Viele beschäftigen sich erst im Alter mit dem Tod. Warum ist das eigentlich zu spät?
Weil Verdrängung nicht vor dem Tod schützt. Unsere Kultur ist besessen von Langlebigkeit, Prävention und Leistungsoptimierung. Wir tun so, als ließe sich der Tod damit ausblenden. Doch wer sich früh damit auseinandersetzt, lebt leichter. Man wird gelassener. Auch ältere Menschen erzählen mir oft, wie befreiend es ist, endlich darüber zu sprechen.
Welche Rolle spielen Angehörige bei dieser Auseinandersetzung?
Eine riesige. Wenn niemand weiß, was die oder der Verstorbene wollte – Feuerbestattung, Erde, Wald, Meer? – entstehen Konflikte. Über Wünsche vorher zu sprechen, nimmt allen Last. Oft hilft eine neutrale Person bei der Moderation, da Familien in festgefahrenen Mustern stecken können.
Wo und wie möchten die meisten Menschen sterben – und wie sterben sie tatsächlich?
Die meisten möchten zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld sterben. Tatsächlich passiert das nur bei rund einem Viertel. Der Großteil stirbt in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, oft wegen langwieriger Erkrankungen. Wichtig ist zu wissen: Verstorbene kann man aus Kliniken noch einmal nach Hause holen, um Abschied zu nehmen. Das wissen viele nicht.
Weshalb ist die Feuerbestattung so verbreitet?
Sie ist günstiger und bietet mehr Möglichkeiten – Verstreuung im Wald, auf See oder im Ausland. Der Moment, in dem ein Körper in ein anderes Element übergeht, ist sehr kraftvoll.
Es gibt aber auch viele neue Bestattungsformen.
Definitiv. Etwa der Pilzsarg aus lebendem Myzel, der den Körper in nährstoffreiche Erde verwandelt. Oder die Reerdigung in überirdischen Bio-Kokons, die den Körper in etwa 40 Tagen kompostieren. Bestattungswälder boomen ebenfalls.
Ist das klassische Bild vom Friedhofsbesuch noch zeitgemäß?
Das liegt ganz an uns. Der Ursprung dieser Rituale ist eigentlich wunderschön, aber wir müssen sie mit neuem Leben füllen. Der Toten zu gedenken, sollte sich nicht ausschließlich auf das Grab konzentrieren. Wir können überall Momente und Relikte des Erinnerns schaffen.