Ob Ausbildung oder Jobwechsel, Familienzuwachs oder eine Trennung – es gibt viele Gründe, warum Menschen eine neue Wohnung suchen müssen. Und wem eine Eigenbedarfskündigung ins Haus flattert, der wird die ganze Ohnmacht der Wohnkrise zu spüren bekommen. Doch es gibt Menschen, die aktiv gegen diese Ohnmacht ankämpfen.
Einer von ihnen ist der Berliner Architekt Lukas Sailer. Gemeinsam mit Tiny-House-Architekt Van Bo Le-Mentzel hat er in der Hauptstadt das Wohnungsbauunternehmen Gemeinwohlbau gegründet. „Wir werden bezahlbare Mietwohnungen für alle Einkommensschichten bauen, insbesondere für Azubis und kinderreiche Familien“, sagt Sailer. Der Ansatz ist ungewöhnlich: Kleine innerstädtische Baulücken mit kompakten Wohnungen bebauen, die von Tiny Houses inspiriert sind. Finanziert werden die Projekte nicht von Großinvestoren, sondern von Bürgerinnen und Bürgern. Grundlage sind sogenannte Genussrechte, über die sich Privatpersonen beteiligen können. Im Schnitt werden 30.000 Euro angelegt, doch es gibt auch Erb:innen, die 100.000 Euro und mehr in die Gemeinwohlbau setzen. „Das ist keine Spende!“, sagt Le-Mentzel. „Wer investiert, wird am Unternehmensgewinn beteiligt.“ Ein Vormietrecht bekommen Kapitalgeber dagegen nicht. Hinter dem Konzept steht die Überzeugung, dass gesellschaftliche Herausforderungen nicht allein Politik oder Immobilienwirtschaft überlassen werden sollten. Unterstützung gibt es von prominenter Seite: unter anderem vom Soziologen Harald Welzer, dem Unternehmer Sebastian Klein sowie der Omas-gegen-Rechts-Aktivistin Gertrud Graf.
Die Ulmer Wohnungs- und Siedlungs-Gesellschaft UWS bietet neuerdings auch Genussrechte an. Und in Baden-Württemberg finanziert die Nestbau AG seit 2010 auf ähnliche Weise bezahlbare Mietwohnungen. Ob daraus ein Modell für weitere Städte wird, muss sich zeigen. Doch überall beginnt Veränderung mit der Frage: Was können wir selbst tun?
gemeinwohlbau.de
Wohnen wie im Tiny House: Bei der Gemeinwohlbau entstehen Mietwohnungen ab 330 Euro. Foto: Tiny Foundation