Green Living

Das Zuhause ist der Ort, an dem wir uns wohlfühlen wollen. Entsprechend sorgsam muss er gestaltet werden. Nachhaltigkeit – von den Materialien bis hin zur Technik – spielt bei der Inneneinrichtung eine entscheidende Rolle.

Illustration von Carina Crenshaw
Illustration von Carina Crenshaw
Julia Thiem Redaktion

Zugegeben, es ist etwas extrem, aber wenn die Gestaltung eines Ensembles nicht mehr den heute vorherrschenden Trends in Architektur und Inneneinrichtung entspricht, ist abreißen und neu bauen natürlich eine Option. Für die hat sich anscheinend FC-Liverpool-Trainer Jürgen Klopp entschieden. Er hat seine Luxus-Finca auf der Balearen-Insel zwar gerade erst für 3,9 Millionen Euro erstanden, die Mallorca-Zeitung mutmaßt jedoch, dass er sich ein etwas moderneres Domizil vorstellt und meldet einen geplanten Abriss für Herbst.

Eine andere Alternative, um in Sachen Wohntrends auf dem neuesten Stand zu sein: abwarten! Denn wie die deutsche Vogue Anfang des Jahres verkündete, „erlebt die Farbe Braun ein Comeback und gehört zu den Interior-Trends 2022“. Die Lieblingsfarbe der 1970-Jahre sorge für Wärme und Geborgenheit in Wohnräumen. Überhaupt seien die Siebziger wieder im Kommen. Daher ein kurzes Memo an alle, die ihr Bad in sattem Ocker, Grün, Blau, Rosa oder eben in Braun noch nicht renoviert haben: Finger weg, ist bald wieder trendy!

Die meisten Deutschen sind allerdings sowieso vorsichtig. Die Bedeutung der eigenen vier Wände ist immens gestiegen, wie unter anderem der aktuelle Life at Home Report von Ikea bestätigt. Auch durch die Corona-Pandemie wurde das eigene Zuhause für 78 Prozent der Befragten weltweit zu einem Rückzugsort, an dem sie entspannen und Kraft tanken können. Drei von vier Befragten in Deutschland teilen diese Einschätzung. Und was braucht ein solcher Rückzugsort? Ein gesundes Raumklima, natürliche Materialien, Pflanzen, Licht, Sicherheit, Nachhaltigkeit und natürlich auch Komfort. Aber der Reihe nach.

Natürlich ist gefragt

Wer sich heute an ein Bau- oder Renovierungsprojekt wagt, informiert sich immer öfter über natürliche Materialien. Mittlerweile gibt es Häuser, die komplett aus Holz gefertigt werden und sogar ohne Leim oder Metall auskommen. Das ist zum einen nachhaltig, sorgt aber vor allem im Inneren für ein angenehmes Klima. Überhaupt können wir uns hier eine Menge von den Bauweisen vergangener Jahrhunderte abschauen. Beispiel Lehm: Wer an einem heißen Sommertag mal die Gelegenheit hat, ein altes Fachwerkhaus mit Lehmwänden zu betreten, sollte sie nutzen. Dort ist es nämlich auch bei größter Hitze angenehm kühl, im Winter hingegen mollig warm. Das liegt vor allem daran, dass Lehmputz Feuchtigkeit aufnehmen und auch wieder abgeben kann. Die Luftfeuchte liegt damit bei konstanten 50 Prozent, was für den Menschen der gesündeste Wert ist. Damit wird auch klar, welchen Mehrwert Lehmputz gerade in Badezimmern leisten kann. Das Verarbeiten ist mittlerweile auch wirklich einfach und unkompliziert und mit speziellen Lehmfarben sind der Raumästhetik keine Grenzen gesetzt. Dass Lehm ausschließlich zu alten Häusern passt, stimmt also längst nicht mehr. Besucher werden auch in moderner Architektur lediglich über das angenehme Klima staunen, allein aufgrund der Verarbeitung aber vermutlich nicht sofort auf Lehm tippen.

Der zweite Klassiker, der in Innenräumen nicht mehr wegzudenken ist, ist Holz. Oona Horx-Strathern vom Zukunftsinstitut spricht mittlerweile sogar schon vom „Age of Timber“, dem Zeitalter des Holzes. Neben Möbeln und Wandverkleidungen ist das Material vor allem als Bodenbelag beliebt. Und auch hier gilt: Nachhaltigkeit und Regionalität sind Trumpf. Daher achten Kunden beim Kauf immer häufiger auf Zertifizierungen wie die des FSC, Forest Stewardship Council, von Naturland, oder PEFC, Programme for the Endorsement of Forest Certification, die eine ökologische Waldnutzung regeln. Aber auch beim Schutz der Materialien wie beim Parkettöl ist es wichtig, auf lösemittelfreie Naturprodukte zu setzen – Stichwörter Raumklima und Wohngesundheit.
 

Illustration von Carina Crenshaw
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Grüne Daumen

Dieser Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit und Natürlichkeit wird durch den „Urban Jungle“ begleitet. Was zunächst „fancy“ klingt, meint nichts anderes als ein Zuhause voller Pflanzen. Denn sie haben eine beruhigende Wirkung und verbessern ebenfalls das Raumklima. Und genau daher kommt vermutlich auch der „Dschungel-Trend“. Denn eine neue Untersuchung von zwei Forschern der amerikanischen Drexel University in Philadelphia zeigt, dass es außerordentlich viele Zimmerpflanzen braucht, um das Raumklima spürbar zu verbessern – außer, man lebt innerhalb eines geschlossenen Systems wie der Raumstation ISS. Für die hat die NASA Pflanzen nämlich luftreinigende Effekte bescheinigt.

Aber abgesehen davon, wie groß die Effekte auf das Raumklima nun tatsächlich sind: Bei einer Studie im Auftrag des Blumenbüro Holland gab die Hälfte der Befragten an, dass sie ihr Lebensumfeld als deutlich angenehmer mit Blumen und Pflanzen empfinden und sich diese außerdem positiv auf ihre Arbeit im Homeoffice auswirken.

Nur in Sachen Trends haben die Deutschen offensichtlich noch Luft nach oben. Denn laut Statista waren 2021 die Orchidee, der Weihnachtsstern sowie die Topf-Rose die beliebtesten blühenden Zimmerpflanzen nach Marktanteil. Während Urban Jungle-Ratgeber eher die verschiedenen Monstera-Varianten, die Geigenfeige oder die Paradiesvogelblume als „must have“ empfehlen. Dabei gilt es, neben den klassischen Übertöpfen auch ins vertikale auszuweichen. Dafür kommen vor allem Farne und Mose aber auch Kräuter für den essbaren vertikalen Garten im Innenraum in Frage. Entweder man investiert dafür in „lebendige“ Bilderrahmen, in die die Kräuter oder Grünpflanzen gesetzt werden, oder baut sich den vertikalen Garten selbst aus Paletten, Gläsern oder Dosen, die dann an der Wand befestigt werden. Aber Vorsicht: Wer selbst baut, muss unbedingt darauf achten, dass die Gefäße auch absolut dicht sind, sonst droht Schimmel und unter Umständen Ärger mit dem Vermieter.

Ein wenig Komfort bitte

So viel Natürlichkeit in den eigenen vier Wände soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Technik ein ebenso großes Trendthema für die Innenausstattung ist. Egal ob reiner Komfort oder für die eigenen Sicherheit: Unser Zuhause wird auch dank Digitalisierung immer nachhaltiger. Möglich machen es die modernen Smart-Home-Systeme. Denn auch sie zahlen auf die Lebensqualität ein. So zeigt gerade eine repräsentative Umfrage der Apotheken Umschau, dass die Deutschen mit Blick auf Wohnen im Alter die Digitalisierung ihres Wohnraums begrüßen. 50 Prozent der heute 50- bis 64-Jährigen wollen sogar möglichst viel dieser digitalen Technik in den eigenen vier Wänden nutzen, um lange selbständig bleiben zu können.

Nachhaltig ist der Einsatz von Technik, weil das Lüften, die Raumtemperatur oder auch die Beleuchtung an die Gewohnheiten der Bewohner angepasst werden können und das Zuhause damit energieeffizienter wird. Aber auch in Punkto Sicherheit kann Technik einen wesentlichen Beitrag leisten – und das weit über die Zutrittskontrolle zum oder Videoüberwachung des Zuhauses hinweg. Auch Rauch- und Brandmelder können mittlerweile mit dem Smart Home vernetzt werden, externe Dienstleister integriert oder Wassermeldungen über Sensoren auf dem Smartphone angezeigt werden, sollte etwas Außergewöhnliches passieren.

Wer sich nun fragt, wo man bei der Umgestaltung des Zuhauses möglichst „smart“ ansetzt? Initiativen wie Smart Home Deutschland stellen nicht nur Ratgeber und Leitfäden zum Download bereit, sondern bieten über ihr Netzwerk sogar Beratungen an.

Ob Jürgen Klopp bei der Idee zum Abriss der Finca an einen oder sogar alle dieser Wohntrends gedacht hat, wissen wir nicht. Die Medien werden aber sicherlich berichten. Und falls er diesen Beitrag vorher noch liest, ein Rat: Altes erhalten liegt auch im Trend!

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