Edel, teuer, grün

Kochen – oder das, was viele Menschen dafür halten – zählt zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Kein Wunder also, dass immer mehr Küchen zu Kultstätten von Design und Technik aufgerüstet werden. Preise spielen für viele Kunden kaum eine Rolle.

Illustration von Carina Crenshaw
Illustration von Carina Crenshaw
Andrea Hessler Redaktion

Wenn Alt-Punker Iggy Pop auftaucht, geht immer noch die Post ab. Oder, pardon, die Küche. Die 75-jährige Musiker-Ikone, Ex-Sänger der Band Stooges, verbreitet die Verdienste der Firma Schock um nachhaltige Spülbecken auf Website und Youtube-Video – selbstironisch, mit sonorem Bariton und, wie ehemals auf der Bühne, mit nacktem Oberkörper. „Sink green“ ist das Motto, „grüne Spülbecken“ also, wenn er vom „Quarzsand in the Bavarian Forrest“ erzählt, aus dem die Spülbecken von Schock hergestellt werden. Luchs und Uhu zwinkern und schauen ungläubig zu.

In strahlendem Weiß und tiefem Schwarz sind die Spülbecken von Schock auf dem Markt und damit in zwei der Trendfarben, die kürzlich auf der Küchenmesse Eurocucina in Mailand zu sehen waren. Bunt, hell und glänzend ist out, aktuell dominieren dezente, oft dunkle Töne bei Lack, Stein und Holz sowie bei Armaturen die Trendfarbe mattes Schwarz. Wie Schock legen auch viele andere Hersteller Wert auf nachhaltige Produktion und Materialien.

Küchen zählen zu den prestigeträchtigsten Einrichtungsbereichen und Preise spielen für viele Kunden offensichtlich kaum eine Rolle. „Der Trend zu höherwertigeren Küchen ist ungebrochen“, stellt Frank Jüttner fest, Vorstandssprecher der Arbeitsgemeinschaft Die moderne Küche (AMK). So gaben die Verbraucher laut GfK im vergangenen Jahr im Fachhandel durchschnittlich 10.337 Euro für eine neue Küche aus. Dies entspricht einem Anstieg von 659 Euro oder knapp sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Die Ansprüche der Kunden im Hinblick auf die Ausstattung der Küche steigen stetig“, sagte Jüttner. Neben dem Design und den Materialien betreffe dies auch die Hausgeräte und Stauraumfunktionen.

Knapp sechs Milliarden Euro haben im vergangenen Jahr alleine die deutschen Hersteller von Küchenmöbeln umgesetzt. Damit waren Küchenmöbel die umsatzstärkste Möbelkategorie auf dem deutschen Markt. Küchen sind, so der Informationsdienstleister Statista, neben Bädern der Wohnbereich, welcher am ehesten modernisiert wird. Während Corona konnten die heimischen Küchenhersteller zulegen und profitierten vom Drang der Menschen, sich während Lockdown und Quarantäne selbst kulinarisch zu verwöhnen. Rund ein Drittel der Deutschen, so die Allensbacher Werbeträger Analyse (AWA), „interessiert sich sehr“ fürs Kochen und hat im sozialen Umfeld angeblich sogar den Status eines kulinarischen Experten, der sich vor Gästen gerne mittels Induktionsherd, Design-Dunstabzug und smartem Kühlschrank profiliert.

Für technische Neuerungen gibt es kaum Grenzen. Der gestresste Großstadt-Bohemien schätzt zum Beispiel Raffinessen wie den Kühlschrank mit eingebauter Kamera, der beim Schließen der Tür automatisch ein Foto des Füllzustands aufs Smartphone schickt. Kühlschränke von Miele lassen sich mittels der Sprach-App Alexa von Amazon steuern. Und Kälte-Spezialist Liebherr hat mit seinem BioFresh Professional Fish & Seafood ein separates Fach entwickelt, in dem Fisch und Meeresfrüchte bei minus zwei Grad gelagert werden können. In der Serie „Peak“ sorgt zudem ein regelmäßiger Nebel aus kühlem Wasser für längere Frische von Obst und Gemüse. Auch wenn diese Neuerungen zusätzlich Energie verbrauchen, so können sie doch dazu beitragen, die Verschwendung von Millionen Tonnen von Lebensmitteln zu reduzieren. Dabei helfen auch Apps wie Home Connect mit Features für Mülltrennung, Müllvermeidung und Indoor Gardening.

Sogar frühere Low-Interest-Produkte wie Dunstabzüge mutieren zu Lieblingsobjekten der Design-Elite. Teils schweben sie wie Satelliten über Kochfeldern, teils saugen sie Kochgerüche in minimalistische Schlitze im Herd und an der Wand. Kochfelder auf Herden passen sich der Größe von Töpfen an, Backöfen werden zu Multifunktionsgeräten mit Mikrowelle und Rezeptdatenbank.

Die technische Unterstützung ist dringend notwendig, denn die Corona-Krise hat die Deutschen nach Einschätzung der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) als Kochmuffel entlarvt. „Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass die Kochkompetenz der Deutschen drastisch sinkt”, beklagt BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff. Viele schafften es angeblich nicht mal, eine Kartoffel zu garen. Trotz Luxus-Ausstattung der heimischen Küche fallen Fremd- und Selbstbild wohl auch in der Kulinarik deutlich auseinander.

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