Wie steht es um das Glück im Alter?

Glücksforscher und Wirtschaftsprofessor Dr. Bernd Raffelhüschen erläutert, warum Geld zufrieden macht, Gesundheit aber nicht unbedingt.
Illustration: Stephanie Hofman
Illustration: Stephanie Hofman
Interview: Mirko Heinemann Redaktion

Außerdem: Wo leben die glücklichsten Menschen, warum machen Enkel glücklicher als Kinder, und wie sicher ist die Rente jetzt und in Zukunft?

Herr Raffelhüschen, Sie sind Autor des Glücksatlas, eine jährliche Studie über die Zufriedenheit der Deutschen. Wo in Deutschland leben die glücklichsten Seniorinnen und Senioren?

Die glücklichsten Menschen leben in Schleswig-Holstein. Das zieht sich durch alle Altersklassen, betrifft also auch die Älteren. Was sich jetzt gezeigt hat: Die Unterschiede sind deutlich weniger groß als früher. Es gibt aufgrund der Corona-Krise einen Gesamttrend, der nach unten zeigt, und dabei sind alle näher zusammengerückt. Die Glücksunterschiede im Norden, Süden, Osten und Westen sind während der Corona-Krise geringer geworden. Und alle sind deutlich weniger glücklich als zuvor.

Warum liegt der Norden vorn?

Das ist schon seit vielen Jahren gleichbleibend so, und den Trend sehen wir auch bei internationalen Studien: Die glücklichsten Menschen der Welt leben in Dänemark. Das hat mit subjektiven Faktoren zu tun, die ich gern später erkläre. Interessant war eine neue Entwicklung: In unserer nationalen Erhebung hat sich auch Sachsen-Anhalt neben Schleswig-Holstein an die Spitze geschoben. Das ostdeutsche Bundesland lag vor der Pandemie noch auf Platz 13. Aber nicht, weil die Menschen in Sachsen-Anhalt durch Corona glücklicher geworden sind. Sondern das Glücksniveau ist dort weniger stark abgesackt als anderswo. Am schlimmsten hat es Berlin getroffen, unter anderem wegen dem hohen Anteil von Selbstständigen in der Hauptstadt. Sie waren, etwa im Einzelhandel und bei Dienstleistungen, besonders stark von den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie betroffen.

Welche Faktoren sind denn für das Glück verantwortlich?

Wir haben in der Glücksforschung vier Faktoren ausgemacht. Da wäre zum einen die Gesundheit und alles, was damit zusammenhängt. Der zweite Faktor ist Gemeinschaft und alles, was damit zusammenhängt. Also Partnerschaft, Familie, Kinder, Freundschaften. Nummer drei ist das Geld. Hier irrt der Volksmund nämlich: Geld macht statistisch gesehen definitiv glücklich. Und der vierte Faktor ist die Mentalität oder die genetische Disposition. Diese kann man statistisch nicht erfassen, und die ist es auch, die letztlich verantwortlich für die hohe Zufriedenheit im Norden ist. Sie scheint geradezu infektiös aus Dänemark in Richtung Schleswig-Holstein gewandert zu sein. Als Mensch, der dort oben an der Grenze aufgewachsen ist, würde ich es auf das Hygge-Gefühl schieben, den Wunsch, es sich gemütlich zu machen. Diese Attitüde könnte hinter den hohen Glückswerten stehen.

Welche Rolle spielen denn genau Gesundheit, Familie, Finanzen? Kann man die Faktoren statistisch genauer aufschlüsseln?

Ja, wir haben ziemlich gute statistische Daten darüber. Wir wissen, wie gesund sich jemand fühlt, ob er hin und wieder mal  mit  Leuten ein Bier trinken geht und so weiter. Die Tatsache etwa, dass man gesund ist, ist nicht ausschlaggebend für die Zufriedenheit, sondern eher: Was mache ich für meine Gesundheit? Ein nicht Gesunder, der  an seiner Gesundheit arbeitet, ist deutlich zufriedener als ein vollständig Gesunder, dem seine Gesundheit egal ist. Wer daran arbeitet, wer also läuft oder Sport macht, ist immer zufriedener als jemand im gleichen Gesundheitszustand, der das nicht macht.

Wie sieht es bei den Finanzen aus? Wie viel Geld macht glücklich?

Laut den Studien von Angus Deaton, der für seine Glücksforschung 2015 den Nobelpreis bekam, stoßen wir mit einem jährlichen Einkommen von 75.000 Dollar an eine Grenze, über der jeder Euro mehr nicht mehr zufriedener macht. Allerdings, was in den Medien untergegangen ist: Die Daten  dazu stammen aus den 1940/50er-Jahren, und damals konnte man sich von diesem Betrag deutlich mehr leisten, als das heute der Fall ist. Die Sättigung ist demnach höher. Selbst ein Einkommensmillionär ist, wenn er auf der Straße einen Hundert-Euro-Schein findet, kurz danach immer noch zufriedener, als er vorher war. Allerdings: Der Zuwachs an Zufriedenheit durch mehr Geld ist geringer, je mehr Geld man insgesamt schon besitzt.

Gilt das nur für Geldvermögen oder auch für Sachwerte, etwa Immobilien?

Wir wissen: Wer Immobilien besitzt, ist zufriedener als jemand, der keine besitzt. Und: Wer in den eigenen vier Wänden lebt, ist zufriedener als jemand, der zur Miete wohnt. Wichtig ist zu wissen, dass Immobilienbesitz in Deutschland relativ breit verteilt ist. Wir jammern zwar darüber, dass die Immobilienpreise so stark steigen, aber die Hälfte der Deutschen jammert nicht. Denn die Hälfte besitzt Immobilien und ist nicht traurig darüber, dass die Preise steigen. Das kommt aber in den Medien so nicht vor. Vielleicht deshalb, weil viele Journalisten nicht zu denjenigen gehören, die Immobilien besitzen?

Diese Frage wäre eine eigene Studie wert. Wie sieht es denn mit dem Familienglück aus? Ist das belegbar?

Ja. Der Mensch, der Verantwortung für andere übernimmt, ist im Regelfall glücklicher. Im Regelfall heißt hier: Es kommt auf sein Alter und das der Kinder an. Kinder machen glücklich, aber Kinder können eben auch mal nerven, wie jeder weiß, der Kinder hat. Es gibt schwierige Phasen, etwa in der Mitte des Lebens, wenn der Berufsstress hoch ist und die Kinder sich mitten in der Pubertät befinden – diese Stressphase bewirkt eine statistische Delle in der Lebenszufriedenheit. Zufriedener sind Jüngere und Ältere.

Womit wir beim Glück im Alter wären. Ist das belegbar?

Ja, unter anderem mit dieser Erkenntnis: Enkel machen deutlich zufriedener als Kinder. In der Lebensphase, wenn die Kinder aus dem Haus sind und es ruhiger wird, steigt die Zufriedenheit wieder an. Wir verzeichnen insgesamt eine U-förmige Verteilung der Zufriedenheit im Lebenslauf: Die Jüngeren wissen nicht, was auf sie zukommt. Sie sind blauäugig und deshalb zufriedener. Und Ältere schwimmen in ruhigem Fahrwasser und sind deshalb zufriedener. Die in der Mitte haben den Stress.

Wie sieht es mit dem sozialen Leben aus? Wie viele Freunde braucht man, um glücklich zu sein?

Darüber haben wir keine Zahlen erhoben. Aber ähnlich wie bei der Gesundheit geht es hier um das Engagement: Die Tatsache, ob man mit Freunden oder Bekannten etwas unternimmt, dass man ehrenamtlich tätig ist, sich in der Kirche oder woanders engagiert – das macht glücklich.

Welche Auswirkungen hatte die Entstehung und der Verlauf der Corona-Pandemie auf das allgemeine Glücksempfinden?

Es entsprach einer Sinuskurve: Anfang 2020 konnte man ja noch gar nicht von einer Pandemie sprechen, das war ein leichter Lufthauch gegenüber dem, was da später kam. Dennoch verfielen wir in Panik, haben sogar einen Lockdown beschlossen. Aus heutiger Sicht war das vielleicht verfrüht, aber damals konnte die Politik aufgrund der öffentlichen Sorge nicht anders reagieren. Dann kam die erste Erleichterung im Sommer. Zum Jahreswechsel 2021 rollte dann die erste wirkliche pandemische Welle an. Die Inzidenz damals war nur halb so hoch wie heute, aber es starben dreimal mehr Menschen. Und es gab noch keinen Impfstoff, keine Möglichkeit sich zu schützen. Das war ein deutlicher Tiefpunkt im allgemeinen Glücksempfinden.

Wann ging es wieder bergauf?

Den größten Schub an Zufriedenheit und Zuversicht brachte dann die Impfung. Im vergangenen Juli gab es eine allgemeine Euphorie, die angesichts der vierten Welle gewichen sein dürfte. Wie es aktuell aussieht, darüber haben wir keine Daten. Aber einen Rat hätte ich, auch und vor allem an die Medien. Und der lautet: Ruhe bewahren! Corona ist nicht das Schlimmste, das unserer Gesellschaft passieren kann. Hätten unsere Eltern wegen der Tuberkulose, die damals höchst ansteckend war, das Wirtschaftswunder nicht vollbracht, wären wir nicht dort, wo wir jetzt sind.

Viele machen sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Rente. Welchen Einfluss hat sie auf das Glück im Alter?

Das Problem sind nicht die gegenwärtigen Renten, sondern die zukünftigen Renten. Denn eines ist klar: Aufgrund der demografischen Entwicklung werden wir irgendwann in den Jahren 2030 bis 2040 entweder den Rentnern sagen müssen, dass sie von den Beitragszahlern nicht mehr viel kriegen können. Oder wir müssen den Beitragszahlern sagen, dass sie deutlich viel mehr zahlen müssen. Denn die Zahl derjenigen, die sie zu versorgen haben, wird deutlich wachsen.

Das Problem ist nicht neu. Warum wurden keine Gegenmaßnahmen ergriffen?

Das ist mir unverständlich. Ich war in den 1990er- Jahren Professor in Norwegen. Dort gibt es mit dem Staatsfonds das größte kapitalgedeckte Vorsorge-instrument der Welt, und es ist extrem erfolgreich. Gemeinsam mit Kollegen habe ich schon früh eine kapitalgebundene Rente für Deutschland vorgeschlagen, um die Generation der Babyboomer sicher durch die Rente zu bringen. Jetzt, mit der neuen Regierung, soll die kapitalgebundene Rente auch in Deutschland kommen. Sie wird aber einen Vorlauf von 30 Jahren brauchen, um entsprechende Wirkungen  zu entfalten. Und das ist für die Babyboomer-Generation zu spät. Der Zug ist abgefahren. Für die Generation 55plus heißt es also: Die Rente ist in ihrer Höhe alles andere als sicher.

Wie ist es heute? Laut Umfragen zweifeln viele Ruheständler an der Sicherheit ihrer Rente.

Das Empfinden, die Rente sei nicht mehr sicher, ist unverständlich. Den heutigen Rentnern geht es relativ gut. Sie haben definitiv eine sichere Basisversorgung, und die meisten Rentner haben auch noch andere Einkommensarten oder wohnen in den eigenen vier Wänden. Die Armutswahrscheinlichkeit eines Rentners in Deutschland liegt im Durchschnitt bei etwa drei Prozent. Also: 97 Prozent sind nicht arm. Die Armutswahrscheinlichkeit eines ostdeutschen Rentners beträgt 1,5 Prozent. Die Armutswahrscheinlichkeit eines Kindes in Deutschland hingegen liegt bei 15 Prozent. Bei einer alleinerziehenden Mutter liegt sie bei weit über 20 Prozent. Also: Wir haben ein Problem mit Armut in Deutschland. Das Problem einer Altersarmut aber gibt es höchstens in den Zeitungen.

Wozu wurde dann kürzlich die Grundrente beschlossen, die eine Aufstockung für Rentner unter der Armutsgrenze vorsieht?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie Arbeitsminister Hubertus Heil fragen. Meiner Ansicht nach war sie eine ganz schlechte Idee. Denn eines muss man dazu grundsätzlich sagen: Wir Menschen waren  im letzten Auffangnetz in Deutschland immer gleichgestellt. Das bedeutet: Arme Männer und arme Frauen, arme Süd- oder Norddeutsche, arme Alte und arme Junge werden in der Grundsicherung, die ein Menschenrecht ist, gleich behandelt. Diesen Gleichheitsgrundsatz hat Hubertus Heil mit der Grundrente gebrochen. Nun werden arme Alte besser behandelt als arme Junge und andere kommen auch auf die Idee.

Hier drängt sich der Vergleich zum Klimawandel auf. Der wird junge Menschen auch deutlich härter treffen als ältere. Also auch hier: Glückliches Alter?

Das ist schwer zu sagen. Aus der Glücksforschung haben wir hierzu keine Erkenntnisse, aber ich persönlich halte die Diskussion für stark mediengetrieben. Greta Thunberg wird ja fast schon zur Heiligen Jungfrau von Orleans stilisiert. Es gibt, ganz klar, zu viele Menschen auf dieser Welt. Es wurde zu viel CO2 ausgestoßen und es wurden fossile Energieträger im Übermaß genutzt. Darüber gibt es keinen Zweifel. Aber die Welt zu retten, indem Deutschland seinen CO2-Ausstoß auf Null senkt? Das ist extrem teuer und wird das Problem nicht lösen. Deutschland kann die Welt nicht im Alleingang retten. Viel wichtiger wäre es, mit Staaten wie Indien und China zu verhandeln, wo die Senkung des CO2-Ausstoßes ein Bruchteil vom dem kostet, was sie hierzulande kostet. Und diese Diskussion, finde ich, führen ältere Menschen durchaus rationaler als die Jungen.

 

Professor Dr. Bernd Raffelhüschen, 64, ist Direktor des Forschungszentrum Generationenverträge am Institut für Finanzwissenschaft und Sozialpolitik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 1994 bis 1995 war er Professor an der Universität Bergen in Norwegen. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Mitglied in verschiedenen Aufsichtsräten und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Leiter des jährlich erscheinenden Glücksatlas der Deutschen Post.

 

Der Glücksatlas der Deutschen Post

Zum elften Mal hat die Deutsche Post im November 2021 den Glücksatlas zur Lebenszufriedenheit der Deutschen vorgelegt. Die Daten stammen von einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach mit mehr als 8.400 Beteiligten. Die Befragten wurden unter anderem gebeten, ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala anzugeben. 0 stand für „überhaupt nicht zufrieden“, 10 für „völlig zufrieden“. Befragt wurden die Menschen zwischen Januar und Juni 2021, also in einer Phase mit einem Lockdown, aber auch mit Lockerungen und steigenden Impfzahlen. Die wissenschaftliche Leitung hat Professor Dr. Bernd Raffelhüschen.

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