUF ABSTAND ACHTEN.
Haustiere brauchen Zuwendung, Wildtiere vor allem Abstand. Wer Tiere als das achtet, was sie sind, hilft ihnen oft mehr als mit jeder gut gemeinten Geste.