My home is your castle

Unsere Kolumnistin singt ein Loblied auf das Zuhause, den Ort des Rückzugs und der Kreativität.

 

Marie Fink
Marie Fink
Marie Fink Redaktion

Der Inbegriff eines deutschen Zuhauses war seinerzeit das Reihenhäuschen aus roten Klinkern von Helmut und Loki Schmidt. Jedermann konnte Einblick erhalten in das erstaunlich private Zuhause der beiden. Die hatten es ganz offensichtlich zu ihrem Lebensinhalt gemacht, internationale Politiker, aber auch Künstler und Freunde in ihr Reich einzuladen – oftmals mit Kamerateam. So sind Bilder von Staatsoberhäuptern mit den Schmidts – gemütlich neben Blumenvase und Schachbrett – ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Einen Computer suchte man vergebens. Die Schmidts besaßen über 25.000 Bücher und brauchten keine Suchmaschine.

Das digitale hippe Haus der Zukunft hingegen, deren Fassade rundum aus geräuschlosen Schiebefenstern besteht, verfügt über einen beheizten Infinity-Pool in einem meditativ angelegten japanischen Steingarten. Die Haustür öffnet sich wie von selbst und beim Eintreten erklingt Lounge-Musik. Es bietet genug Platz für viele Gäste, die sich auf Design-Sofalandschaften niederstrecken sollen. Das Smart-Home bestellt dafür natürlich automatisch Lebensmittel und Lieblingsweine und schickt den Bewohner zum Arzt, wenn der Urinspiegel danach auffällig ist.

Die meisten Menschen wohnen weder so noch so. In den pandemiebedingten Lock-down-Zeiten wurde uns nämlich multimedial ein großer Rundumblick in privateste Verhältnisse gewährt. Es gab nicht so schöne, aber auch ganz und gar erfreuliche Eindrücke: zum Beispiel die Sofakonzerte von exzellenten Musikern aus aller Welt, die dank modernster Übertragungstechnik aus ihren Wohnzimmern auf wunderbare Art zusammen spielen konnten.

Das Einladen nach Hause bekam eine neue Qualität. In wahrsten Sinne des Wortes. Bau-, Küchen- und Sanitärmärkte hatten ungeheuren Aufschwung. Wir zimmerten und bastelten oder probierten die aufwändigsten Koch-Rezepte aus. Meine Freundin Claudia verabschiedete sich nach gefühlten 20 Jahren von ihrer Junggesell:innen-Küche. Die imposante Neuerwerbung war prompt da, die Handwerker jedoch nicht.

Wir hatten mächtig Zeit zum Aufräumen. Doch verwahrten wir die im Schrank verstaubten Küchenkrepierer wie Nudel- oder Eismaschinen. Sie bekamen eine neue Daseinsberechtigung. Zur Neuordnung gehörten aber vor allem innovatives Heimkino und Soundanlagen mit himmlischer Klangqualität.

So machten wir eine ganz konkrete Erfahrung: Die Welt draußen lassen tut gut.
Dazu sagt die Wohn-Psychologin Dr. Barbara Perfahl: „Einen Raum zu haben, über den wir bestimmen können, ist uns ein starkes Bedürfnis. Fast schon ein Instinkt“.

Vom Wigwam über die Jurte bis zur Zweiraumwohnung.
Jetzt, wo die Reisewellen sich gerade überschlagen, ist der Wert der eigenen vier Wände erneut von großer Bedeutung. Denn das Zuhause kann viel: Es ist ein Ort der Sicherheit, es dient dem Rückzug oder der Erholung, aber auch der Kreativität und der Gestaltung. Ganz wichtig, es ist der Ort für Kommunikation und Geselligkeit. Letzteres ist ein existenzielles Grundbedürfnis:
Zusammen ist schön. Schön ist zusammen.

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