Zuhause als Zuflucht
Kriege, Krisen, Dauererreichbarkeit: Wenn die Welt unberechenbar wirkt, wird die Wohnung zum Zufluchtsort. Warum aktuelle Wohntrends ein tiefes Bedürfnis nach Geborgenheit spiegeln.
Mascha Dinter / Redaktion
Kriege, Klimakrise, politische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit: Für viele wirkt die Welt heute unübersichtlicher und anstrengender als noch vor einigen Jahren. Umso wichtiger wird ein Ort, an dem sich die Außenwelt für einen Moment aussperren lässt: das eigene Zuhause. Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur im Lebensgefühl, sondern auch in Einrichtungstrends. Warme Materialien, gemütliche Rückzugsorte, persönliche Gegenstände und natürliche Farben vermitteln Sicherheit und Geborgenheit.
„Wenn die äußere Welt schwer vorhersehbar wird, entsteht ein Gefühl von Kontrollverlust“, erklärt Wohnpsychologin Melanie Fritze aus Hamburg. „Die Wohnung ist dann ein Ort, an dem wir wieder Kontrolle erleben. Wir können selbst entscheiden, wie wir sie gestalten. Das ist ein wichtiger Gegenpol zur Hilflosigkeit, die viele derzeit im Außen wahrnehmen.“ Spätestens die Pandemie habe diese Beziehung verändert: „Als wir plötzlich gezwungen waren, deutlich mehr Zeit zuhause zu verbringen, ist vielen erst bewusst geworden, wie zentral dieser Ort für das eigene Wohlbefinden ist.“ In Zeiten ständiger Erreichbarkeit werde die Wohnung zudem zum Raum, in dem man aus beruflichen und sozialen Rollen aussteigen könne. Sie werde so zu einem emotionalen Anker, der Vertrautheit und Stabilität biete.
DER BEWUSSTE RÜCKZUG
Parallel dazu gewinnt ein Lebensgefühl an Bedeutung, das unter dem Begriff „Joy of Missing Out“, kurz JOMO, bekannt geworden ist. Gemeint ist die Freude daran, bewusst nicht überall dabei und nicht ständig erreichbar zu sein. JOMO ist das Gegenstück zur „Fear of Missing Out“ (FOMO), der Angst, etwas zu verpassen. Anstatt jedem Event hinterherzujagen oder permanent durch soziale Netzwerke zu scrollen, entscheiden sich Menschen bewusst für Rückzug und Entschleunigung. Sie greifen lieber zum Buch auf dem Sofa oder verbringen einen Abend ohne Bildschirm. Das eigene Zuhause spielt dabei eine Schlüsselrolle, denn es ermöglicht diese bewussten Auszeiten. Voraussetzung ist allerdings, dass die Wohnung auch tatsächlich als Rückzugsort erlebt wird.
Dass bestimmte Räume oder Sitzplätze besonders beruhigend wirken, ist kein Zufall. Unser Gehirn bewertet ständig, ob eine Umgebung sicher erscheint. Deshalb fühlen sich viele in geschützten Sitzecken besonders wohl. „Das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle gehört zu unseren grundlegendsten psychologischen Bedürfnissen“, erklärt Fritze. Besonders angenehm wirken deshalb Plätze, von denen aus Tür und Fenster im Blick bleiben. Auch klare Raumstrukturen helfen, zur Ruhe zu kommen. Offene Wohnbereiche lassen sich durch Regale, Raumteiler oder bodentiefe Vorhänge in Zonen einteilen. So entsteht eine klare Botschaft an das Nervensystem: Hier wird gearbeitet, dort entspannt. „Eine Rückzugsinsel muss kein eigenes Zimmer sein“, sagt Fritze. „Ein Lesesessel am Fenster oder ein gemütlicher Platz auf dem Balkon können bereits ausreichen. Entscheidend ist, dass dieser Bereich die Funktion hat, zur Ruhe zu kommen.“
WENIGER REIZE, MEHR ERHOLUNG
Dass die Sehnsucht nach Rückzug wächst, hat auch mit der digitalen Dauerpräsenz zu tun. Laut einer Studie der IU Internationalen Hochschule vom Mai 2026 prüfen 81 Prozent der Deutschen mindestens einmal pro Stunde ihre Geräte, selbst ohne Benachrichtigung. Mehr als die Hälfte der Befragten würde gerne häufiger offline sein, rund 44 Prozent haben das Gefühl, gedanklich ständig „auf Empfang“ zu sein. „Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer realen Bedrohung und beunruhigenden Nachrichten auf dem Smartphone“, sagt Fritze. „Wenn wir ständig das Außen ins Innere holen, stressen wir uns dauerhaft.“ Deshalb empfehlen Wohnpsychologen reizarme Zonen ohne Bildschirme und Arbeitsunterlagen. Vor allem das Schlafzimmer sollte möglichst frei von Geräten bleiben. Auch Ordnung spielt eine Rolle. Gemeint ist nicht Perfektion, sondern visuelle Ruhe. Persönliches darf sichtbar bleiben, Belastendes verschwindet hinter Schranktüren. Das Bedürfnis nach Geborgenheit zeigt sich auch in den Einrichtungstrends. Vintage-Möbel, Familienerbstücke, handgefertigte Keramik und Mitbringsel aus dem Urlaub erleben eine Renaissance. Wenn das Zuhause zum Schutzraum wird, gewinnen Dinge an Bedeutung, die Identität stiften und Erinnerungen wecken. „Diese Gegenstände stärken die Bindung an unsere Wohnräume“, erklärt Fritze. „Um uns wohlzufühlen, brauchen wir einen Bezug zu den Räumen, in denen wir leben.“ Das kann die alte Kommode der Großmutter sein oder ein Sessel, der vom ersten selbstverdienten Geld gekauft wurde. Solche Objekte würden vielleicht keinen Designpreis gewinnen, für das persönliche Wohlbefinden sind sie jedoch oft wertvoller als Massenware.
WARME FARBEN UND NATURMATERIALIEN
Auch die Materialwahl beeinflusst, wie viel Geborgenheit ein Zuhause ausstrahlt. Gefragt sind Naturmaterialien wie Holz, Rattan, Leinen oder Baumwolle, dazu Zimmerpflanzen, die Räume lebendiger wirken lassen. Warme Naturtöne, sanfte Grün- und Blaunuancen oder gedämpfte Erdfarben wirken beruhigend und können das subjektive Stressniveau senken. Knallige Farben haben ihre Berechtigung, sollten aber sparsam eingesetzt werden. Auch Licht zählt: Mehrere Lichtquellen und warmes Licht am Abend unterstützen den natürlichen Biorhythmus.
Ob kleine Stadtwohnung oder großes Einfamilienhaus: Entscheidend für das Wohlbefinden ist laut Fritze nicht die Quadratmeterzahl, sondern das Gefühl von Kontrolle, Privatheit und Zugehörigkeit. „Die stärksten wohnpsychologischen Effekte entstehen nicht durch ein großes Budget, sondern durch Licht, Persönlichkeit und Rückzugsmöglichkeiten.“ Vielleicht erklärt das, warum die Sehnsucht nach einem gemütlichen Zuhause gerade jetzt so groß ist. In einer Welt, die immer unberechenbarer erscheint, wird die Wohnung zum Ort, an dem wir finden, was im Außen oft fehlt: Verlässlichkeit, Ruhe und das Gefühl, einfach wir selbst sein zu können. Bleibt zuletzt nur die unbequeme Frage, wie viele sich das leisten können. Denn während Geborgenheit selbst kaum etwas kostet, wird das sichere Zuhause, in dem sie überhaupt entstehen kann, für viele zum Luxus.